Obamas gesunder Pragmatismus

17. August 2009, 20:37

Bei der Krankenkassenreform kommt das Weiße Haus um Zugeständnisse nicht herum

In der immer hitzigeren Debatte über eine Reform des amerikanischen Gesundheitswesens zeichnet sich ein Ergebnis ab: Weder wird am Ende ein öffentlich finanziertes System herausschauen, das mit europäischen Vorbildern vergleichbar wäre, noch wird US-Präsident Barack Obama mit diesem Thema einen großen politischen Erfolg feiern können.

Aber auch ein abgespecktes Reförmchen - und dass der von den Demokraten beherrschte Kongress irgendein Krankenversicherungsgesetz heuer verabschieden wird, steht außer Zweifel - könnte einige der Missstände im amerikanischen Gesundheitswesen beseitigen oder zumindest mildern und damit Obama eine peinliche Niederlage ersparen, wie sie Bill Clinton 1993 erlebt hat.

Die USA geben viel mehr Geld für Gesundheit aus als alle anderen Industrienationen und hinken dennoch bei Kindersterblichkeit und Lebenserwartung hinten nach. Schuld daran sind vor allem die privaten Versicherungsgesellschaften mit ihren aufgeblähten Verwaltungsapparaten, die vor allem damit beschäftigt sind, Risikopatienten auszusieben und Kundenansprüche abzuweisen. Die Folge sind Millionen Amerikaner ohne oder mit unzureichender Versicherung sowie eine oft unerträglich hohe Belastung für all jene Unternehmen, die ihren Angestellten einen Gesundheitsplan anbieten.

Die objektiv beste Lösung wäre die Einführung einer allgemeinen staatlichen Krankenversicherung, etwa durch die Ausdehnung der Seniorenkasse Medicare auf alle Bürger. Aber das tiefe Misstrauen der US-Bürger gegen zu viel Staat macht dies zu einem völlig utopischen Konzept.

Schon im Wahlkampf hat Obama daher bei der Gesundheit vorsichtigere Töne angeschlagen als etwa seine damalige Rivalin Hillary Clinton. Er wolle das bestehende System nicht zerstören, sondern bloß verbessern, sagte er mit Hinweis auf die stille Mehrheit, die mit ihrem eigenen Versicherungsplan und ihren Ärzten ganz zufrieden ist. Das Schicksal der Unversicherten ist den meisten - leider - kein Anliegen.

Obamas Pragmatismus in Sachen Gesundheit sollte ihm nun das taktische Navigieren durch die Klippen der Kongresspolitik, an denen die Clintons einst zerschellt sind, erleichtern, aber er nimmt ihm auch die Chance für inspirierende Rhetorik zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Stattdessen muss seine Mannschaft ständig neue Abstriche machen. Der Plan, den privaten Versicherern mit einem öffentlichen Anbieter Konkurrenz zu machen und so zum Wohlverhalten zu zwingen, gilt unter vielen Experten als Kernstück einer effektiven Reform. Dass das Weiße Haus nun darauf verzichten will, ist ein teures Zugeständnis.

Beschwichtigt sollen damit nicht die rechten Republikaner à la Sarah Palin mit ihren absurden Euthanasie-Anwürfen werden, sondern die moderaten Demokraten, die bei jedem Vorschlag den Wählerzorn über zu hohe Kosten und zu viel Bürokratenmacht fürchten. Doch ohne diese Gruppe hätte keine Gesundheitsreform eine Chance auf eine Mehrheit im Kongress.

Ein großer Wurf in Form einer Alles-oder-nichts-Strategie, wie sie etwa Nobelpreisträger Paul Krugman fordert, würde daher sicherlich scheitern. Die beste Chance für das Gesundheitswesen ist ein ausgedehnter, schrittweiser Veränderungsprozess, der den Amerikanern allmählich die Angst vor einer größeren Staatsrolle nimmt.

Doch wenn der erste Schritt unter einem populären Präsidenten allzu mickrig ausfällt, dann wäre dies eine vergebene Chance. Obama muss in den kommenden Wochen darauf achten, dass zumindest seine Kernziele - Versicherungsschutz für alle und eine bessere Kostenkontrolle - aus lauter Pragmatismus nicht wegverhandelt werden. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2009)

 

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 64
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cipf
 
10
18.8.2009, 14:00

Paul Krugmann, Paul Krugmann???
War das nicht der, der Österreich schon vor dem Staatsbankrott gesehen hat???
Hat wohl von allem eine Ahnung der Herr. Bewundernswert.

Teleobjektiv1
11
18.8.2009, 14:29
Keine Ahnung, davon aber jede Menge

Das ist typisch für dieses Ösistan: Keine Ahnung, wer Krugmann ist, alles was man weiß, ist eine mittelwichtige Äußerung über das kleine Ösistan und auf diese Äußerung wird jetzt eingedroschen - egal, ob sie mit dem eigentlichen Thema zu tun hat oder nicht.

Provinzialismus pur!

elle(s)
01
22.8.2009, 23:56
vielleicht

könnten sie ja so gütig sein und eine erklärung für das unbedarfte volk der ösis zur verfügung stellen, gnadenhalber sozusagen?

cipf
 
00
18.8.2009, 14:31

Mit der Entfernung nimmt die Objektivität ab, gell?? ;-))

flotter denker
00
18.8.2009, 12:35
Das wird sauteuer

Der Anteil des Einkommens, den die Amis fuer Gesundheit ausgeben, steigt sicher weiter. Die Notwendigkeit, massiv zu sparen kommt irgendwannn auch fuer die USA - vermutlich aber erst nach Obama

teifl eini
00
18.8.2009, 12:34
usa sind andere welt

die tatsache, dass in den usa die ankündigung von "mehr staat" so panisch aufgenommen wird, ist schon interessant. gegen die angst vor "sozialistischen" umständen kommt sogar das mitleid-menschlichkeits-argument hinsichtlich dutzender mio unversicherter nicht an.

aber gut, wenn sie solche umstände und entsprechende soziale ungereimtheiten haben wollen, dann sollen sie ihr konservatives marktdogma ruhig leben. aus egoistisch-individueller sicht ist in wahrheit ja wirklich jeder für sich selbst verantwortlich. warum müssen die leute immer bevormundet werden?

dass es marktversagen gibt, wird drüben ja auch mehrheitlich negiert. bleibt das effizienz-argument. aber das zählt im land der benzin-dreckschleudern sowieso nichts ...

monoton
05
18.8.2009, 12:18

das amerikanische kv system ist eine ausgeburt des kapiatalismus. wie kann ein system verteidigt werden, das mehr kostet als in europ wohlfahrtsstaaten und dennoch 40mil der eigenen bevölkerung unversichert läßt. in einem der reichsten länder der erde werden amis von europ wohltätigkeitsorganisationen versorgt. das ist lachhaft
alles was dieses system kann ist geld im großen stil rauben, und das ist auch der grund warum die pharma und gesundheitsindustrie nun ein vermögen in die propaganda gegen obama steckt, die wollen einfach nicht auf ihre astronomischen und nicht zu rechtfertigenden gewinne verzichten.

Vorsicht vor dem Hundte
10
18.8.2009, 17:31
es kostet nicht das amerikanische KrankenVERSICHERUNGSsystem mehr als das europäische,

sondern das GESUNDHEITSsystem.


KrankenVERSICHERUNG:
Beiträge einzahlen, Risiken berechnen, eingezahlte Beiträge verwalten, Auszahlungen abwickeln, etc.

GESUNDHEITSsystem:
Ärzte, Krankenhäuser, Medikamente, Pflegepersonal, praktische Ärtze, Spezialisten, usw...


Diese Unterscheidung ist nicht ganz unwichtig!

Denn jene Amerikaner, die sich gerade gegen Obamas Vorschläge wehren, wehren sich gegen sein Konzept der KrankenVERSICHERUNG.

Daher ist es für diese Diskussion auch nicht besonders relevant, ob das GesundheitsSYSTEM teuer oder nicht teuer ist.
Dieses hat nämlich mit dem Diskussiongegenstand überhaupt nichts zu tun...

monoton
00
19.8.2009, 08:52

beides ist in den usa extrem überteuert. eine krankenversicherung um 5000$ pro jahr ist nicht billig, und da werden sicher auch viele leistungen nicht abgedeckt schon gar nicht der zahnarzt!
was bringt eine versicherung extrem teuer ist und die sich weigert zu zahlen wenn etwas vorfällt?
dieses system hat sich zu einem cash generierenden monster entwickeld, das niemadem außer der pharma und gesundheitsindustrie nutzt, die verdienen absolut unverhältnismäßig (freier markt funktioniert einfach nicht!)
oder warum sind medikamente in den usa dermaßen viel teuer als in der rest der welt?

Vorsicht vor dem Hundte
11
19.8.2009, 09:00
looooooooool

eine Krankenversicherung um 5000 Dollar im Jahr ist extrem überteuert?????


Ich packs ja net :-)))))))))


Was glaubens denn, was in Österreich die Versicherung kostet????



Kleiner Tipp (pssst): Ein Job-Anfänger mit 2.000,- Gehalt zahlt schon 10.000 (ZEHNTAUSEND) Euro (=13.000 Dollar) im Jahr.

Eine Lagerarbeiter mit 1.215,- Mindeslohn zahlt 6.123,- im Jahr.

Ein Abteilungsleiter mit 4.000,- zahlt über zwanzig Tausend Euro im Jahr.


Das absurde an den Diskutanten hier ist, dass wohl manche glauben, wenn etwas staatlich geregelt ist, kostet es nix mehr, weils eh "der Staat" zahlt.


WAHNSINNSPOST!

monoton
20
19.8.2009, 09:48

wei kommen sie auf ihre netten zahlen?
die krankenversicherung für angestellte und arbeiter ist der gesamtsatz 7.65% d.h. im jahr kostes es den abteilungsleiter 3700€ mit unfallversicherung 4.400€
der arbeitnehmer selber zahlt davon 3,95% nicht ganz 2000€ und damit sind alle leistungen inkludiert und man bekommt jede medizinische behandlung die es gibt.

vielleicht sollten sie einmal unterscheiden lernen zw sozialversicherung und deren bestandteil der krankenversicherung

Martin vom Dach
10
19.8.2009, 11:06
najo, net wirklich ganz. also 1. sinds JE 7,65% (also 15,3% des Bruttogehalts)


2. ist das NUR die Kranken- nicht die Unfallversicherung (also 15,3% nur für Krankheiten, nicht für den verstauchten Knöchel oder die Brandwunde)

3. Wird aus diesem Betrag NUR der Arzt und die Medikamente bezahlt. NICHT aber das Krankenhaus selbst, das Pflegepersonal, der BAU des Krankenhauses, der Rettungswagen und der Hubschrauber, usw....


In den USA zahlt die private Krankenversicherung Unfall, Krankheit, die Errichtung und Erhaltung des Krankenhauses oder der Arztpraxis (inkl. der Schwester und der Sprechstundenhilfe), den Notarzthubschrauber, usw....

Dazu zahlt sie außerdem in der Regel noch Arbeitsunfähigkeit oder Invalidität (was bei uns wiederum gar nix mit der GKK zu tun hat).


Man sollte schon Äpfel mit Äpfel...

monoton
00
19.8.2009, 11:24

http://de.wikipedia.org/wiki/Gesu... itssystems

die kosten pro person sind in den usa doppelt!!! so hoch wie bei uns (lt. who)

http://www1.arbeiterkammer.at/taschenbu... te_307.htm

Martin vom Dach
10
19.8.2009, 13:18
ja vom Gesundheitssystem (summe von allen, sogar von Apotheken oder Heimpflegediensten) ja.


In dieser Diskussion gehts aber rein um die Versicherung, nicht um alle medizinischen Dienstleistungen in Summe

Vorsicht vor dem Hundte
11
19.8.2009, 09:55
7,65% im Jahr?

Weil den Dienstgeberanteil, den zahl ja niemand, und der kostet daher auch nix.


Mann o Mann, hier sind die Profis unterwegs

monoton
00
19.8.2009, 10:04

haben sie außer arroganz und blöden antworten noch etwas zu bieten? fakten vielleicht

MICI2
 
82
18.8.2009, 10:35
Wer glaubt an das demokratische System von Wahlmännern und Frauen in den USA...

... in der USA darf nur wählen wer seine Wohnadresse gemeldet hat. Die Meldung der Wohnadresse kostet so um die 4000 Dollar, wenn bedacht wird wie oft ein Umzug wegen des Arbeitsplatzes in der USA auf der Tagesordnung steht ist es nicht verwunderlich, dass sich viele nicht melden. Nur diejenigen mit einem hohen Verdienst werden bei den Wahlen erfasst, die unteren Schichten fallen so durch den Rost. Wer will denn schon diese Sozialschmarotzer haben, 40 Millionen die sich nicht privat versichern können. Eine wirtschaftlich uninteressante Schicht, politisch entrechtet durch die Mechanismen des "freien" Marktes.
Es zeigt sich das die Menschen die keine Produktionsmittel besitzen, ihre eigene konsequente Vertretung brauchen.

gucky
02
18.8.2009, 13:36
Was für ein Schmarrn!

In den USA gibt es kein Meldewesen wie bei uns; um sich als Wähler zu registrieren, braucht man einen Führerschein und einen "proof of address", üblicherweise eine Strom- oder Gasrechnung.
Und kosten tut das maximal die Briefmarke um den Antrag abzuschicken.
siehe auch: http://www.eac.gov/files/vot... update.pdf

Pan Utenec
22
18.8.2009, 10:27
Keine Ahnung von den USA

Allen Obama-Bashern möchte ich die Worte von Prof. Gehrlich in der Einleitungsvorlesung zu Politikwissenschaften vor ca. 15 Jahren weitergeben, der meinte, dass ein US-Präsident so ca. 20% seiner Vorhaben durch die Legislative bringt und wer so einen 20% Präsidenten als schwachen Präsidenten bezeichne, keine Ahnung von den USA habe. Politikwissenschaft habe ich nach dem ersten Semester nicht mehr studiert, keine Ahnung, ob Gehrlich heute was anderes sagt.

Ja wenn das so ist - dann Prost!
 
120
18.8.2009, 10:04
"...die stille Mehrheit, die mit ihrem eigenen Versicherungsplan und ihren Ärzten ganz zufrieden ist."


Hoppala!

Jetzt haben die Sozialromantiker aber Erklärungsbedarf!

Tino1967
 
02
18.8.2009, 12:02
Wahre Demokratie ist nicht

eine Diktatur der Mehrheit über die Minderheit, sondern Führung durch die Mehrheit unter Schutz der Rechte der Minderheit.

d d101
21
18.8.2009, 02:52
Und fuer diejenigen die glauben Geld wird verdient von Banken...

http://finance.yahoo.com/expert/ar... tk-cmtscnt

Gelsomina
82
18.8.2009, 02:13

Medicare hat 76 Trillionen Dollar an ungedeckten Leistungspflichten angehaeuft, d. h. frueher oder spaeter (angeblich 2016) wird Medicare nicht mehr zahlungsfaehig sein, weil das gesamte Steueraufkommen der USA die Schulden nicht mehr deckt. Schon jetzt kommt Medicare seinen Zahlungspflichten an Aerzte und Spitaeler nicht mehr so nach, wie es vorgesehen ist. Die waelzen das auf die privaten Versicherungen ab. Inwiefern ist es die objektiv beste Loesung, dieses System auf alle Versicherten auszudehnen?

Gelsomina
00
18.8.2009, 19:04

Das wirklich Ironische an Ihrem Posting ist folgendes: Kanada ist eines der Vorbilder fuer Obamacare. Und am Wochenende wurde verkuendet, dass in Teilen von British Columbia (eine kanadische Provinz) Gesundheitsprogramme fuer Senioren und mental Kranke massiv eingeschraenkt werden, weil das Geld fehlt.

Verstehen Sie das? Wenn das Geld ausgeht, so wie jetzt in Kanada (und in Frankreich, und in GB, usw), dann sind es die sozial Schwachen, die zuerst dran glauben. Obama und seine Senatoren haben eine Spezialversicherung, an der sich nichts aendern wird. Denen ist das egal.

In einem System, das schon jetzt unter einer solchen Schuldenlast leidet, wird es diese Rationierungen schon sehr, sehr bald geben, vielleicht von Anfang an.

spiralvoice
05
18.8.2009, 11:10

Genau! Lasst die Alten und Kranken verrecken und gebt das Geld den Banken und Chinesen.

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