Baustellen als Härtetest für Betriebe in der City

18. August 2009, 18:57
80 Postings

Die Textilkette Peek & Cloppenburg reißt in der Wiener Kärntner Straße die nächste Großbaustelle auf - Angrenzende Gastronomen fürchten um ihre Existenz

Wien - "Wenn das hier noch länger so weitergeht, dann kann ich wohl zusperren." Herr Metin grillt in der Wiener Innenstadt seit zehn Jahren Döner. Ob er den Winter in der Johannesgasse erleben wird, bezweifelt er. Sein Schanigarten ist einem Gerüst gewichen. Auf seine Tresen legt sich Baustaub. Hat ein Kunde den Weg an der Absperrung vorbei zu ihm gefunden, kämpft er gegen das Dröhnen der Maschinen an.

Die Kärntner Straße ist ein Labyrinth der Baustellen und ab sofort um eine neue ergänzt. Der Textilkonzern Peek & Cloppenburg zieht in die Einkaufsmeile ein, reißt zuvor aber das alte Gebäude an der Ecke Kärntner Straße / Himmelpfortgasse auf rund 18.000 Quadratmetern Fläche ab. Seit der Vorwoche wird bereits im Gebäudeinneren gearbeitet. Nun wurden auch außen die ersten Gebäudeteile abgerissen.

Er habe seit Beginn der vielen Bauarbeiten in der Wiener City 90 Prozent seiner Kunden verloren, seufzt Metin und deutet resigniert auf den Dönergrill. "Davon kann ich abends gut die Hälfte wegwerfen. Es ist Mittagspause, aber sehen Sie Gäste?" Er habe bei der Stadt Wien um einen Ersatzcontainer an einem ruhigeren Standort angesucht. Bekommen hat er keinen.

Bis vors Eingangstor reiche beim Nachbarn McDonald's in der Regel die Gäste-Schlange, weiß eine Stammkundin. "Aber jetzt ist sogar im Lokal alles verwaist." Auch die Besitzerin eines Sushi-Restaurants ums Eck muss ihren Gastgarten in Zukunft entbehren. Ein riesiges Schild am Baugerüst soll Touristen zu ihr lotsen. Gekommen sei bisher keiner. Wie es mit ihrem Betrieb weitergehen soll, weiß sie nicht.

Dass jetzt mit dem Abriss des Gebäudes, in dem bis 2007 Beamte des Finanzministeriums ihre Büros hatten, begonnen werden konnte, liegt an einer Einigung zwischen Peek & Cloppenburg und der Schuhhandelskette d'Ambrosio. Diese hatte auf ihren unbefristeten Mietvertrag beharrt und finanzielle Entschädigung gefordert. Kolportiert war eine Summe von 14 Millionen Euro worden. Der Anwalt der Firma hatte stets betont, dass weit weniger gefordert werde. Die Einigung sieht nun vor, dass d'Ambrosio für die Dauer der Bauarbeiten in der Kärntner Straße ein Ausweichquartier bekommt.

Der Abriss des Bürogebäudes wird voraussichtlich sieben Monate dauern. Läuft alles nach Plan, steht innerhalb von 14 Monaten der Rohbau des Gebäudes, das der englische Architekt David Chipperfield entworfen hat. 2011 soll der neue Flagship-Store - das "Weltstadthaus" - eröffnet werden.

Schutz-Asphalt

Rund 10.000 Lkw-Fahrten werden notwendig sein, um den Schutt abzutransportieren und Baumaterial anzuliefern. Die Befürchtungen, dass dabei das neue Pflaster auf der Kärntner Straße beschädigt werden könnte, teilt man im Büro von Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker (SP) nicht. "Die Lkws fahren über die Johannesgasse und die Himmelpfortgasse", sagt ein Sprecher Schickers. Außerdem sei im Baustellenbereich eine provisorische Asphaltdecke aufgebracht worden, die Granitplatten werden erst nach Bauende verlegt.

Geschäfts- und Lokalbetreiber, die durch die Baustelle nachweislich Umsatzeinbußen haben, können um Unterstützung ansuchen. Für kleine und kleinste Betriebe gebe es in Härtefällen für die Dauer der Bauarbeiten direkte Unterstützung aus dem Existenzsicherungsfonds, heißt es bei der Wiener Wirtschaftskammer. (Bettina Fernsebner-Kokert, Verena Kainrath, DER STANDARD Printausgabe, 19.08.2009)

  • Die Ecke Kärntner Straße / Johannesgasse existiert seit Dienstag nur
noch teilweise. Peek & Cloppenburg möchte in der Wiener City 2011
seinen neuen Flagship-Store eröffnen.
    foto: regine hendrich

    Die Ecke Kärntner Straße / Johannesgasse existiert seit Dienstag nur noch teilweise. Peek & Cloppenburg möchte in der Wiener City 2011 seinen neuen Flagship-Store eröffnen.

Share if you care.