Merkel: "Ungarn hat keinerlei Gegenleistung eingefordert"

18. August 2009, 18:11
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Deutsche Kanzlerin besucht Sopron und sieht das als "ein Dankeschön" für die Grenzöffnung

Sopron - Seit Montag steht die ungarische Grenzstadt Sopron im Bann der eigenen Geschichte. Mit einer dreitägigen Veranstaltungsreihe gedenkt man des historischen "Paneuropa-Picknicks" vor zwanzig Jahren, als die Statik des Eisernen Vorhangs sich endgültig als tragunfähig erwiesen hat.

Am Montag konferierten ungarische und österreichische Historiker. Am gestrigen Dienstag taten Nämliches prominente Zeitzeugen, darunter Österreichs Altkanzler Wolfgang Schüssel und zwei wesentliche ungarische Akteure der Wende, der damalige Ministerpräsident Miklós Németh und sein Staatsminister Imre Pozsgay. Pozsgay trat damals, 1989, neben Otto Habsburg als Veranstalter des Picknicks auf, war einer der Initiatoren und Antreiber des ungarischen Reformkurses, avancierte aber wegen seiner Rolle als Unterrichtsminister während der Kádár-Zeit zum Reibebaum des heutigen Oppositionschefs Victor Orbán.

Am heutigen Mittwoch steigt der Höhepunkt des Gedenk-Festivals. Und was man einander schon in der vergangenen Woche stolz zugeraunt hat in Sopron, findet tatsächlich statt: Angela Merkel kommt auch - no na, meinen die Spötter, solche Fotos kommen in der nun anbrechenden Intensivphase des deutschen Wahlkampfes wohl gut, zumal die Bundeskanzlerin als frühere DDR-Bürgerin diese Geschichte mit einiger Glaubwürdigkeit erzählen kann. Die Ereignisse am 19. August 1989 an der Grenze zwischen Sopronköhída und St. Margarethen entfesselten in der DDR ja erst so richtig den Sturm, der Erich Honecker mit den Worten "Wir sind das Volk" binnen kurzer Zeit hinweggefegt hat.

Mehr als 700 Menschen, so schätzt Merkel, hätten das Picknick zur Flucht in die Freiheit genutzt. "Damit war die Öffnung der Mauer unumkehrbar gemacht." In ihrem regelmäßigen Internet-Video (www.bundekanzlerin.de) hatte Angela Merkel den Besuch in Sopron am Wochenende definitiv gemacht und ihn dabei etwas selbstbewusst so eingeordnet, wie man ihn in Ungarn tatsächlich empfindet: als Auszeichnung. "Meine Reise nach Ungarn ist ein Dankeschön an Ungarn, die Menschen, die dort leben, aber auch an die damaligen Verantwortlichen."

Namentlich an Miklós Németh und seinen Außenminister, Gyula Horn. Die beiden hätten nämlich, plaudert die Kanzlerin aus der Schule der Verschlussakten, drei Wochen nach diesem Picknick das Schloss Gymnich aufgesucht. Das war damals ein Gästehaus der Bonner Regierung. Dort hätten die beiden Ungarn "bei einem Geheimtreffen mit Kanzler Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher" zugesagt, die ungarische Grenze zu öffnen. "Ungarn hat" , hält die Kanzlerin fest, "für diese Bereitschaft keinerlei Gegenleistung eingefordert." 

Gewünscht natürlich schon. Aber das Wünschen half höchstens im "annus mirabilis" 1989. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2009)

 

 

 

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