Der Mann, der schneller läuft als sein Schatten

17. August 2009, 18:06
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Es gibt Momente, in denen man sich geradezu verzweifelt die eigene Naivität zurückwünscht. Am Sonntagabend war so ein Moment, als der am Freitag 23 Jahre alt werdende Usain Bolt zum Weltmeister über 100 Meter lief, nein: raste, nein: flog. In der unfassbaren Rekordzeit von 9,58, mit einer Geschwindigkeit von 45 Stundenkilometern!

So viel Märchen in einer so kurzen Zeit! Wie gerne würde man die Geschichte seines Vaters Wellesley glauben, Usains Schnelligkeit verdanke sich dessen Talent, seinem Fleiß und höchstens noch der berühmten Yam-Wurzel aus dem jamaikanischen Distrikt Trelawny. Aber wie es der dumme Zufall will, stammt aus dieser Region im Norden der Karibik-Insel auch Ben Johnson, jener kanadische Sprinter, der 1988 bei den Olympischen Spielen von Seoul seinen Sport so nachhaltig geschändet hat.

Wie gerne würde man auch glauben, dass die schweizerische Boulevard-Zeitung Blick ganz ohne Zynismus jetzt getextet hat:"Bolt schneller als sein Schatten!" Aber kaum versucht man, sich auf diesen Glauben einzulassen, schiebt sich schon das Bild von Lucky Luke in die Vorstellung. Es ist ungerecht: Aber zuweilen gleicht der internationale Showsport ja tatsächlich einem Comic.

Hinter solch einem Bild verblasst unfairerweise die Geschichte des jungen, hochsympathischen Burschen, der im Vorjahr die Sprinterwelt mit seinem Olympiasieg in Peking auf den Kopf gestellt hat. Als 200-Meter-Spezialist wollte er gar nicht zum kurzen Sprint. Erst sein Trainer überredete ihn, als Vorbereitung in New York diese Strecke zu laufen. Dort drückte der 1,96-m-Bursche den Weltrekord seines Landsmannes Asafa Powell auf 9,72. Eine Marke, die bloß die paar Monate bis Peking hielt, wo er 9,69 lief.

Dass die Zauberei, die er mit seinen langen Beinen vollführt, ein Nebenprodukt und im Grunde "eigentlich" wäre, zieht sich wie ein dramaturgischer Faden durch Bolts Biografie: Eigentlich war er Cricket-Spieler, erst sein Coach schickte ihn zum Laufen; eigentlich sei er, meint sein jetziger Trainer Glen Mills, "ein fauler Hund" ; und eigentlich, sagt Bolt selber, "sollte man sich und das, was man tut, nie zu ernst nehmen" . Das alles geht hinunter wie Öl.

Der Internationale Leichtathletikverband wird freilich demnächst auch seinen Senf dazugeben. Fünf jamaikanische Sprint-Kollegen stehen nämlich im dringendsten Dopingverdacht. Die für vergangene Woche angekündigte Entscheidung wurde aus nicht näher erläuterten Gründen auf diese Woche vertagt. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, Dienstag 18. August 2009)

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  • Usain Bolt (22) wäre zu anderen Zeiten wohl ein Märchenprinz.
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    Usain Bolt (22) wäre zu anderen Zeiten wohl ein Märchenprinz.

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