Eine Verbeugung vor Pierre Boulez

17. August 2009, 16:45
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Pierre Boulez und Michael Barenboim mit Mitgliedern des "West-Eastern Divan Orchestra"

Salzburg - Le Marteau sans maitre (Der herrenlose Hammer), diesem zyklischen Reigen für Altstimme und sechs Instrumente (Viola, Gitarre, Vibrafon, Xylorimba, Schlagzeug) hat Pierre Boulez 1953/55 drei Gedichte des Lyrikers und Surrealisten Renè Char zugrunde gelegt: Das rasende Handwerk, Schönes Gebäude und die Vorahnungen sowie Henker der Einsamkeit erschienen ihm kühn und hart, wie »schwarze, blanke Kieselsteine«, die er zu seinem neunteiligen Zyklus zusammenfügte. Es ging ihm, wie er einmal erläuterte, um eine "Umwandlung und Zerstückelung des Gedichts", Intervalle und Rhythmen sollten deshalb »grundsätzlich verschieden« sein. Variationen, deren subtilen Entwicklungen nachzulauschen selbst zu einer so nachmittäglich-trägen Konzertstunde belebend und spannend war.

In immer neuen Kombinationen - damit erinnert dieses Schlüsselwerk der Moderne auch rein strukturell an Schönbergs Pierrot Lunaire - setzte Hilary Summers Altstimme mit größter Wortdeutlichkeit und technischer Präzision ein und machte die Bilder vom "Kadaver im Korb" oder vom "Wandern in den Beinen" verständlich.

Unter der Leitung von Pierre Boulez unterstrich das West-Eastern Divan Orchestra als Dialogpartner der Stimme den surrealistischen Bilderbogen mit traumsicheren klangvollen Linien.

Anthèmes I ist ein späteres Werk von Pierre Boulez. Das Stück, entstanden 1991/92, geht aus einer bereits bestehenden Komposition (exposante fixe für Flöte mit Live-Elektronik, zwei Flöten und Ensemble, 1991) hervor und in ein weiteres Werk (Anthèmes II für Solovioline und Elektronik, 1997) ein. Michael Barenboim präsentierte die feingliedrigen Motive mit den flirrenden Flagoletts und markanten Trillern mit höchster Virtualität und setzte mit den stilleren Passagen klangliche Ruhepunkte von großer meditativer Wirkung. (Es war übrigens das Handy von Intendant Jürgen Flimm persönlich, das da hineinklingelte.)

Der ägyptischer Musiker Hassan Moataz war der Solist in Messagesquisse für Violoncello solo und sechs Violoncelli aus dem Jahr 1976/77. Pierre Boulez verwendet das Solocello nicht als Scheinwerfer an der Rampe, sondern als Marker für Leuchtpunkte in einem vielgestaltigen und -farbigen Klangkosmos. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD/Printausgabe, 18.08.2009)

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