Es geht gerade noch, das Unerträgliche

17. August 2009, 18:42
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Der war gut! Im STANDARD eröffnete Justizministerin Bandion-Ortner ihre etwas angestrengte Würdigung der Formulierungskünste geschmeidiger Staatsanwälte mit dem Satz: "Eine Stadtzeitung versucht Politik zu machen"

Der war gut! Im gestrigen STANDARD eröffnete Justizministerin Bandion-Ortner ihre etwas angestrengte Würdigung der Formulierungskünste geschmeidiger Staatsanwälte mit dem Satz: Eine Stadtzeitung versucht Politik zu machen. Bumsti! Gemeint war der "Falter". Bei der "Kronen Zeitung", wo dieser niederschmetternde Vorwurf auch nicht ganz unangebracht wäre, ist ihr das in ihrer bisherigen ministeriellen Laufbahn noch nie aufgefallen. Oder sie war nur schlau genug, sich eine Erkenntnis, die sich dem österreichischen Durchschnittspolitiker von den Gehirnwindungen bis in die Peristaltik eingefressen hat, äußerlich nicht anmerken zu lassen. Von Faymann lernen, heißt kuschen lernen!

So wie ein Rechtsprofessor dem ehemaligen Kärntner Landeshauptmann würde ihr ein Medienprofessor vielleicht bestätigen, dass ihr diesbezügliches Handeln gegen den "Falter" "gerade noch gehe". Und wenn der Verdacht der Rechtsunkundigkeit Haiders Nachfolger vor unzumutbaren Nachstellungen der Staatsanwälte schützt, könnte man den ministeriellen Verdacht gegen eine Stadtzeitung auf dem Gnadenwege als Medienunkundigkeit deuten. Dennoch ist es erhellend, wie ein traditioneller Astigmatismus am rechten Auge der Justiz, der einschlägige Gesinnungen vor den Stigmata des verfassungsmäßig Unerwünschten bewahren soll, schon an der Spitze der Pyramide gewissermaßen habituell auftritt.

Es passt ja alles zusammen. Seit das polizeiliche Erschießen von Kindern als willkommener Anlass herhalten muss, wahlkampfbedingt das Law-and-Order-Profil derer zu schärfen, die das am wenigsten notwendig haben, heißt es: Die Betroffenheit hat wieder Saison. Wie man korrekt und zielgenau betroffen ist, führt uns die unheilige Dreifaltigkeit Fekter, Strache, Dichand vor. Strache am Freitag in der "Wiener Zeitung", wo er darlegt: Gerade jene, die sich jetzt mit Betroffenheitsminen (sic!) in der Öffentlichkeit sonnen, sind in Wahrheit die Verantwortlichen für die Misere bei der Polizei.

Und weil bei der Polizei eine Misere herrscht, muss auch von einem 14-Jährigen erwartet werden können, dass er sich des Risikos seiner Handlungen bewusst ist. Die Polizei hat sich in diesem Fall nichts vorzuwerfen. Sie kann von einem Vierzehnjährigen verlangen, dass er sich ihre Misere stets vor Augen führt und entsprechend betroffen ist. Ferner kann man von einem Minderjährigen nicht nur erwarten, dass er nicht einbrechen geht, sondern dass er Tag und vor allem auch Nacht nichts anderes im Schilde führt, als der Polizei ein Freund und Helfer zu sein, umso mehr, wenn ihm dafür doch der süße Lohn winkt, nicht erschossen zu werden.

Auch die Mutter bekommt vom Erzieher Strache ihr Fett ab. Sie muss sich die Frage gefallen lassen, warum ihr Sohn um diese Uhrzeit nicht zu Hause im Bett liegt, sondern mit irgendwelchem "Gelichter" um die Häuser zieht. Das sagt jemand, der seinen medialen Ruf zu einem guten, ja noch zum besseren Teil, damit erworben hat, um diese Uhrzeit nicht zu Hause im Bett zu liegen, sondern im Partyzwielicht um die Häuser zu ziehen, angeblich um auf direktem Wege zu erfahren, was die Jugendlichen heute bewegt. Aus seinem Munde erzeugt die Entrüstung über die ausbleibende Bettlägerigkeit heutiger Vierzehnjähriger bestenfalls Betroffenheit über so viel Heuchelei.

Gut, irgendwie muss er sich abreagieren, schließlich hat ihm seine Liebe, wie man in Wien sagt, den Weisel gegeben, oder wie "Österreich" sagt: Sie hat die Beziehung beendet.

Und was tut er, statt sich einmal ins Bett zu legen? Derzeit tröstet er sich bis zum 19. August im Urlaub auf Ibiza - am Tag als fürsorglicher Familienvater, nächtens als Partytiger. Mit ihm sind seine Kinder Tristan (6) und Heidi (8), auf die Mutter Marion (64) aufpasst, wenn HC Strache mit seinen engsten Freunden, den FP-Abgeordneten und Anwälten Harald Stefan und Johannes Hübner das reichhaltige Nachtleben der Insel erkundet. Bevorzugtes Forschungsfeld: Die riesige In-Disco "Pacha", in der sich vor ein Uhr morgens nichts abspielt und die auf ihrer Homepage mit den "hübschesten Frauen von Ibiza" Werbung macht. Daran sollten sich die Vierzehnjährigen ein Beispiel nehmen, allerdings müssten sie vorher einbrechen gehen: Der teuerste Klub. Keine Party unter 30 Euro

In der "Krone" entlarvte sich eine Leserin mit Fünf entlarvenden Fragen zur Kremser Tragödie, wobei vor allem die dritte darauf abzielte, den Rechtsstaat auf ein Partytiger-konformes Maß zu stutzen. Würden mehr Verbrecher körperliche Schäden davontragen, wenn sie auf frischer Tat ertappt werden, würde dies sicher einmal abschreckend wirken. Und trägt ein Vierzehnjähriger einen körperlichen Totalschaden davon, dann hat das schon seine Ordnung, denn der hat auch ein Berufsrisiko - basta. Ein Land, das seine Kinder liebt, erschießt sie, wenn sie einen Blödsinn machen. Sonst lernen sie's nie. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 18.8.2009)

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