Kleine Gesten

17. August 2009, 21:54
2 Postings

Wie Nordkorea und Burma hat es das Regime gerne, ausländische Gäste in der Rolle von Bittstellern zu sehen

Was allgemein als "Freilassung" der wegen der Teilnahme an Protesten belangten Französin Clotilde Reiss im Iran beschrieben wird, ist nichts anderes als ein normaler juristischer Vorgang - womit nicht insinuiert werden soll, dass die Schauprozesse etwas mit juristischer Normalität zu tun haben. Mangels Wiederholungsgefahr konnte Reiss gegen eine Kaution das Gefängnis verlassen. Damit ist nichts über den Prozessausgang gesagt.

Allerdings hält sich Reiss nun in der französischen Botschaft in Teheran auf - und die iranischen Behörden erwarten wohl selbst nicht, dass sie von dort wieder ausgeliefert wird. Man wird das Ganze sicher gütlich regeln; der syrische Präsident Bashar al-Assad, der diese Woche in Teheran erwartet wird, ist offenbar Teil des Plots. Wie Nordkorea und Burma hat es das iranische Regime gerne, ausländische Gäste in der Rolle von Bittstellern zu sehen, auch wenn es sich, wie im Fall von Assad, um Verbündete handelt.

Die anderen Angeklagten haben nicht das Glück, Teheran für die zukünftige Gestaltung äußerer Beziehungen nützlich zu sein. Es ist jedoch eine Fehleinschätzung des Regimes, wenn es glaubt, durch kleine Gesten sein Image reparieren zu können. Ein gewisses Unverständnis dessen, was der Iran ist, zeigt sich jedoch auch auf der anderen Seite, nämlich im Erstaunen darüber, dass Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad nun Ministerinnen in der Regierung haben will. Für ihn sind Frauen an gewissen Stellen eine logische Entwicklung der islamischen Revolution: ideologisch gleichgeschaltet und mit eingebauter Glasdecke, versteht sich.  (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2009)

Share if you care.