Ein Schnösel will nach unten

17. August 2009, 16:42
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Der britische Lebenskünstler Sebastian Horsley veröffentlicht seine komischen, abstoßenden, jedenfalls unterhaltsamen Memoiren

Wien/München - Dialoge, wie sie das Leben schreibt. Irgendwann in den 1990er-Jahren schlägt unser Protagonist in einer britischen Entzugsklinik die Augen auf und erblickt der Mutter Gesicht: "Habe ich als Mutter versagt, Sylvester?" - "Ich heiße SEBASTIAN, Mutter."

Wir treten in das alles andere als beschauliche Leben des Sebastian Horsley ein. Mit seinen 2007 in Großbritannien veröffentlichten Memoiren, die jetzt in der Übersetzung von Andreas L. Hofbauer als Dandy in der Unterwelt im Münchner Blumenbar-Verlag erschienen sind, erfährt die längst überkommene Inszenierung des Dandys eine späte und beachtliche Blüte.

Auf 460 Seiten werden wir Zeuge, wie ein mit vielen - allerdings keinen künstlerischen - Talenten gesegneter Sohn aus bestem Hause im großen Stil versucht, sich kaputtzukriegen: "Ein Mann, der kein Talent hat, muss einen guten Schneider haben."

Der Spross einer millionenschweren, trunksüchtigen und soziopathischen Lebensmitteldynastie entwirft anhand seiner eigenen Biografie ein Londoner Sittenbild des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Schwerpunkt: reich und schön und voller Drogen. Dass man allerdings nicht alles in dieser wilden Geschichte für bare Münze nehmen soll, versteht sich von selbst. Ein Dandy als streng egozentrische Erscheinung mit ausgeprägtem Hang zu Snobismus, Lackaffentum, feminin ausgelegtem Machismus und heftigem Widerwillen, der Welt anders als mit Bonmots, Erbschaftsvermögen und Ausschweifungen beizukommen, funktioniert heute noch als Skandal. Als Horsley 2008 sein Buch in New York vorstellen wollte, wurde ihm von den US-Behörden die Einreise aufgrund "moralischer Verwerflichkeit" verweigert.

Sebastian Horsley: "Die einzige Sache, die man wissen muss: Wenn zwischen Illusion und Wirklichkeit Krieg herrscht, dann sollte man der Wirklichkeit nahelegen, taktvoll zu kapitulieren."

Möglicherweise findet man Zitate wie diese auch schon im Lebenswerk altvorderer Dandys wie Beau Brummel, Oscar Wilde, Quentin Crisp und anderer frivol-zynischer Flaneure zwischen Fakt und Fiktion. Horsley geht es schließlich nicht darum, eigenständig zu schöpfen, sondern darum, das Leben erschöpfend auszukosten.

So wildert sich der Autor so offenherzig wie hochkomisch und mit einem Sinn für schnelle Pointen im süßen Nichtstun durch die Literaturgeschichte. Er sucht den schnellen Kick in der Kunst des Zitats. Ohne Quellenangabe. Gerade aber in der Verachtung jedes Urheberrechts entsteht angesichts der heutigen Internetpiraterie so etwas Ähnliches wie eine Neudeutung eines aussterbenden Berufsstandes. Müßiggang wird mit großem Fleiß betrieben: "Das Geheimnis der Kreativität besteht darin, dass man seine Quellen zu verschleiern weiß." Und: "Man weiß nur, wann es genug ist, wenn man weiß, was zu viel ist."

Punk des reichen Mannes

Horsley wächst als Fan des Glamrock (Marc Bolan und T. Rex, David Bowie ...) auf und taucht in den 70er-Jahren bald in die Londoner Punkszene ein. Jede Menge teurer Drogen vernebeln das Gehirn. Er wird hoffnungsloser Musiker in einer hoffnungslosen Band mit anderen unbegabten Schnöseln, die die Welt mit dem Punk des reichen Mannes schocken wollen. Emotionaler Verkehr wird vorzugsweise im damals noch rötlicher schimmernden Londoner Stadtviertel Soho mit Prostituierten ausgeübt. Das Geld in schrille Maßgarderobe, Kokain, Crack und ein wenig Malerbedarf investiert. Man ist ja eigentlich Künstler.

Irgendwann dreht die Familie den Geldhahn zu. Es folgen kurze und gelangweilt exekutierte Karrieren als Börsenhai sowie als männliche Prostituierte. Sie ermöglichen es ihm, sein jetzt eigenständig erworbenes Geld für noch mehr Drogen und noch mehr drogensüchtige Models auszugeben. Dazwischen immer wieder halbherziger Entzug - und der nicht unterzukriegende Drang, auch als bildender Künstler ernst genommen zu werden: "Glücklicherweise ist die Kunst die einzige Beschäftigung, die niemand lächerlich findet, bloß weil man kein Geld damit verdient."

Höhepunkt seiner "kreativen" Laufbahn: Im Jahr 2000 fliegt Horsley mit Kamerateam auf die Philippinen, um sich dort bei bizarren österlichen Riten kreuzigen zu lassen. Die Aktion geht aufgrund seines Körpergewichts gründlich schief. Den Leser freut das sehr, und er resümiert mit dem etwas kultivierteren Zeitgenossen Horsleys, dem britischen Oscar-Wilde-Wiedergänger, Autor und Schauspieler Stephen Fry: "Ich habe für meine Kunst gelitten. Jetzt sind Sie dran." (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 18.08.2009)

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    Sebastian Horsley kann man am 20. 8. im Rahmen eines "Dandyabends" im Club Die Registratur in München erleben.

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