Tunnelblick ins Linzer Schattenreich

16. August 2009, 18:42
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Luk Percevals Film "Die verborgene Stadt", im Rahmen der Reihe "Theaterlust" als Auftragswerk gezeigt, führt in das unterirdische Linz

Das System der Stollen beschreibt einen vagen Ort des Gedächtnisses.


Linz - Das unterirdische Tunnelsystem von Linz, das auf persönliches Geheiß von Adolf Hitler während der Kriegsjahre zu einem "Luftschutzkeller des Dritten Reiches" erweitert wurde, ist auch ein metaphorischer Ort. Wer sich die endlosen, von Mauthausener KZ-Häftlingen miterrichteten Gangfluchten entlangquält, legt 14 Kilometer zurück. Die Gewölbe wurden von den Opfern des "Dritten Reichs" vielfach in vollkommener Dunkelheit errichtet. Zahlreiche geschundene Arbeiter wurden erschlagen, andere fielen der Unterernährung zum Opfer.

Heute ist der Tunnel, der Hauptschauplatz von Luk Percevals bedrückendem Film Die verborgene Stadt, ein Schuttdepot - und eine ungenutzte Gedächtnisstätte, die allein schon deshalb die österreichische Verstrickung in die Nazi-Verbrechen markiert, weil ihre Topografie zum Vergleichziehen einlädt: Wo liegen all die verdrängten Bewusstseinsinhalte begraben? Wie kann man den Ort im Gedächtnis beschreiben, der den Tätern - wohlgemerkt nicht den Opfern! - vermeintlich unzugänglich bleibt?

Linz 09 hat die filmische Bearbeitung des Themas bei einem international renommierten Theatermann in Auftrag gegeben. Der Flame Luk Perceval, ab Herbst inszenierender Spielleiter am Hamburger Thalia Theater, lieferte einen 70-minütigen Filmessay ab, der bis 20. August an die Kalksteinwand der Linzer Limoni-Gasse projiziert wird: in Rufweite eines der Tunneleingänge; als Teil eines Freilichttheaters, das den Prozessort (Wo waren wir, als wir etwas hätten sagen müssen?) ins stille Innere der Zuschauer verlegt.


Dunkler Themenschauplatz

Und so wird klar, dass Linz einen "Topos" als Themenplatz bildet. Nicht wegen der herausstechenden Bestialität seiner vielen Nazi-Sympathisanten, sondern aufgrund jener Bevorzugung, die dem ehemals verträumten Provinznest durch die Nazis zuteil wurde. Hitler widmete Linz, das er zu seinem "Alterssitz" auserkoren hatte, 1938 binnen weniger Monate zur Industriestadt um. Die "Hermann-Göring-Werke" absorbierten ihrerseits ein Heer an Zwangsarbeitern. Stahl und Stickstoff wurden zu Markenartikeln, die die Geltung der Stadt auch in den Nachkriegsjahren sichern halfen. Die Vorkommnisse rund um die Tunnel wurden dröhnend beschwiegen.

Percevals Film ist allein schon deshalb ein Kleinod, weil er jeden Anflug von Besserwisserei im Keim erstickt: Die Erzählerfigur eines Fahnders nach der Wahrheit (der Schauspieler Felix Römer) schreitet mit dem Lichtkegel seiner Taschenlampe durch Gänge, die unter dem geduldigen Blick der Kamera gleichsam ihre Feststofflichkeit verlieren. Man glaubt Tundren zu sehen - Dünen und Wächten einer unbehaglichen stimmenden Landschaft, die einen Grenzbereich des Vorstellbaren absteckt.

Zugleich kommen Zeitzeugen und Analysetechniker zu Wort: ein Psychiater, der geduldig das Nachwirken verdrängter Bewusstseinsinhalte beschreibt. Ein proletarischer Tunnelspezialist, der auf eine in Stein gehauene Kapelle verweist. Überlebende Opfer, deren unendlich sanfte Rekapitulation des Grauens zu Herzen geht. Den Dompfarrer, der Gottes Schweigen zu himmelschreiendem Unrecht in den Bereich unüberprüfbarer Glaubensinhalte verweist.

Es bleibt der aus Linz gebürtigen Künstlerin Valie Export überlassen, auf die Beklemmung durch das Unterirdische mit Panik zu reagieren: "Ich muss jetzt hinausgehen!", sagt sie zu ihrem Begleiter Römer. Sie hatte als Kleinkind in den Tunneln vor den Bombenangriffen Zuflucht gesucht. Irgendwann fragt jemand im Film: "Wann ist eigentlich Zeit für Wahrheit?" Eigentlich immer. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2009)

 

  • Ein Fragesteller auf dem Weg durch das unterirdische Linz: Felix Römer demonstriert die Leere eines unmenschlichen Ortes.
 
    foto: linz 09


    Ein Fragesteller auf dem Weg durch das unterirdische Linz: Felix Römer demonstriert die Leere eines unmenschlichen Ortes.

     

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