Schweizer Schachbrett für große Figuren

18. August 2009, 16:40
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Die höchstgelegene Stadt der Schweiz ist kein Alpen-Idyll, sondern ein Jura-Juwel der Architektur

Dass eine Schweizer Kleinstadt im Jura, nahe an der Grenze zu Frankreich, kein putziges Nest sein soll, ist eigentlich kaum vorstellbar. Allzu vernichtend war jedoch der Großbrand, der 1794 im früheren Dorf La Chaux-de-Fonds wütete. Und so "fehlt" dem Ort, der sich mit dem Wiederaufbau im 19. Jahrhundert zur Stadt und zu einem Weltzentrum der Uhrenindustrie entwickelte, was andere Schweizer Orte eben so herzig macht: ein Hauch von Intimität im wohlerhaltenen Ensemble eines gewachsenen Stadtbilds.

La Chaux-de-Fonds braucht das nicht, man trägt seit einem Monat den Titel des Unesco-Weltkulturerbes. Gewürdigt wurde nicht konservierte Beschaulichkeit, sondern eine außergewöhnliche Symbiose zwischen Industriekultur und Städtebau - das hat der Kanton Neuchâtel tatsächlich nur dort zu bieten: Im Espacité-Turm, dem modernen Wahrzeichen der Stadt, residiert das Tourismusbüro. Wer in den Lift steigt und bis zum obersten Stockwerk des rund 60 Meter hohen Gebäudes fährt, beginnt zu verstehen: Das, was sich unterhalb der Aussichtsplattform ausbreitet, wirkt wie das ehrgeizige Projekt eines Modellbauers. Und das ist die Stadt tatsächlich.

Platz für die Sonne

Funktional sollte ihr Wiederaufbau sein, hieß es im 19. Jahrhundert. Platz sollte es geben, Platz für die Menschen und für die Sonne, die nun in alle Straßen scheint. So entstand das, was man gemeinhin eine Schachbrettsiedlung nennt. Architekt Charles-Henri Junod entwarf sie 1835, als eine bis heute in der Schweiz einzigartige Reißbrettstadt. Und ein gewisser Charles-Edouard Jeanneret, der 1887 in La Chaux-de-Fonds geboren wurde, knüpfte daran an, baute aus. Den Namen seines Urgroßvaters nahm er erst im Alter von 23 Jahren an, als Le Corbusier hat er die Heimatstadt dann berühmt gemacht - und sie auch ihn, als einen der größten Architekten des 20. Jahrhunderts.

Die zentrale Achse, die Hauptstraße, zieht sich schnurgerade durch das von Hügeln gesäumte Hochtal. Parallel entstanden 15 sekundäre Längsstraßen und rechtwinkelig dazu 20 Querstraßen, die zum Teil beachtliche Steigungen aufweisen. Die Stadt ist in die Hänge einer typischen Juralandschaft eingebettet. Es gibt keine hohen Berge und kein imposantes Alpenszenario, das hier dominiert wie in Chur oder Innsbruck. Trotzdem ist La Chaux-de-Fonds auf 992 Metern über dem Meer die höchstgelegene Stadt der Schweiz. Jene Ahornbäume, die die Hauptstraße säumen, werden genau auf eine Höhe von 1000 Metern über dem Meer geschnitten. Mitunter verkauft deshalb der Patron des ältesten Bistros der Stadt, dem Café du Petit Paris, seinen Gästen die Stadt gar als die höchste Europas. Nur das nahe Briançon in den französischen Alpen widerspricht dann hartnäckig, aber ohne Schwierigkeiten - mit einer Seehöhe von 1321 Metern.

Das Uhrwerk der Nachbarn

Im Nachbarort Le Locle, wo sich nach wie vor die Hochschule für Uhrmacherei befindet, weist man gerne darauf hin, dass die erste Uhrmacherwerkstatt hier im Jura eigentlich bei ihnen zu suchen ist. Und dennoch gilt heute La Chaux-de-Fonds als die Metropole der noblen Industrie, mehr als 4500 Exponate alter Handwerkskunst sind im Uhrenmuseum zu bestaunen. Nur eines müssen die Nachbarn zugeben: Wie keine andere Stadt der Schweiz wurde La Chaux-de-Fonds um die Wende zum 20. Jahrhundert vom Jugendstil geprägt. In der Sonderform des "Style sapin", des "Tannenstils", zeigt er sich hier, die Natur diente als Vorbild für die verspielten Ornamente. Und er ist omnipräsent: in Treppenhäusern, auf bunten Fenstern, an Geländern, mit Kachelverzierungen und am Krematorium.

Italienisches Flair brachte das deutlich ältere Théâtre de l'Heure bleue in die Stadt, kein Wunder, ist das Auditorium doch eine Miniatur der Mailänder Scala. In der ehemaligen Reithalle, der alten Manege, wurde eine Brasserie eingerichtet, deren kostbarer Innenhof von der Straße nicht sichtbar ist. Ihn kann man ohne weiteres betreten, doch sonst muss der Flaneur immer wieder fragen, ob er kurz ins Haus darf - Kleinode des Jugendstils wie da eine Treppe oder dort ein Fenster bleiben oft verborgen.

In diesem Umfeld wuchs die schöpferische Begabung von Le Corbusier, hier schuf er erste Werke, die ihn international bekannt machten: Die Maison Blanche, das erste Wohnhaus nach den Plänen des Meisters, baute er für seine Eltern. Und die Villa Turque gilt immer noch als sein edelstes und vollkommenstes Werk aus der Zeit vor seiner Übersiedlung nach Paris. Über sein transnationales Gesamtwerk berät die Unesco übrigens auch gerade - ebenfalls sehr weltkulturerbeverdächtig. (Christoph Wendt/DER STANDARD/Printausgabe/15.8.2009)

  • Vom Espacité-Turm gut erkennbar: der ehrgeizige Schachzug von Charles-Henri Junod als Spielfeld für Le Corbusier.
    foto: swiss-image.ch / tourisme neuchatelois

    Vom Espacité-Turm gut erkennbar: der ehrgeizige Schachzug von Charles-Henri Junod als Spielfeld für Le Corbusier.

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