Afghanistan vor Wahlen

"Ich sehe nur mehr Krieg, Terror und Gewalt"

18. August 2009, 18:55

Bürgerrechtlerin und Abgeordnete Malalai Joya wirft im STANDARD-Interview Karsai wie den USA vor, gemeinsame Sache mit Kriegsherren zu machen

Die Bürgerrechtlerin und Abgeordnete Malalai Joya muss sich vor ihren Gegnern versteckt halten. Kriegsherren und Fundamentalisten regieren Afghanistan, sagt sie Andin Tegen in einem schriftlich geführten Interview.

***

STANDARD: Worunter leidet die Bevölkerung heute am meisten?

Joya: Die gesamte Situation ist eine Katastrophe. Die Menschen sind so verunsichert, dass sie ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken, weil sie fürchten, dass sie gekidnappt oder, speziell die Mädchen, vergewaltigt werden. Die Anzahl der Vergewaltigungen steigt gerade immens, ebenso wie die der Entführungen und Morde. Häusliche Gewalt veranlasst immer noch viele Frauen sich lieber umzubringen, als dem Elend standzuhalten.

STANDARD: Seit dem Einsatz der USA und ihrer Alliierten nach 9/11 gibt es dennoch mehr Frauenrechte im Land. Sie selbst konnten bei den Wahlen kandidieren und wurden 2005 Abgeordnete.

Joya: Ich bin nicht durch den Krieg Parlamentsmitglied geworden. Und ich sehe es auch nicht als Vorteil für meine Mission, dass die Amerikaner gekommen sind. Die USA haben Afghanistan im Namen des Krieges gegen den Terror besetzt. Aber tatsächlich haben sie mit der Nordallianz (Bündnis der Talibangegner in den 1990er-Jahren, Anm.) Terroristen an die Macht gebracht, die viel schlimmer sind als die Taliban. Meine Präsenz im Parlament diente nur als Fassade, um Staub in die Augen der Welt zu streuen. Jeder sollte denken, dass Frieden und Demokratie im Land existieren.

STANDARD: Wie stehen Sie dann zum erweiterten Truppeneinsatz durch US-Präsident Barack Obama?

Joya: Die seit acht Jahren andauernde Besatzung hat der Bevölkerung vor allem eines bewiesen: dass die Vereinigten Staaten nicht vorhaben, die Taliban loszuwerden. Die Taliban haben kaum einen entscheidenden Rückschlag erfahren, im Gegenteil, sie werden immer stärker, da sie auch noch von Pakistan und dem Iran unterstützt werden. Die Staaten wollen einfach nur ihre politische Macht demonstrieren, aus regionalstrategischen und wirtschaftlichen Gründen Präsenz zeigen. Bisher sind mehr als 8000 Zivilisten von ausländischen Truppen getötet worden. Diese ganze Masse an Militär bedeutet immer mehr Krieg, Morde, Tragödien.

STANDARD: Was wäre die Alternative zum Einsatz aller ausländischen Streitkräfte?

Joya: Es gibt Alternativen, die viel weniger blutrünstig wären. Der erste Schritt ist es, die ehemaligen Kriegsherren zu entwaffnen und politisch zu entmachten. Ihre Privatmilizen sollten komplett beseitigt werden, und sie sollten bestraft werden für all ihre Kriegsverbrechen aus der Vergangenheit. Eine weltliche, demokratische und unabhängige Regierung sollte errichtet werden. Solange fundamentalistische Gruppierungen als politische und militärische Kräfte die Macht im Parlament haben, und diese auch noch vom Westen unterstützt werden, wird es keinen Frieden geben.

Wirtschaftliche Gerechtigkeit ist ein weiterer Punkt. Afghanistan wurde überflutet von Milliarden Dollar, aber die Bevölkerung leidet nach wie vor unter Hungersnöten. Lokale Industrien sollten aufgebaut werden, Jobs geschaffen und Alternativen zur Opiumproduktion gefunden werden. Das liegt aber in den Händen des Volkes. Demokratie und Freiheit sind kein Blumenstrauß, den man einer Nation einfach so überreichen kann. Es gibt Werte, die nur durch die Anstrengungen des Volkes selbst zurückgewonnen werden können.

STANDARD: Wie erging es Ihnen selbst als Mitglied im Parlament? Zwei Jahre nach Ihrem Amtseintritt wurden Sie suspendiert?

Joya: Das Parlament hat eine maskuline Mehrheit, aber meine Entlassung wurde auch von vielen fundamentalistischen Frauen unterstützt. Dennoch kontrollieren die ehemaligen Kriegsherren im Parlament jede Form von Macht. Sie kontrollieren die Medien genau wie einzelne Journalisten. Wenn jemand von irgendeinem ihrer Verbrechen berichtet, wird er entweder bedroht oder gleich getötet. Es gibt so viele Ungesetzlichkeiten.

STANDARD: Wurden Sie direkt von Regierungsmitgliedern bedroht?

Joya: Ja, sehr oft. Abdul Rab Sayyaf, ein fundamentalistischer Kriegsherr im Parlament, hat mich bedroht. Seine Befehlshaber wie Khyal Muhammad Husaini, Jabar Shilgari und Niaz Muhammad Amiri ebenfalls. Sie haben mich unzählige Male beschimpft und im Parlament angegriffen. Aber es gab auch Frauen, die mir mit dem Tod drohten. Noorzia Atmar sagte einmal: "Ich werde dir Dinge antun, die selbst ein Mann nicht wagen würde zu tun." Es gab Zeiten, da waren einige Frauen eine stärkere Bedrohung für mich als die Männer im Parlament.

STANDARD: Wie schläft man nachts, wenn bereits 18 Mordanschläge auf einen verübt wurden?

Joya: Diese Bedrohungen sind Teil meines Lebens geworden. Sie schüchtern mich aber nicht ein, ich sage ja nur die Wahrheit. Tatsächlich schlafe ich nachts aber nur wenig und wechsle meine Unterkunft manchmal täglich, manchmal nur alle zwei Nächte. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt.

STANDARD: Sie reisen versteckt unter einer Burka durchs Land. Glauben Sie, dass Sie irgendwann einmal unverkleidet und ohne Personenschützer arbeiten können?

Joya: In naher Zukunft sehe ich nur mehr Krieg, mehr Terror und Gewalt. Aber vielleicht wird irgendwann wirklich das Licht der Demokratie auf Afghanistan fallen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2009)

Zur Person

Malalai Joya (31) wurde 2005 als jüngste Politikerin ins afghanische Parlament gewählt. Gegen ihre Suspendierung im Mai 2007 streitet sie derzeit gerichtlich. Joya wuchs als Flüchtling im Iran und in Pakistan auf. Ihre Autobiografie "Ich erhebe meine Stimme" ist nun auf Deutsch erschienen (Piper Verlag, € 20,60). Andin Tegen arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Foto: AP Die USAhaben Terroristen an die Macht gebracht, die viel schlimmer sind als die Taliban. Einige Frauen waren eine stärkere Bedrohung für mich als die Männer im Parlament.

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Weh Ess Deh
20
20.8.2009, 12:15

Ein grosser Mann hat einmal gesagt "Den Amerikanern traue ich eine große Zukunft schon deshalb nicht zu, weil sie in meinen Augen ein korrupter Staat sind. Dazu kommen noch Gesellschaftsgegensätze in der schwersten Form. Jeder europäische Staat steht einem näher. Amerika ist in seiner ganzen geistigen Haltung ein Staat, der von der Ostküste regiert wird!"

Weh Ess Deh
00
20.8.2009, 18:41
Also löse ich das Rätsel und freu' mich, dass ich für diesen Schwachsinn nur rot bekommen habe. :)

Der "große" Idiot war

Adolf Hitler.

Nur ein wenig modernisiert (Ostküste statt "verj*det").

Die Reaktionen darauf lassen mich hoffen. ;)

socram
01
20.8.2009, 17:07

so gross kann der mann nicht gewesen sein, wenn er solchen unfug von sich gegeben haben soll.

MCU
02
20.8.2009, 13:24
An der Ostküste lebt wer? Ausgewanderte Europäer!

agarthianer
02
20.8.2009, 00:29
1297 Standard -Fussball-Fans

z.Zt. intellektuell abwesend (Salzburg - Maccabi )
-------------------------------------------------
habe mehrmals Afghanistan bereist
zu Fuss / mit Bus/ zu Pferd
Ende 60er bis Anfang 70er Jahre
traumhaft schönes Land -sauberes Wasser -
gastfreundliche Menschen - Familien intakt !
habe auch das Haupt des historischen Buddha im Bamyan-valley bestiegen , der später von den Taliban zerstört wurde - das zum Thema Toleranz !
http://www.usatoday.com/news/scie... uddhas.htm

slartibartfaß der Umwandler
00
20.8.2009, 12:04

muss eine herrliche zeit gewesen sein. schade, das ich das nicht erleben durfte.

agarthianer
10
19.8.2009, 16:50
afghanische Frauen im Exil

www.rawa.org
bestens informiert & engagiert

Der Alte vom Berge
13
19.8.2009, 14:46
Eine Machtdemonstration...

...des "Westens" die nun das achte Jahr andauert.
Das Ergebnis sind tausende Tote.

dölerich hirnfidler
45
19.8.2009, 13:48
faszinierend

dass die fundis die bessere pr haben als der westen, der marketing erfunden hat. und bildungsfremde gutmenschen ohne intimere kenntnisse in der geschichte fallen, übrigens getrieben von einem zutiefst katholischen schuldkomplex, auch noch drauf rein ("wir" bzw europa: an allem schuld, amis+israel pfui, hamas und taliban: geschundene kreaturen, die nach freiheit streben). es ist ein segen, dass die amis vor 70 jahren nicht so verblendet waren, es ist traurig, dass die rechten schlitzbacken mit ihrem weltbild auch am naschmarkt angekommen sind.

Wienbär
01
20.8.2009, 11:37
Was war denn in Ihrem Frühstückskaffee??

Wie kommen Sie auf die Idee, das "Gutmenschen" (was auch immer das ist) der Meinung sind, dass die Taliban geschundene Menschen sind?

Zwischen den aus ihrem Land vertriebenen Palästinensern, die um Anerkennung ihres Staates und Rückgabe der besetzten Gebiete kämpfen, und Taliban, die aus irrsinnigem "Gottesglauben" und Machtgier heraus Menschen ermorden, ist schon ein himmelweiter Unterschied, aber das ist Ihnen in ihrer blinden Hinhackerei auf "Gutmenschen" wohl nicht aufgefallen.

Was wollen Sie generell eigentlich sagen mit Ihrer Verallgemeinerung und Verklausulierung?

Der Freund Deiner Frau
13
19.8.2009, 14:56
Erklaern's uns das doch genauer

mit dem Schuldkomplex! Sind es die manipulierten Bilder oder ein latenter Katholizismus die/der mich angesichts eines bombardements von Gaza-Ghetto zu den Palis helfen laesst und verstehen, dass sie Radikalen zulaufen. Oft geht es um Verhaeltnismaessigkeit und soziale Unterschiede, oder?

Ps. Was sind Schlitzbacken?
Pps. Was sind Gutmenschen (...)?

Harry Meier
 
01
19.8.2009, 14:21
... Die Taliban haben kaum einen entscheidenden ...

... Rückschlag erfahren, im Gegenteil, sie werden immer stärker, da sie auch noch von Pakistan und dem Iran unterstützt werden.

Nickschonweg
10
19.8.2009, 13:32
Was kann schon dabei rumkommen...

...wenn der Präsident ehemaliges Vorstandsmitglied bei einer amerikanischen Ölfirma war zu der auch die Buschs gehören. Nachtigall ick hör die stampfen.

sixela
54
19.8.2009, 11:28
Sie widerspricht sich halt...

Einerseits will sie die USA so schnell wie möglich loswerden und wirft ihnen bizarrerweise sogar vor, quasi die Taliban als Rechtfertigung für die "Besatzung" erhalten zu wollen, andererseits will sie eine demokratische, weltliche Regierung.

Liebe Malalai Joya, wenn das erreicht würde, sind die USA sofort weg, genau das wollen sie nämlich auch. Wenn Sie aber glauben, als Bürgerrechtlerin den USA auch noch in den Rücken fallen zu müssen, werden Sie sich wundern, was die dann die Macht übernehmenden Taliban für Leute wie Sie bereithalten...

Artischocke
 
32
19.8.2009, 13:55
"wenn das erreicht würde, sind die USA sofort weg, genau das wollen sie nämlich auch"

Wie naiv kann man eigentlich sein, bzw. sich stellen?

Chris Quast
10
19.8.2009, 15:08

naja a botschaft werdens schon aufbauen, gibts außer in nk, iran ? wahrscheinlich in jedem staat über 100000 ew. ja und vielleicht auch die eine oder andere firma wird sich ansiedeln. sind ja wirklich lauter voll arge dinge.

wann schreitet eigentlich unser bundesherr endlich ein und haut die amis raus !!

NONE
01
19.8.2009, 13:30

Ihr Statement ist unlogisch, da ja die Kriegsherren viel Macht besitzen. Ähnliches war ja auch in Tschetschenien zu beobachten. Wie können die USA "Demokratie" unterstützen wenn die regionalen Kriegsherren mittels Geld zur Kooperation angeregt worden sind?

zimbo
 
55
19.8.2009, 12:24
Je krimineller ein System, desto lieber den USA.

Mit Karzai-Clan und Dostum eine gute Wahl getroffen.

Weh Ess Deh
00
20.8.2009, 12:30
Ich glaube, zimbo, Sie sollten jetzt wirklich zum äußersten schreiten:

Es ist nun an der Zeit für das Autodafé!
Verbrennen Sie Ihre Blue Jeans!

J R
01
20.8.2009, 08:59

tja mal sehen was sie anzubieten haben? Taliban...

Blind Peoples Porn
76
19.8.2009, 10:14
Ami GO home!!!

einfach ausgedrückt in einem Satz: AMI GO HOME!!!

Chris Quast
01
19.8.2009, 15:12

also diese auspolitische primitivität die hier immer wieder an den tag gelegt wird ist echt erschreckend.

aber man ists ja vom standardforum gewöhnt.

MCU
23
19.8.2009, 11:25
Und dann ist alles SUPER !!

Tiefster Frieden (wie vor 2002 ?)
kein Terror mehr,
Taliban sind dann ganz lieb,
alle Stammesführer geben die lokale Macht an eine zentrale Regierung ab

zimbo
 
22
19.8.2009, 12:23
Der Drogenanbau geht dann auch wieder zurück.

insertnamehere
 
22
19.8.2009, 12:30
Warum würde er das tun?

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