Späte Glückspost

16. August 2009, 22:43
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Frau G. ist seit Jahren tot. Aber jetzt klopfte das Glück an ihre Tür

Es war vorige Woche. Vielleicht ein paar Tage davor. Denn Post, die niemandem gehört, liegt bei uns im Haus immer ein paar Tage wartend auf einem Sims unterhalb der Briefkästen - und erst wenn nach einer Frist, die niemand definieren will, das Schriftstück immer noch da ist, wird es entsorgt. Oder zurückgeschickt. Oder vom Briefträger wieder mitgenommen und (hoffentlich) an die richtige Adresse geliefert.

Doch der Brief, der vergangene Woche auf dem Waisenpost-Podest lag, war im Grunde richtig beschriftet. Aloisia G. hat hier gewohnt. Bloß: Das ist ewig her. Vor sechs oder sieben Jahren zog Frau G. nach einem blöden Sturz samt Oberschenkelhalsbruch ins Heim.

Vorzimmer zum Zentralfriedhof

Und weil sie immer gesagt hatte, dass solche Heime das "Vorzimmer zum Zentralfriedhof - aber mit kurzer Wartezeit" wären, wunderte sich niemand, als ein paar Monate später eine Parte am schwarzen Brett hing. Beim Begräbnis sagte ihre Tochter, dass das traurig, aber besser so sei: Ihre Mutter sei stolz darauf gewesen, seit der Vater auf Nimmerwiedersehen in die Wehrmacht eingezogen worden war, alles alleine geschafft zu haben - das Heim sei für sie unerträglich gewesen.

Post an Frau G., hatte ihre Tochter gesagt, bräuchten wir weder aufzuheben noch ihr zu schicken: Verwandte und Behörden wüssten bescheid - und alle anderen ginge es nichts an. Aber es lag dann ohnehin bloß ein paar Monate lang hin und wieder Post für Frau G. am Sims. Versandhaus- oder Gewinnspielzeug, bei dem die Versender nach Menschen mit Uralt-Vornamen gescannt hatten - leichte Beute eben. Frau G. wäre ihnen nicht auf den Leim gegangen.

Letzte Löschung

Seit ein paar Jahren ist auch das vorbei: Irgendwann fallen Verstorbene auch aus der letzten Gewinnspiel-Datei. Datentechnisch sind sie damit endgültig tot, weil vergessen. Für Frau G. kam bestimmt seit drei Jahren kein Kuvert mehr. Deshalb fiel es auf, als plötzlich wieder Post für die Verstorbene da lag: Voller Name. Volle Adresse. Mit Türnummer - aber natürlich keine DVR-Nummer.

Ein paar Tage lag das Kuvert da, bis mich ein Nachbar darauf ansprach: Ob wir beide - er und ich - jenes Glück, das für Frau G. vorgesehen sei, nicht eventuell jetzt und hier packen sollten: "Bitte lassen Sie alles liegen und öffnen diesen Umschlag. Dies ist möglicherweise die wichtigste Post, die sie jemals erhalten haben" stand nämlich auf dem Kuvert vorne drauf.

Mehr noch: "Zwei Mal in meinem Leben ist dies passiert", warb das Kuvert für den ganz offensichtlich exklusiven Inhalt. Wir zögerten: "Der inliegende Brief ist vertraulich", stand nämlich auch da. Aber dann warf mein Nachbar den Brief ins Altpapier. Nicht, weil wir keinen Bedarf an Reichtum oder Glück hätten. Sondern wegen des Absenders: "Von Hellseher Anthony C." stand da in einer Pseudo-Handschrift-Typo blau aufs Kuvert gedruckt. Aber mein Nachbar war gnadenlos: Ein Hellseher, der einer seit Jahren Toten das große Glück andienen will, meinte er, habe damit nicht wirklich einen zwingenden Beweis für sein Können vorgelegt. (Thomas Rottenberg/derStandard.at, 17.8.2009)

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