Afghanistans Problem heißt Karsai

18. August 2009, 18:48
24 Postings

Der Favorit der Präsidentschaftswahlen ist eine Belastung für den Westen

Hamid Karsai ist ein Blender, ein Mann der Posen und großen Versprechen, ganz nach dem Bild der Bush-Jahre. Der frühere US-Präsident hat ihn ausgesucht, um Afghanistan zu führen, doch siebeneinhalb Jahre Regentschaft in Kabul haben gezeigt, dass Karsais Präsidentschaft nirgendwohin führt. Afghanistan bräuchte einen politischen Neubeginn. Und doch geht Karsai als hoher Favorit in die Präsidentschaftswahl am Donnerstag.

Die Bilanz am Vorabend dieser zweiten Wahlen seit dem Sturz des Taliban-Regimes im Dezember 2001 ist nicht schwarz:Afghanistan ist ein Land mit modernen demokratischen Elementen geworden. Die zweistündige Fernsehdebatte zwischen Karsai und zwei seiner Herausforderer am Sonntagabend war eine Premiere und mit Millionen Zuschauern im Land wohl eines der am meisten verfolgten Medienereignisse in Afghanistan. Frauen haben mehr Rechte auf dem Papier und manchmal auch in der Praxis, verglichen mit der mittelalterlichen Herrschaft der Taliban. Hunderte Schulen wurden gebaut, 80 Prozent der Bevölkerung haben mittlerweile Zugang zu Ärzten und Krankenhäusern.

Karsai selbst kann man zugutehalten, dass er die ethnischen Rivalitäten im Land eingedämmt hat. Doch um welchen Preis! Jahrelang versuchte der Paschtune im Präsidentenpalast von Kabul, die Milizenführer aus den Jahren des Bürgerkriegs zu kaufen, zu fördern, dann wieder zu entmachten. Eine funktionierende Regierung und Verwaltung hat Karsai mit seinem Zickzackkurs nicht aufbauen können.

Muhammed Fahim ist vielleicht das schlagendste Beispiel für Karsais verfehlte Politik der Machtbalance. Karsai machte den für seine Kriegsverbrechen bekannten Tadschiken erst zum Verteidigungsminister, entließ ihn Jahre später wieder, nahm aber hin, dass sich Fahim und dessen Gefolgschaft durch Waffen- und Drogengeschäfte bereicherten. Jetzt ist Fahim Karsais Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten. Warum aber soll ein Warlord an der Seite des Präsidenten gut für das Land sein?

"Diese Dinge passierten. Sie waren ruhmreich und veränderten die Welt" , sagte Charlie Wilson, der Kongress-Abgeordnete, der die verdeckten CIA-Operationen gegen die sowjetische Besatzung in Afghanistan in den 1980er-Jahren vorantrieb, "und dann haben wir am Ende alles versaut." Die Unterstützung der USAund des Westens für die heutige Karsai-Regierung kann zu einem ähnlichen unbeabsichtigten Rückschlag führen, der am Ende die Amerikaner und Europäer trifft.

Charlie Wilsons Krieg in Afghanistan hatte zum Abzug der Sowjets beigetragen, aber dafür die muslimischen Glaubenskämpfer aufgerüstet (unter ihnen ein Osama Bin Laden); an Aufbauhilfe für Afghanistan hatten die USAdamals kein Interesse mehr. Karsais korrupte Regierung heute, seine Brüder, die sich einträgliche Geschäfte sicherten, seine Provinzgouverneure, die Zolleinnahmen einbehalten, die Polizei schließlich, die für die Afghanen mehr Anlass zur Furcht ist, als ein Gefühl der Sicherheit gibt - sie alle bereiten den Boden für eine neue politische Niederlage des Westens in Afghanistan.

Noch weniger als im Irak können die USAund ihre Verbündeten beim Krieg in Afghanistan nach dem Verstreichen einer gewissen Zeit den Sieg erklären und abziehen. Afghanistan braucht eine funktionierende Verwaltung, eine solide Wirtschaft und eine Gesellschaft, die den Einfluss von Extremisten abwehren kann. Andernfalls wird das Land wieder ein Rückzugsort für den internationalen Terrorismus. Mit massiver Truppenaufstockung und neu organisierter Hilfe wollen die USAdas Blatt in Afghanistan wenden. Vielleicht sieht Karsai ein, dass auch sein Überleben vom Erfolg des Westens abhängt. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2009)

Share if you care.