Ludwig: "Natürlich gibt es manchmal Probleme"

19. August 2009, 10:16
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Der Wiener Vizebürgermeister über seine Zeit im Gemeindebau, Geldstrafen bei Lärmbelästigung und die Taktik der FPÖ

Betritt man das Büro des Wiener Vizebürgermeisters und Wohnbaustadtrats Michael Ludwig, scheint man sich in einem Stück heiler Welt wiederzufinden. Freundlich, zuvorkommend und lächelnd wiederholt der 48-Jährige mit Vorliebe die Wörter "kollegial", "gemeinsam" und "miteinander".

Als Mitglied der eingeschworenen Landesgruppe der Wiener SPÖ ist er Teil der Partei, die seit neunzig Jahren Wien dominiert. "Es ist für eine Stadt durchaus von Vorteil, dass es Verhältnisse gibt, die eine kontinuierliche Arbeit ermöglichen", sagt Ludwig dazu im Interview mit derStandard.at. Außerdem spricht er darüber, dass man in Zukunft für Lärm im Gemeindebau ein Strafmandat kassieren kann und darüber, wie Zuwanderung geregelt werden soll.

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derStandard.at: Die SPÖ stellt in Wien seit 1919 den Bürgermeister, hat seit 90 Jahren jede demokratische Wahl gewonnen. Wie, glauben Sie, verändert sich eine Partei, wenn sie seit Jahrzehnten diese Oberhoheit hat?

Ludwig: Wir haben gezeigt, dass wir in der Lage sind Probleme zu lösen, und wir haben aus Wien eine attraktive Stadt gemacht. Es ist kein Zufall, dass Wien bei der letzten Mercer-Studie in Bezug auf die Lebensqualität in Städten an erster Stelle steht. Mein eigenes Ressort ist für diese gute Arbeit ein Beispiel: Über Jahrzehnte konnte hier gerade im Bereich Wohnbauförderung vieles gemacht werden. Mehr als sechzig Prozent der Wiener wohnen in geförderten Wohnungen - das ist eine Seltenheit und zeugt von der Zufriedenheit der Bewohner.

derStandard.at:  Die Oppositionsparteien bemängeln fehlende Kompromissbereitschaft der Stadtregierung.

Ludwig: Das kann ich so nicht akzeptieren, weil wir gemeinsam öfters Projekte durchführen, zum Beispiel eine Reihe von rot-grünen Projekten mit den Grünen. In manchen Bereichen arbeiten wir dann intensiv mit der ÖVP oder der Wirtschaftskammer zusammen. All jene, die unsere offene Hand annehmen, laden wir sehr wohl ein, an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten.

derStandard.at: Die FPÖ rückt der SPÖ stimmenmäßig - unter anderem in den roten Arbeiterbezirken - langsam immer näher: Wie soll die Wiener SPÖ ihre Wähler von der FPÖ zurückgewinnen?

Ludwig: Indem wir zeigen, dass wir im Gegensatz zur FPÖ Probleme lösen können, während die sich darauf reduziert, Menschengruppen gegeneinander auszuspielen. Wir haben hier eine Reihe an Projekten geplant, zum Beispiel im Bereich Wohnbau. Natürlich gibt es hier beim Zusammenleben manchmal Probleme, wir sind aber in der Lage, diese Probleme positiv zu bewältigen.

derStandard.at: Zum Beispiel bei Konflikten zwischen Alteingesessenen und Migranten in Gemeindebauten?

Ludwig: Wir haben in Wien 220.000 Gemeindewohnungen und da gibt es Probleme mit Zugewanderten, genauso wie es die mit alteingesessenen Österreichern gibt. Ich habe einen Großteil meines Lebens in einem Gemeindebau in Floridsdorf verbracht und hatte auch Probleme mit einem Nachbarn. Das war ein junger Österreicher, der immer, wenn er aus der Disko um drei in der Früh nachhause gekommen ist, die Musik laut aufgedreht hat. Das hat mir, der ich am nächsten Tag arbeiten musste, nicht gefallen. Und da spielt es auch keine Rolle, ob Österreicher oder Zuwanderer, Jung oder Alt. Deshalb bin ich für die Einhaltung der Hausordnung, die für alle gilt.

derStandard.at: In Gemeindebauten werden jetzt Mediatoren eingesetzt?

Ludwig: Ja, wir haben spezielle Mediatoren, die sich auch auf interkulturelle Konflikte spezialisiert haben. Das wird im Herbst schwerpunktmäßig ausgebaut werden. Man muss aber sagen, dass der Konflikt oft eher ein Generationen- oder klassischer Nachbarschaftskonflikt ist, der dann zu einem interkulturellen wird. Vor allem die FPÖ, deren einziges politisches Thema das ja ist, konzentriert sich da besonders darauf und versucht zu suggerieren, dass wenn die Zuwanderer weg wären, es alle diese Probleme nicht geben würde. Das ist falsch.

derStandard.at: Gibt es auch drakonischere Strafen, wenn Mediatoren nichts fruchten?

Ludwig: Das wichtigste ist das Reden: "Durchs Reden kommen die Leut zusammen." Aber natürlich gibt es Personengruppen, die mit Reden nicht zu beruhigen sind. Ab Herbst wird es eine Gruppe von etwa einem Dutzend Leuten geben, die als Ordnungsberater tätig sind und die Möglichkeit haben, Organstrafmandate zu verhängen. Wenn Leute laut sind oder wenn sie Hunde ohne Leine laufen lassen, können monetäre Strafen verhängt werden. Die bewegen sich im Bereich von etwa 36 Euro.

derStandard.at: Gerade das Thema Zuwanderung ist eine heikle Sache für die SPÖ. In den 90er Jahren versuchte man es mit Stammtisch-Sprüchen ähnlich der FPÖ, ab 2001 positionierte man sich als rotes Wien gegen die schwarz-blaue-Bundespolitik und versuchte einen liberaleren Ton. Wie soll Zuwanderung in Zukunft geregelt werden?

Ludwig: Erstens muss die Zuwanderung reglementiert werden. Hier muss unterschieden werden zwischen Asylpolitik und dem, was wir gezielt an Zuwanderung haben wollen. Dabei müssen wir besser artikulieren, welche Berufe zum Beispiel gebraucht werden und dann gezielt Menschen ansprechen. Zweitens: Welche Maßnahmen kann man in Bezug auf Integration setzen? - Beim Beispiel Wohnbau kann man sagen, es ist wichtig, dass es eine Durchmischung gibt. So verhindern wir auch Ghettoisierungen: Nicht einen Block mit alten Menschen, einen mit Jungen, einen mit Migranten.

derStandard.at: Die Kriminalität in Wien steigt an; Die Aufklärungsquote bei den Verbrechen ist die niedrigste in ganz Österreich. Die einheitliche Antwort aller Wiener SPÖ-Mitglieder darauf lautet: die Schuld liegt bei der FPÖ und ÖVP und den wegrationalisierten 1.000 Polizisten.

Ludwig: Es ist auch so: Wenn jemand die Verantwortung trägt für die schwierige Situation, in der sich die Polizei momentan befindet, ist das vor allem die FPÖ. Das ist der Grund, warum unser Bürgermeister seit Jahren mehr Polizisten anfordert. Zu wenig Personal führt auch zu einer geringeren Aufklärungsquote - Hätten wir tausend Polizisten mehr, wäre das Problem viel leichter in den Griff zu kriegen.

derStandard.at: Wissen Sie schon, wann in Wien gewählt werden wird?

Ludwig: 2010 und nicht wie von den Oppositionsparteien immer geunkt schon diesen Herbst. Ob dann nächstes Jahr ein paar Wochen früher oder später ist meiner Meinung nach nicht so wichtig.

derStandard.at: Werden Sie eines Tages Wiener Bürgermeister sein?

Ludwig: Wir haben mit Michael Häupl einen sehr guten Bürgermeister und er wird auch der kommende Bürgermeister sein. (Saskia Jungnikl. derStandard.at, 19.8.2009)

Zur Person: Michael Ludwig ist seit 2007 amtsführender Wiener Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung, seit März 2009 neben Renate Brauner zweiter Vizebürgermeister von Wien.

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    "Wir haben einen tollen Bürgermeister", sagt Ludwig über Michael Häupl (re.). Persönliche Ambitionen auf den Sessel des Wiener Oberhaupts zeigt er - zumindest öffentlich - nicht.

  • Gewählt wird in Wien 2010: "Ob dann ein paar Wochen früher oder später ist meiner Meinung nach nicht so wichtig", sagt Ludwig.
    foto: cremer

    Gewählt wird in Wien 2010: "Ob dann ein paar Wochen früher oder später ist meiner Meinung nach nicht so wichtig", sagt Ludwig.

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