Zitternd über den Wipfeln

17. August 2009, 16:40
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Die Bernsteinküste, die ich über einem Monat entlang wanderte, war eine der bislang spektakulärsten Landschaftsstriche meiner Reise

Tagelange einsame Märsche brachten mich nur selten in Kontakt mit Menschen, und wenn, so waren die Begegnungen ausgesprochen freundlich:
"Hier ist Dein Zimmer. Die Küche kannst Du benutzen, und wenn Du willst, heize ich die Sauna ein."
"Wo finde ich etwas zu essen?"
"Das nächste Dorf ist sieben Kilometer weg, dort gibt es einen Laden."
"Ich bin zu Fuß..."
"Warte, ich bringe Dir Kartoffeln, etwas Grünzeug und Quark von zu Hause. Dann heize ich Dir die Sauna ein".

Tacitus, römischer Historiker, schrieb 300 vor Christus über die Bewohner der Bernsteinküste: "Sie verehren die Mutter Gottes und Bilder von Ebern, Zeichen des Aberglaubens. Selten findet man bei ihnen Eisen, häufiger Wolle. Getreide und Früchte bearbeiten sie geduldiger, als man es bei der gewohnten Trägheit der Germanen erwarten könnte. Sie sind die einzigen, die an der Küste Bernstein, 'Glasum' genannt, suchen, der dort zwischen den Ausschwemmungen des Meeres liegt, und ihn an ihre Nachbarn für einen so hohen Preis verkaufen, dass sie sich selbst darüber wundern."

Der Moment kam, mich von dieser Küste, deren letztes Stück ich in strömendem Regen entlang gewandert war, zu verabschieden. Auf der Höhe von Pävilosta bog ich in Richtung Osten ab, um Lettland zu durchqueren und über Kuldiga und Tukums in Richtung Riga zu gehen. Plötzlich traf ich wieder auf ausgedehnte Kiefern- und Birkenwälder und das Rauschen des Meeres wurde vom Singen des Windes in den Baumkronen abgelöst.

Weizenfelder, Kornblumen und so staubige Straßen, dass jedes vorbeifahrende Auto eine meterhohe Wolke hinter sich herzieht, wie einen riesigen weißen Wurm, der sich nur langsam auflöst und eine feine, mit jedem Auto dichter werdende Schicht feinsten Staubes auf Haare, Kleidung, Kameras und Gemüt legt.

Ich war froh über jeden Tropfen Regen, der diese Stauborgien ein wenig dämpfte. Dreitägige Rast in der Datscha von Dainis Gaidelis, einem befreundeten Schauspieler, mit dem ich vor 15 Jahren in Riga für mehrere Inszenierungen, darunter die lettische Erstaufführung von Dürrenmatts "Besuch der Alten Dame", zusammengearbeitet hatte. Gemeinsame Ausflüge zur größten Eiche Europas (Umfang: zehn Meter), Freilichtmuseen und spektakuläre Besteigung eines Feuerturms: Ein 35 Meter hoher Eisenturm mit Holzkabine auf der Spitze, in der der Feuerwächter Antons sitzt und schaut, ob es irgendwo im Wald brennt. Keiner der Begleiter, auch nicht Dainis, hat es gewagt, mit hinaufzuklettern.

Noch während ich dies hier niederschreibe, bekomme ich feuchte Hände von der Erinnerung an das Besteigen des Stahlgerüstes, an die fast unerträgliche Höhe und die schwankende und zitternde Holzkabine weit über den Wipfeln der Bäume, in der Antons mir lachend einen Kaffee zubereitete und mir ausgiebig, zwischen Meridian, Fernglas, hausgemachter Wurst und Funkgeräten, die Systematik des Feuersuchens, -erkennens und -meldens erklärte. Eine winzige, einsame, verzauberte Welt hier oben, euphorisches, schwankendes Nichtstun zwischen Erde und Himmel.

Abende am Lagerfeuer, Gespräche über die Kunst und das Leben, doch dann war der Augenblick gekommen - es galt, die lettische Hauptstadt Riga zu erreichen. (Markus Zohner)

  • In Datscha steht die, mit zehn Metern Umfang, größte Eiche Europas.
    foto: zohner

    In Datscha steht die, mit zehn Metern Umfang, größte Eiche Europas.

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