"Der Zaubertrank ist ein Urwunsch"

17. August 2009, 17:32
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Sportmediziner Paul Haber hält Bolt für einen Modell­athleten, der Kraft in Tempo optimal umsetzen kann. Doping darf nicht unterstellt werden

Standard: Sind die 9,58 Sekunden für Sie nachvollziehbar?

Haber: An sich sind alle Weltrekordleistungen heutzutage bewusstseinsmäßig nur schwer nachvollziehbar. Einen Marathon in 2:03 Stunden zu laufen versteht man nicht. 100 Meter in 9,58 Sekunden auch nicht. Ich komme aus dem Schwimmsport. 100 Meter in 47 Sekunden kraulen ist ebenfalls jenseits von Gut und Böse.

Standard: Was zeichnet Bolt aus?

Haber: Er ist fast zwei Meter groß, kommt mit der gleichen Frequenz auf 2,58 Meter pro Schritt, damit ist er schneller. Die Schrittlänge ergibt sich auch durch die Kraft des Abstoßes. Und dann hat er eine ausgefeilte, exzellente Lauftechnik. Die Umsetzung von Kraft in Tempo ist bei Bolt optimal.

Standard: Wo sind die Grenzen?

Haber: Nehmen wir den Marathon, das andere Ende der Scala. Da bin ich hundertprozentig überzeugt, dass 2:03 Stunden die Grenze sind. Aus physiologischen Gründen. Der Mensch hat eine bestimmte Sauerstoffaufnahmefähigkeit. Solange der Mensch so bleibt, wie er jetzt ist, bekommt er nicht mehr Sauerstoff. Für den Sprint ist der Mensch optimal konstruiert. Dank der Hebelverhältnisse und der mechanischen Zusammensetzung besitzt _er die Fähigkeit zum perfekten _aufrechten Gang und Lauf. Würden die Oberschenkel durch Gendoping doppelt so dick werden, er wäre nicht schneller.

Standard: Bolt selbst spricht von 9,4 Sekunden.

Haber: Darauf würde ich nicht allzu viel geben. Er muss Sprüche von sich geben, um interessant zu sein. 9,4 wären zwei Meter. Ich wage zu bezweifeln, dass er sich selbst so deutlich abhängt. Nennenswerte Weltrekorde überraschen den Sportmediziner. Denn er geht davon aus, dass die Trainingsmethoden für die Spezies Mensch weitgehend ausgereizt sind.

Standard: Natürlich wird über Doping spekuliert, einige von Bolts Teamkollegen wurden überführt. Kann man sauber so schnell sein?

Haber: Eine schwierige Frage. Im Kugelstoßen, im Speerwurf, im Gewichtheben wurden die geltenden Rekorde Ende der 80er aufgestellt. Damals wurden die Dopingkontrollen besser, das waren die Anabolikageschichten. Ein Hinweis darauf, dass diese Leistungen mit Doping zu tun hatten. Sage ich nun, man kann nicht sauber so schnell sein, dann würde ich Bolt Doping unterstellen. Ich will mich aber an die Rechtsordnung halten. Jemand, der nicht überführt ist, darf nie öffentlich beschuldigt werden. Das ist ein wichtiges Prinzip.

Standard: Bolt schwört auf die Yam-Knolle, die Kraft geben soll?
Haber: Das ist eine Art Kartoffel, eine Wurzel, die in Afrika und Asien wächst. Für Europäer wäre sie problematisch, sie enthält irgendein Gift. Es ist aber kein Stoff drinnen, der 9,58 möglich macht. Sonst würden alle Sprinter tonnenweise Yam-Wurzeln essen. Aber es ist okay, wenn er sich das einbildet. Ich kannte einen Ruderer, der musste vor dem Start unbedingt zwei Tabletten Aspirin schlucken. Sonst wurde er panisch.

Standard: Stillt Bolt die Sehnsucht des Menschen nach schier unmenschlichen Leistungen?

Haber: Absolut, die Menschen mögen Helden, zu allen Zeiten. Der Typ hat sich gewandelt. Helden waren auch Leute, die den Südpol entdeckt haben, die alten Griechen schwärmten von Herakles. Bolt musste ein Held werden, um ein Star zu sein. Heutzutage kann man leider auch ein Star sein, ohne etwas geleistet zu haben. Aber die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen ist ungebrochen.

Standard: Andererseits, sollte irgendwann herauskommen, dass Bolt gedopt hat, sagen die Leute, die ihn nun bewundern: War eh klar.

Haber: Das ist ein spezielles Zeichen unserer Zeit. Früher hat man nicht gefragt, wie etwas erbracht wurde. Die Geschichte von Asterix und seinem Freund Obelix, der deshalb so stark ist, weil er als Kind in den Zaubertrank gefallen ist, sagt viel aus. Der Zaubertrank ist ein Urwunsch der Menschen. Der arme Radfahrer, wie heißt er schnell, der Bernhard Kohl, wurde verstoßen. Der Umstand, dass er gedopt hat, schmälert seine Leistung nicht wirklich - weil ich davon ausgehe, dass alle gedopt waren. Bolt ist ein außergewöhnlicher Läufer, wie er alle 50 Jahre geboren wird. Ein Modellathlet. Daran würde der Umstand, dass er allenfalls Doping genommen haben könnte, gar nichts ändern. Die andern tun es auch, da ist Gleichheit gegeben. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe, Dienstag 18. August 2009)

ZUR PERSON: Univ.-Prof. Paul Haber (64) ist einer der renommiertesten Sportmediziner in Österreich.

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    Paul Haber über Bolt: "Ein Modellathlet. Daran würde der Umstand, dass er allenfalls Doping genommen haben könnte, gar nichts ändern."

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