Physiker Gruber erklärt, warum jeder dritte Physiklehrer für den Job ungeeignet ist und wieso Lehrer auch mal in der freien Wirtschaft arbeiten sollten
Wissenschaft und Humor müssen kein Widerspruch sein, beharrt Experimental-Physiker Werner Gruber. Bekannt wurde er selbst mit populärwissenschaftlichen Büchern und Vorträgen - unter anderem mit Professor Heinz Oberhummer als "Science Busters" an der Seite von Kabarettist Martin Puntigam. Dabei kennt er den Physik-Unterricht von der Pieke auf: als Physik-Lehrer an einem Wiener Gymnasium, in der Erwachsenen-Bildung an der Uni Wien - und natürlich einst als Schüler und Student, der über manch unwissenden Vortragenden schon damals den Kopf schütteln musste. Das Gespräch führten Teresa Eder und Lukas Kapeller.
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derStandard.at: Warum hat uns Physik in der Schule nicht
interessiert?
Gruber: Ein Drittel der Physik-Lehrer ist hoch engagiert, ein Drittel macht
seinen Job, und ein weiteres Drittel kennt sich fachlich nicht aus oder ist menschlich nicht geeignet. Im Physik-Unterricht
brauchen wir Fachkompetenz, sonst kann ich meinen Schülern nichts beibringen.
Wenn ich mich selber nicht auskenne, dann druckse ich herum.
Ich habe erlebt, dass die Kleinen in der Früh auftauchen und fragen
„Herr Professor, ich hab‘ das gestern im Fernsehen gesehen, stimmt das?“ Die Kleinen checken sofort,
ob man sich auskennt. Die meisten Lehrer haben nicht den Mut auch einmal zu sagen: „Ich
weiß es nicht, ich werde mich aber bis zur nächsten Stunde informieren.“
derStandard.at: Ihr Kollege von den „Science Busters“,
Professor Heinz Oberhummer, sagt: "Einen Zehnjährigen interessiert alles.
Mit 18 beim Schulabschluss sind Physik, Chemie und Biologie die unbeliebtesten
Fächer." Was läuft da falsch?
Gruber: Ich war mit dem Kollegen Oberhumer letztes Jahr bei der Kinderuniversität in Steyr.
Da waren im Publikum Kinder von acht bis 14 Jahren. Da hab‘ ich gefragt: „Liebe
Kinder, wer mag Physik?“ Es hat die Hälfte aufgezeigt. Zweite Frage: „Wer hat
Physik-Unterricht?“ Da hat genau die andere Hälfte aufgezeigt.
derStandard.at: Sie unterrichten an der Universität unter
anderem das Fach „Wie erkläre ich es meinen SchülerInnen“. Was zeichnet einen
guten Physik-Lehrer aus?
Gruber: Es gibt Lehrer mit einer sehr hohen sozialen Kompetenz, oft
Hauptschullehrer. Deren Fachkompetenz ist aber teilweise erschreckend, die liegt oft
unter Maturaniveau. Dann gibt’s Physik-Lehrer, die Fach-, aber keine soziale
Kompetenz haben. Als Lehrer braucht man aber beides.
derStandard.at: Sagen Sie auf der Uni auch angehenden
Lehrern, dass sie im Fachstudium besser aufgehoben wären als im
Lehramtsstudium?
Gruber: Das Diplomstudium hat eine extrem hohe Ausfallsquote. Viele sagen: Das
Diplomstudium gebe ich mir nicht, aber ich will bei der Physik bleiben. Die
machen dann das Lehramtsstudium. Ein Wechsel zum Diplomstudium ist dabei dann eher problematisch. Natürlich kann man StudentInnen darauf hinweisen, dass sie wahrscheinlich für den Beruf nicht wirklich geeignet sind, aber die besuchen dann andere Lehrveranstaltungen und kommen dann auch durch. Natürlich darf man nicht vergessen, dass man sich auch wirklich verbessern kann - damit sind solche Aussagen sehr problematisch.
derStandard.at: Oberhummer sagt auch, das Publikum zu unterhalten, mache mehr Arbeit als
ein Fachaufsatz.
Gruber: Sicher ist es ein Problem, dass auch innerhalb der Science Community zu wenig auf Verständlichkeit geachtet wird. Wenn ich einen Fachvortrag halte, dann bereite ich den genauso gut vor,
wie wenn ich etwas für ein größeres Publikum mache. Einen perfekten Vortrag zu
halten, ist großartige Arbeit. Es ist so, dass man von einem
Lehrer natürlich nicht jede Stunde eine echte Show erwarten kann. Es kann nicht
jedes Mal bei den Schülern einen Wow-Effekt geben. Es reicht aber, wenn es
einmal im Monat diesen Wow-Effekt gibt, wo die Kinder sagen: "Wann kommt der
wieder und zeigt uns was?" Wenn einer aber mit der Materie hadert, bringt
er keinen guten Vortrag zusammen.
derStandard.at: Naturwissenschaftler drücken sich oft schwer
verständlich aus…
Gruber: In der Science Community wird auf so etwas nur wenig Wert gelegt, was
aber auch dazu führt, dass ein Paper weltweit durchschnittlich nur von 1,8 Personen
gelesen wird.
derStandard.at: Gemeinsam mit Martin Puntigam und Oberhummer
machen Sie mit den „Science Buster“s so etwas wie Edutainment– Muss ein guter
Lehrer auch ein bisschen Entertainer sein?
Gruber: Ich bin durchaus dafür, Lehrer ein Semester lang nicht in eine
Pädagogik-Vorlesung gehen zu lassen, sondern in die Theater-Ausbildung und
Rhetorik hineinschnuppern zu lassen. Damit sie lernen: Wie baut man eine
Geschichte auf, wie bringt man Spannung rein? Einen dreizehnjährigen
interessiert es nicht, wie ein Liter Wasser verdampft, wenn man ihn erhitzt.
Wenn man hingegen das ganze unter dem Motto „Wie überlebt man als Physiker in
der Wüste“ aufzieht, schaut die Sache ganz anders aus.
derStandard.at: Trotz allem wird es immer wieder SchülerInnen geben, die
sich für Physik einfach nicht begeistern können. Was soll man mit denen dann
machen?
Gruber: Ich habe eine
Klasse gehabt, die habe ich am Mittwoch um 15 Uhr unterrichtet. Davor haben sie
einige Stunden Unterricht gehabt, zwei Stunden Turnen und dann noch Physik. Die Schüler waren dann nicht mehr ansprechbar. Ich habe ihnen vorgeschlagen, dass wir am Freitag in der zweiten
Stunde konzentriert arbeiten und ich dafür am Mittwoch einfach Geschichten aus
der Physik erzähle, die etwas mit dem Stoff zu tun haben. Da konnten Sie dann
entweder zuhören, Hausaufgaben schreiben oder auch Mickey-Mouse-Hefte lesen,
aber sie mussten ruhig sein. Das war der Deal. Aber natürlich waren die Geschichten so gut, dass sie voll dabei waren und dann haben sie nicht im Unterricht gestört. Man muss auch als Lehrer akzeptieren, dass die Aufnahmefähigkeit nach ein paar Stunden am Ende ist.
Wenn Schüler sagen,
das interessiert mich nicht, muss man das auch akzeptieren können. Aber es
schadet nicht, wenn man mit dem Schüler das Gespräch sucht. In vielen Fällen
kommt man dann drauf, dass die Kinder Sorgen haben, die man nicht vermutet
hätte.
derStandard.at: Ministerin Schmied plant die Lehrerausbildung zu
vereinheitlichen und neu zu organisieren. Eignungstests und Auswahlverfahren
sollen im Zuge dessen auch eingeführt werden. Würden Sie das begrüßen?
Gruber: Ich glaube, dass wir dadurch keine besseren Physik-Lehrer bekommen. An den pädagogischen
Hochschulen reden sie nach zwei Monaten mit den weniger geeigneten und sagen:
Sie werden zwar die Prüfungen bestehen, aber vielleicht überlegen sie sich
etwas anderes. Wenn sie dann weitermachen, können sie weitermachen – man kann
ja auch besser werden. Ich denke da auch an mich. Einige meiner ersten Vorträge
als Student an der Universität waren nicht gut. Ich musste mich sehr
einarbeiten. Heute zahlen Leute dafür, dass sie mich hören.
Man muss Möglichkeiten
schaffen, um vom Lehrberuf in die freie Wirtschaft wechseln zu können. Einigen
Leuten macht das eben nur fünf Jahre Spaß und danach können und wollen sie
nicht mehr. Außerdem sollte man Lehrer mit ihren Problemen nicht so allein
lassen. Das klingt jetzt so dramatisch, aber sie haben wirklich einige Probleme.
Ein Beispiel aus
meiner Zeit als Lehrer: Zwei Schüler an der Schule waren ziemlich bekannte
Grätzen. Irgendwann haben sie den Bogen überspannt. Ich bin mit denen dann zum
Direktor. Der hat sie nur gefragt: Warum sind wir hier? Sie haben Sachen gestanden, die nicht nur mit dem Physikunterrichts zu
tun hatten. Ab dem Zeitpunkt gab es nie wieder Probleme. Allerdings hat eine
Kollegin zu mir gesagt: „Du bist wirklich mutig“ – Sag ich: Wieso? Sagt Sie:
Dadurch, dass du mit den beiden zum Direktor bist, hast du eingestanden, dass
du ein schlechter Pädagoge bist, weil du das Problem selbst nicht lösen
konntest. Aber es gibt Probleme, bei denen andere einfach leichter helfen können. Interessanterweise hatte der Direktor keine Probleme damit, sondern ermutigte die KollegInnen doch zu ihm zu kommen.
derStandard.at: Wie war es denn bei Ihnen? War der Physik-Lehrer mit ausschlaggebend,
dass sie danach das Studium begonnen haben?
Gruber: Mein erstes Buch
war der „Kleine Schneemann“, das zweite „Die kleine Hexe“ und das dritte ein
„Was ist was?“- Buch über Raumfahrttechnik. Meine Eltern haben erkannt, dass
ich das letzte auswendig gelernt habe, die anderen zwei mich nicht interessiert
haben, und dann einiges in naturwissenschaftliche Bücher investiert. Als ich
ins Gymnasium gekommen bin, habe ich schon gewusst, was Sache ist in Physik.
Unter den Physiklehrern habe ich zum Glück keine Unfähigen gehabt, aber man
hätte den Unterricht spannender machen können. Dafür war mein Chemielehrer sehr engagiert.
derStandard.at: Was hätten Sie sich als Schüler gewünscht?
Gruber: Ganz einfach. Ich
möchte, dass ein Lehrer um sieben in der Früh aufsteht und sagt: heute freue
ich mich auf die Schule. Als Lehrer musst du Montagfrüh eine gute Show
abliefern.
Eine Schülerin hat
mir zum Abschluss, nachdem ich ein Jahr an der Schule unterrichtet habe, gesagt:
Herr Professor, Sie waren der erste, der uns nicht beleidigt hat. Ich habe das
dann ein bisschen beobachtet und gemerkt, wie schnell manche Lehrer die Schüler
beleidigen. Man sollte ja auch nicht in anderen Lebensbereichen Menschen beleidigen, insbesondere und vor allem dann nicht, wenn sie sich nur schwer wehren können.
derStandard.at: Gibt es etwas, das Sie am derzeitigen Physik-Lehrplan
gerne ändern würden?
Gruber: Der Lehrplan ist
ein schönes Konvolut. Wenn es so unterrichtet werden würde, wie es dort steht,
wäre es in Ordnung. Das Problem ist, es wird nicht umgesetzt. Was die wenigsten
wissen, der Hauptschul- und Gymnasial-Lehrplan ist derselbe. Es wird aber nicht
dasselbe unterrichtet.
90 Prozent bei der
Matura kann ich bestehen mit Wissen aus dem 19. Jahrhundert. Was sich von 19.
Jahrhundert bis heute getan hat – und das war wohl einiges – ist egal! So haben die
meisten Schüler noch nie etwas vom Urknall gehört.
derStandard.at: Gerade läuft eine politische Diskussion, wie es sein
kann, dass weniger Mädchen als Jungen die Aufnahme auf die Med-Uni schaffen.
Studien sagen: Lehrer arbeiten zu wenig an der Motivation der Mädchen in
naturwissenschaftlichen Fächern. Glauben Sie das? Oder sind die Ursachen hier
neben der Erziehung auch in der Biologie zu finden?
Gruber: Als Neurophysiker
muss ich sagen: Es gibt einen interessanten Effekt, der bis heute nicht erklärt
werden kann. Das ist der Effekt, dass Buben im Alter von drei Jahren lieber mit
dem Schwert spielen und Mädchen lieber mit der Puppe. Warum das so ist, weiß
kein Mensch. Ich vermute allerdings, dass sich das im Laufe der Zeit wieder
ausgleicht. In der Technik gibt es außerdem auch verschiedene Zugänge, da
findet jeder – ob Mann oder Frau - auch den seinen.
derStandard.at: Zum Beispiel?
Gruber: Der Zugang der
Madame Curie war zum Beispiel der des unendlichen Fleißes. Sie hat ihren
Nobelpreis bekommen, weil sie sich jahrelang mit demselben Thema eingehend
beschäftigt hat, bis sie dann etwas entdeckt hat. Ein anderer sitzt gemütlich
am Nachmittag im Kaffeehaus, hat eine Idee und zwei Jahre später bekommt er
dafür den Nobelpreis.
derStandard.at: Laut Eurobarometer werden die Naturwissenschaften nirgends für so wenig
bedeutsam fürs eigene Leben gehalten wie in Österreich. Österreich ist bei
Gentechnik, Atomenergie, Klonfleisch restriktiver als die meisten anderen
Länder der EU – Ist Österreich wissenschaftsfeindlich?
Gruber: Ja, wir haben den Mozart - der ist dafür verantwortlich. Man kriegt heute von der Stadt Wien leichter eine Kulturförderung als eine
Wissenschaftsförderung. Allein wenn man sich ansieht, wie viele
Sommerfestspiele es in Österreich gibt, dann sind wir ein Kulturland. Ich finde es super, dass es das gibt.
Wenn ich heute sage, ich weiß nicht, wann Mozart gelebt hat, wird jeder sagen:
„Was für ein Volltrottel“. Wenn jemand sagt, er weiß nicht, wer Erwin
Schrödinger (Anm. d. Redaktion: österreichischer Nobelpreisträger für Physik)
ist und welche Leistungen erbracht hat, dann ist das vollkommen
egal. (Teresa Eder und Lukas Kapeller/derStandard.at, 20.09.2009)