"Bevölkerung, das ist ein Mosaik von Minderheiten"

18. August 2009, 18:05
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Die Globart Academy steht heuer im Zeichen der "Demokratie" . Am Freitag spricht Peter Waterhouse in Pernegg über den "Wert der Missverständnisse"

Wien - Der Respekt vor dem anderen und seinem Anderssein ist ein wiederkehrendes Thema im Werk von Peter Waterhouse. Ein Respekt, der auch die Sprache des anderen nicht völlig zu verstehen behauptet. Vor wenigen Monaten hielt der auch als Übersetzer vielfach ausgezeichnete Autor einen Vortrag in Casarsa, dem Dorf im Friaul, in dem Pier Paolo Pasolini einige Jahre lebte. Er zitierte eine Begebenheit, die PPP in einem späten Werk, dem Gennariello, erwähnt: "Einmal" , schrieb Pasolini dort, "während einer gefühlsgeladenen Episode mit einem Neapolitaner, merkte ich plötzlich, wie er mir langsam die Brieftasche herauszog. Ich habe es ihm gesagt - und wir haben uns noch mehr gemocht."

Peter Waterhouse ergänzte dazu in seiner Rede: "In der Beschreibung dieser Szene ist unter anderem gesagt, dass eine körperliche und geistige Angleichung, dass eine Beziehung nicht dasselbe ist wie Konformität. Der Austausch, das langsame Herausziehen der Geldbörse, verlangt Andersheit, verlangt, dass es einen anderen gibt, der anders ist, abweicht. Das langsame Herausziehen der Geldbörse ist ein Akt des Respekts vor dem anderen. Auch Pasolinis Reaktion ist Respekt."

Respekt in der Begegnung: Naheliegend scheint so der Gedanke der Globart Academy in Pernegg, Peter Waterhouse einzuladen. Die seit 1998 im Waldviertel stattfindende Sommer-Akademie, die sich dem interdisziplinären Dialog verschrieben hat, steht heuer nämlich unter dem Thema "Demokratie" . Zahlreiche Wissenschafter, Philosophen und Künstler treffen sich vier Tage lang (20.-23. 8., Programm siehe Kasten) im Kloster Pernegg. Der Autor sagte zu - und nennt seine Rede: "Der Wert der Missverständnisse" .

Standard: Ihr Vortrag in Pernegg heißt "Der Wert der Missverständnisse" . Die Tagung widmet sich dem Thema Demokratie. In der Kombination klingt hier etwas durch wie der Wert der Missverständnisse in der Demokratie? Eine irritierende Verbindung.

Waterhouse: Vielleicht unterscheidet man zu sehr zwischen Verständnis und Missverständnis. Als ob das Gegensätze wären. Vielleicht kann man es ja auch so sehen, dass das Missverständnis eine Nuance des Verstehens ist. Nicht das ganz andere, sondern sehr nahe. Das Verstehen ist nicht eindeutig nur das Verstehen - und das Missverständnis ist auch eine gemischte Form, die zum Teil aus Verstehen und Nichtverstehen, Missverstehen, Verstellung sich zusammensetzt. Ich sage es mal am Beispiel einer Übersetzung, die Paul Celan gemacht hat von einem portugiesischen Gedicht.

Standard: Ein Gedicht von Fernando Pessoa ...?

Waterhouse: Im Grunde ist es von Fernando Pessoa, in diesem Fall aber von einem der Pseudonym-Autoren, von Alberto Caeiro. In der deutschen Übersetzung hat das Gedicht einen Titel - und in der portugiesischen Version hat es keinen. Der Titel in der deutschen Version lautet: Aus den zusammenhanglosen Gedichten. Von Fernando Pessoa aber gibt es keinen Zyklus mit dem Titel Zusammenhanglose Gedichte. Auch dieser Titel Zusammenhanglose Gedichte: Da ist etwas paradox. Wenn ein Zyklus von Gedichten Zusammenhanglose Gedichte heißt, haben sie ja dadurch einen Zusammenhang bekommen. Da, glaube ich, ist das Missverstehen gefragt. In solchen Phänomenen, wo eine Satzaussage in sich das Gegenteil enthält. Solche Sätze bieten sich an, nicht in binären Systemen zu denken. Entweder - oder. Und da, glaube ich, berührt sich diese Gedankenfolge mit dem Thema der Demokratie.

Standard: Sollte in einer Demokratie in Paradoxien gedacht werden?

Waterhouse: DieDemokratie trägt ja selbst einen paradoxen Grundwiderspruch in sich. Denn Demokratie klingt wie "Alle herrschen" . Und damit ist das Herrschen ausgeschaltet. Wenn alle herrschen, herrscht niemand. Demokratie im emphatischen Sinn verträgt wahrscheinlich gar keine Regierung. In dem Moment, wo Demokratien eine Regierung haben, sind sie keine Demokratien mehr. Sondern Kompromiss-Demokratien. Das Führerprinzip widerspricht doch dem, dass alle Stimmen zu Wort kommen. Nach dem Mehrheitsprinzip kommen nicht alle zu Wort.

Standard: Sondern die Mehrheit derer, die die Partei gewählt haben, die die Abstimmung gewinnt.

Waterhouse: Ich habe den Eindruck, dass das, was aus der Demokratie gemacht wurde, nämlich ein plumpes Mehrheitsrecht, in dem Begriff Demokratie gar nicht drin steckt. Was herausgekommen ist, heißt "Mehrheiten haben Recht" . Und das ist im Grunde genommen nichts anderes als "der Stärkere hat Recht" . Herrschaft des Volkes, da könnte man ja auch meinen, da gibt es gar keine Mehrheiten. Bevölkerung ist eine sehr inhomogen zusammengesetzte Menge - Kinder, die dürfen gar nicht wählen, Erwachsene, Uralte, Ältere, Männer, Frauen, Berufstätige, Nichtberufstätige, Kranke, Gesunde, Ausländer, die dürfen wieder nicht wählen, Inländer, Ex-Ausländer, neue Inländer usw. Und wenn man nach Interessen fragt, vermute ich, dass das ein Mosaik ist von Minderheiten. Ein rein minoritäres System. Lauter Minderheiten, die zusammen einen Körper bilden.

Standard: Die sich, befragt nach der Partei ihrer Wahl, scheinbar zu Mehrheiten verbinden.

Waterhouse: Vielleicht liegt es an der Blödheit der Frage. Wenn man anders fragte, kämen gar keine Mehrheiten zustande. Wenn man in Südkärnten die Frage stellt: "Sind Sie slowenischsprachig oder deutschsprachig?" , dann kriegt man sehr bald eine deutschsprachige Mehrheit heraus. Aber die Frage ist falsch. Das ist eine Entweder-oder-Frage. Wenn man fragen würde: "Sprechen Sie Slowenisch und Deutsch?" , würde man viele Ja-Antworten bekommen.

Standard: Wie könnte eine Alternative zum heutigen Wahlrecht aussehen?

Waterhouse: Es gab im Lauf der Geschichte des Wählens immer wieder Wahlmodi, die den Zufall mitentscheiden ließen. In der Republik Venedig zum Beispiel hatte man viele Abstimmungen nicht nach dem Mehrheitswahlrecht entschieden. Bei bestimmten, wichtigen Fragen hat man eine Abstimmung nach dem Mehrheitswahlrecht betrieben. Wenn die Abstimmung zu einer bestimmten Frage beispielsweise 70:30 ausgegangen ist, hat man von der Nein-Partei 30 Zettel und von der Ja-Partei 70 Zettel in eine Urne gegeben. Dann wurden sie gemischt und ein Zettel gezogen. So blieb die Möglichkeit, dass die Wahl nach der Gruppe der 30 Prozent ausgegangen ist, erhalten.

Standard: Man ließ gewissermaßen den Zufall, also das Schicksal mitbestimmen über die Zukunft, eine Art höhere Macht? Eine Geste der Demut?

Waterhouse: Man könnte dieses Zufallsprinzip auch begründen: Im Zufall sind alle die vertreten, die nicht wählen dürfen. Und das muss so sein, weil wir nicht Herren sind der Welt. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Printausgabe, 19. 8. 2009)

--> Bücher von Peter Waterhouse und Programm Globart Academy


Bücher von Peter Waterhouse

Vier Bücher, die Peter Waterhouse übersetzt oder herausgegeben hat, erscheinen in den kommenden Wochen in neuen Ausgaben. Sie alle waren zuletzt vergriffen. Übersetzungen stehen im Schaffen des Autors gleichberechtigt neben eigenen Prosawerken, Essays, Theaterstücken und Gedichten.

Michael Hamburger: Baumgedichte. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzung von Peter Waterhouse. 64 Seiten / € 19,50. Folio, Wien 2009.


Gerard Manley Hopkins: Journal. In einer Übersetzung von Peter Waterhouse. 280 Seiten, 16 Tafeln / € 28,-. Jung und Jung, Salzburg 2009.

Michael Hamburger: Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse. Zweisprachige Ausgabe. 144 Seiten / € 19,50. Folio, Wien 2009.


Andrea Zanzotto: Poetik. Die Welt ist eine andere. Essays 1. Band 4 der Werkausgabe. Übersetzt von Karin Fleischanderl u. a. 128 Seiten / € 19,50. Folio und Urs Engler, 2009.

Programm Globart Academy

Donnerstag, 20. 8.

19.00 Eröffnung (Klosterkirche Pernegg): Festrede Claus Leggewie und Musik Karlheinz Essl und das Wiener Saxophonquartett.

Freitag, 21. 8.

7.30-9.15 Entspannung und Einstimmung: Gertraud Berka-Schmid, Susanne Granzer.

9.15-13.00 Plenum. Referate von Gerald Häfner, Richard Potz, Brigitte Young. Vorsitz: Stefan Zapotocky.

15.00-18.00 Workshops mit Franz Josef Radermacher, Thomas Held, Rita Trattnigg, Gerald Häfner, Renate Wieser und Brigitte Sachs-Schaffer. Moderation: Walter Sonnleitner, Harald Knabl.

19.30 Vortrag und Gespräch Peter Waterhouse zum Thema "Der Wert der Missverständnisse".

20.30 Musik: Dobrek Bistro.

Samstag, 22. 8.

7.30-9.15 Entspannung und Einstimmung - siehe Freitag.

9.15-13.00 Plenum. Referate von Inge Kaul, Franz Josef Radermacher, Hans Reitz. Vorsitz: Wilfried Stadler.

15.00-18.00 Workshops mit Milli Bitterli, Heinrich Neisser, Mouhanad Khorchide, Richard Potz, Hans Reitz, Philipp Belcredi, Oliver Tanzer, Stefan Zapotocky, Peter Parycek, Karl Lengheimer, Robert Trappl, Reinhold Christian. Moderation: Christian Rathner, Barbara Toth, Hartmut Müller.

19.30 Michael Kerbler im Gespräch mit Felix Ekardt. Dokumentarfilm Demokratie - tot oder lebendig von Helmut Voitl und Elisabeth Guggenberger.

Sonntag, 23. 8.

11.00 Abschluss: Vortrag Hartmut Rosa. Violoncello: Orfeo Mandozzi (J. S.Bach: Suite Nr.3).
(DER STANDARD, Printausgabe, 19. 8. 2009)

Zur Person
Peter Waterhouse, geboren 1956 in Berlin, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Wien und Los Angeles und lebt heute in Wien. Sein Werk umfasst Gedichte, Essays, Erzählungen, Theaterstücke und Übersetzungen, so etwa "Blumen" , Folio 1994, "Die Nicht-Anschauung. Versuche über die Dichtung Michael Hamburgers" , Folio 2005, "Im Genesis-Gelände. Versuch über einige Gedichte von Paul Celan und Andrea Zanzotto" , Urs Engeler Verlag 2001. Zuletzt erschien "(Krieg und Welt)" , Jung und Jung 2007.

  • "Vielleicht kann man es ja auch so sehen, dass das Missverständnis eine
Nuance des Verstehens ist" : Peter Waterhouse spricht am Freitag, um
19.30 Uhr, in Pernegg im Waldviertel.
    foto: naomi waterhouse

    "Vielleicht kann man es ja auch so sehen, dass das Missverständnis eine Nuance des Verstehens ist" : Peter Waterhouse spricht am Freitag, um 19.30 Uhr, in Pernegg im Waldviertel.

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