Angeblicher Piratenüberfall: Viele Fragen bleiben offen

18. August 2009, 19:39
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Küstenwache schritt nicht ein, Behörden ließen Öffentlichkeit im Unklaren - acht Personen in Haft

Was war das eigentlich? Diese Frage bleibt nach der Befreiung des angeblich von Piraten in der Ostsee gekaperten Holzfrachters "Arctic Sea" offen.

Laut finnischen und schwedischen Medienberichten vom 31. Juli soll das mit Holz nach Algerien fahrende Schiff von acht (nun festgenommenen) Personen mit russischen, lettischen und estnischen Staatsbürgerschaften gekapert, aber nach zwölf Stunden ohne Beute wieder verlassen worden sein.

Darum unternahm die britische Küstenwache nichts, als das Schiff den Ärmelkanal passierte. Erst nach der Kanalpassage erklärte die Reederei, dass die Seeräuber die "Arctic Sea" nie verlassen hätten.

Mittlerweile steht fest, dass die Behörden die Öffentlichkeit bewusst im Unklaren ließen - und wussten, wo der Frachter war. Obwohl die Piraten Navigations- und Ortungssysteme zerstört hatten. Das Stillschweigen begründen die Fahnder damit, dass man das Leben der 15 russischen Besatzungsmitglieder nicht gefährden wollte.

Spekulationen um Waffen

Kein Wunder, dass weiter Gerüchte kursieren. Die offizielle Version, der Frachter habe bloß Holz im Wert von 1,3 Millionen Euro geladen, glaubt kaum jemand: Wert und Art der Ladung würden dem Risiko der Piraten nicht entsprechen. Darum wird neben - stillschweigend von Russland geduldeten - Waffenlieferungen für ein westafrikanisches Land auch über mögliche Drogentransporte gemunkelt. Dann wäre die Entführung wohl eine Art Abrechnung zwischen verfeindeten Organisationen gewesen. Das Schiff könnte als Pfand gedient haben, um Druck auszuüben, falls die andere Seite eine geheime Fracht verbergen wollte. Die These, an Bord der "Arctic Sea" sei Nuklearmaterial geschmuggelt worden, wurde von Finnland dementiert.

Das russische Verteidigungsministerium versprach eine lückenlose Aufklärung. Auch die Frage, wieso die Piraten bei der Rückeroberung des Schiffes unbewaffnet waren, könnte dann eine Antwort finden. (André Anwar aus Stockholm, DER STANDARD Printausgabe, 19.08.2009)

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