Blicke mir nicht in die Seele

18. August 2009, 17:54
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Ernsthaftigkeit und große Gesten: Liederabend mit Anna Netrebko in Salzburg

Salzburg - "350 Euro!" Kurz vor Veranstaltungsbeginn wechselten auf dem Schwarzmarkt vor dem Großen Festspielhaus noch die Karten um rund den doppelten Preis der teuersten Kategorie die Besitzer. Es war der wohl begehrteste Termin der Saison - mit der in mehrfachem Sinne begehrtesten Sopranistin der letzten Dekade.

Mit ihrem Liederabend bei den Salzburger Festspielen hat es Anna Netrebko allerdings weder ihren Fans noch sich selbst besonders leicht gemacht, sondern einigen Ehrgeiz an den Tag gelegt. Dass die Russin das ausschließlich aus Werken von Rimski-Korsakow und Tschaikowsky bestehende Programm mit einigem Respekt anging, hat sie in Interviews freimütig eingestanden - und auch dadurch, dass sie es zunächst in Mannheim erprobte.

Neue Farben, alte Probleme

Was sich denn auch ganz zweifelsfrei vermittelte, war Netrebkos Ernsthaftigkeit, mit der sie es schon beim Salzburger Figaro verstanden hatte, sich einem Ensemble einzugliedern, und mit der sie nun an eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe heranging. Freilich handelte es sich auch um ein im Westen wenig bekanntes Repertoire, dessen Gestaltung in russischer Sprache sich nur schwer beurteilen - und kritisieren - lässt.

Dass sich Donna Anna offenbar bei großen Bühnengesten am wohlsten fühlte, kann man einer Opernsängerin kaum verargen, zumal solche Theatralik oft in schöne stimmliche Differenzierung mündete. Dennoch blieb der Eindruck, dass sie gemeinsam mit dem unauffälligen Daniel Barenboim am Klavier zwar Stimmungsbilder entwarf, aber kaum die Entwicklung innerhalb der Lieder nachzeichnete und nicht zu psychologischer Tiefe vordrang - ein Befund, der sich bei einer monochromen Zugabe (Strauss' Cäcilie) verschärfte. Dafür entschädigte sie mit einem nach der Babypause luxuriös erweiterten Farbenspiel in der Mittellage, während die Nuancen in der Höhe beschränkter blieben.

Gestalterisch schien sich Netrebko bei allem Weltschmerz der "russischen Seele" aber nicht in die emotionalen Karten blicken zu lassen, sondern sich rätselhaft zu verschließen, als hätte sie das Rückert'sche "Blicke mir nicht in die Lieder" wörtlich genommen.

Perfekter Flirt mit den Massen

Stattdessen durften die Blicke auf Äußerlichkeiten wie den zwei Kleidern der Sängerin ruhen, die den Flirt mit der Menge souverän beherrscht und jeden Zwischenapplaus dankbar entgegennahm. Das mag befremden, künstlerisch zeigte sich der Star allerdings auch von dieser bisher unbekannten Seite mit kompromissloser Seriosität. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 19. 8. 2009)

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    Die russische Seele ist voller Schwermut, blüht aber im Verborgenen: Anna Netrebko mit ihrem Klavierbegleiter Daniel Barenboim.

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