Mehr Gebühren für den ORF

16. August 2009, 19:41
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SPÖ und ÖVP sollten die Zukunft der Anstalt grundsätzlicher angehen

Rupert Murdoch, der globale Medienmulti, muss Alexander Wrabetz beneiden. Müsste er jedenfalls, wenn er weiß, was ORF bedeutet und wer Wrabetz ist. Auch Springer-Chef Mathias Döpfner könnte Neid fressen, und WAZ-Boss Bodo Hombach. 


Murdoch hat die Medienbranche rund um die Welt gerade wieder über Tage damit beschäftigt, dass er seine Online-Inhalte nicht mehr kostenlos anbieten will. Schluss mit der „Gratiskultur", hoffen Döpfner und Hombach. Ab 2010 will Murdoch auch online für The Times und The Sun und seine australischen Blätter und für die New York Post Geld. Sein Wall Street Journal tut das längst. Die Werbekrise beschleunigt Bezahlmodelle.

Was hat das mit dem Chef des Österreichischen Rundfunks zu tun? Wie seine Kollegen von der BBC und ARD und ZDF und SRG hat er längst ein - relativ anerkanntes, wenn auch für den Konsumenten nicht freiwilliges - Bezahlmodell für Inhalte in Fernsehen, Radio, Online: die Rundfunkgebühren.


2000 nahm der ORF noch ebenso viel aus Gebühren ein wie aus Werbung. 2008 lieferten Spots & Co nur noch weniger als die Hälfte der Empfangsgebühren. Die Konjunktur schlägt sich zwar auch auf die Gebühren - Arbeitslose sind davon befreit. Aber auch hier bricht Werbung viel deutlicher ein.

Dramatisch, wie die Kurven von Gebühren und Werbung im ORF auseinanderstreben, versteht man Überlegungen in der ÖVP: Warum nicht nachdenken, ob der ORF auch ohne Werbung auskommen kann? Im Fernsehen oder jedenfalls dem Hauptabendprogramm. Oder online. Oder, darauf kam die Volkspartei bisher nicht, gar im Radio?

Unmöglich für Josef Cap, die jahrzehntelang bewährte Schutzmantelmadonna des ORF, und andere Sozialdemokraten. Die SPÖ-Medienverhandler lassen gleich den davon betroffenen ORF berechnen, wie unmöglich viel solche Maßnahmen kosteten. 120 Millionen kursieren, bisweilen auch 190.

Ein zentraler Punkt fehlt in der Debatte: Vielleicht könnten SPÖ und ÖVP im Bund auf ihre Anteile an den Gebühren im Bund verzichten und auch ihre Landeshauptleute dazu bewegen. Ersetzt der Bund dem ORF - wie den Telekoms - noch Befreiungen von den Gebühren, der ORF hätte einen Entfall der Werbung locker kompensiert. Die Länder müssten eben Altstadtsanierung, Musikschulen und Brauchtumspflege ehrlicher finanzieren.

Wenn dann noch jemand den Menschen klar macht, dass sie Gebühren für etwas zahlen, das Privatsender nicht bieten. Und wenn der ORF tatsächlich solche Inhalte liefert. Dann nähme das viel Quotendruck von der Anstalt. Die ORF-Führung hält dem Druck ohnehin nicht stand - siehe bröselnde Marktanteile.

Ein rein aus Gebühren finanzierter ORF wäre der Politik völlig ausgeliefert? Immer eine Frage der handelnden Personen: Monika Lindners ORF galt als Regierungsfunk pur. Wrabetz und seinem Info-Direktor Elmar Oberhauser kann man viel nachsagen - von Quotenschwund bis zur allzu großen Abhängigkeit von Finanzerträgen. Aber unabhängiger wirkt seine Information allemal - und der Gebührenanteil wuchs in der Zeit. Ohne Werbung könnten sich ORF-Manager auch sparen, Redaktionen um Schonung von Werbekunden zu bitten. Und vielleicht käme dann Privatfunk auf die Beine, mit oder ohne deutsche Beteiligung. 


SPÖ und ÖVP wollten handstreichartig wie dilettantisch die ORF-Führung austauschen. Man kann es ihnen nicht verdenken in dieser Lage des ORF, wiewohl das meistgehandelte Personal kaum Rettung versprach. Nun verlegen sie sich auf Schmalspurreformen. Sie sollten im Gegenteil grundsätzlicher werden. Sonst bestimmen bald - Aua! - alleine Multis auch Österreichs Fernsehbranche.
 (Harald Fidler/DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2009)

 

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