"Man lebt genauso wie vorher, nur eben anders"

18. August 2009, 11:19

Manchmal vermisst Claudia Menz ihr "altes Leben", trotzdem kann sie ein Baby "nur jedem empfehlen"

Nachdem wir so absolut nicht mehr damit gerechnet hatten nach endlosen Jahren des Probierens, war er plötzlich da. Unser Sohn. Vorbereitet waren wir kein bisschen. Im Nachhinein
gesehen kann man sich auch gar nicht darauf vorbereiten. Eine Nacht lang durchtanzen ist
weniger anstrengend als ein schreiendes Kind stundenlang hin und her zu wiegen. Es gibt
aber auch nichts Schöneres wenn man das erste Mal angelächelt wird, das erste Wort,
die ersten Schritte. Diese magische Momente trösten einen über all die Anstrengungen hinweg.

Ob ich mein "altes" Leben vermisste. Ja - manchmal! Sonntags ausschlafen, spontan weggehen ohne Riesentaschen voller Windel, Feuchttüchern, Babyflasche, Umziehsachen, Schmusedecke ... einfach tun und lassen können was man will, vor allem wann man es will und nicht wenn das Baby mal schläft oder friedlich auf der Krabbeldecke liegt.

100 Grad-Wendung

Schlimm war für mich die Zeit als mein Freund nach seinem Babyurlaub wieder arbeiten gegangen ist. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass das Leben der anderen ganz normal weiterläuft, während meines eine 100 Grad-Wendung nahm. Mein neues Leben bestand anfangs nur noch aus Stillen, Windelwechseln, Kinderarztbesuche, Spazieren gehen, kochen, waschen, putzen.

Plötzlich war ich "nur" noch Hausfrau. Das Baby stand im Mittelpunkt, während mein eigenes Leben
immer mehr in den Hintergrund rückte.

War ich früher ein Workaholic, konnte mich das Mutterdasein nicht wirklich befriedigen. Ich fühlte mich leer und vor allem geistig unterfordert. Mein Freund hat mich in der Zeit super unterstützt. Er hat sich so oft es ging frei genommen und sich um den Kleinen gekümmert. Als die Stillzeit vorbei war, fing ich wieder an mit Freundinnen auszugehen. Das brauchte ich und tat mir gut. Endlich Handtasche statt Wickeltasche :-) !!

Doch je größer und selbständiger der Kleine wurde, umso einfacher lief alles. Ich genieße die Zeit in der man viel mehr unternehmen kann. Sein strahlendes Lachen am Spielplatz oder die großen Augen, wenn wir durch Schönbrunn spazieren.

Seine Begeisterung wenn man ihm etwas Neues zeigt und wie stolz er immer ist wenn er etwas Neues kann. An mein "altes" Leben ohne Kind habe ich schon lange nicht mehr gedacht. Viel zu ausgefüllt ist plötzlich mein "neues" Leben und ich genieße es in vollen Zügen.

Bei den Karenzmodellen haben wir uns für das mittlere 20 (+4) entschieden. Von Anfang an stand
fest, dass mein Freund die vier Monate Karenzzeit nicht in Anspruch nehmen wird. Als Leitender Angestellter wäre es unmöglich, eine viermonatige Auszeit zu nehmen. Abgesehen von den finanziellen Einbußen. Das Modell mit den 15 Monaten schien mir zu kurz. Es gibt zwar eine Krabbelstube bei uns, dort werden Kinder aber erst ab 1 1/2 Jahren betreut.

Nur mit Sparbuch über die Runden

Das Karenzgeld hat gerade mal meine Fixkosten wie Miete und die Versicherungen abgedeckt. Zum Glück konnte ich auf mein Sparbuch zurückgreifen. Größere Anschaffungen oder irgendwelche
Extras waren dennoch nicht mehr drin. Mein Freund übernahm die meisten Kosten für Lebensmittel,
Weggehen, Kindersachen, Gas, Strom usw.. Ohne mein Sparbuch hätten wir jeden Cent dreimal umdrehen müssen. So kamen wir ganz gut über die Runden.

Seit kurzem gehe ich wieder Teilzeit arbeiten. Ich wäre gerne länger zu Hause geblieben, aber
aus finanziellen Gründen wäre das nicht möglich gewesen. Außerdem hätte ich nach zwei Jahren
meinen Anspruch auf eine Stelle verloren. Das wollte ich auf keinen Fall riskieren.

Ärger über das neue Karenzmodell

Über die Streitereien über das neue Karenzmodell (80 Proznet des letzten Einkommens für ein Jahr)
kann ich mich nur ärgern. Warum können wir Arbeitslose jahrelang finanzieren und Mütter nicht?
Und was mach' ich nach dem einem Jahr mit dem Kind?  Es gibt kaum Betreuungseinrichtungen.
Nicht jeder kann auf Verwandte zurückgreifen. Da Frauen immer später Kinder bekommen, sind
die Omas oft schon zu alt oder können aus gesundheitlichen Gründen nicht auf Ihre Enkel aufpassen.

Wie leben, wenn das Baby da ist? Man lebt genauso wie vorher, nur eben anders :-))! Ich kann es nur jedem empfehlen. (Claudia Menz/dieStandard.at, 18.08.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Symbolbild: Mit einem Baby ist das Leben plötzlich anders...

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