Wie die Justiz den Boden für Rechtsaußen bereitet

16. August 2009 18:28

Eine schonungsvolle Justiz und die schwache Performance der Regierung schaffen eine Atmosphäre, die rechte Politiker triumphieren lässt

Die österreichische Justiz habe sich zu einer Art Schutzschild für die extreme Rechte entwickelt. Dies schrieb vor einigen Monaten der Pariser "Figaro", der als konservative Zeitung mit der Linken nichts am Hut hat. Der aber wie andere Zeitungen Österreich und Deutschland als ehemalige Schauplätze des Nationalsozialismus schärfer beobachtet als andere Länder.

Dieser Beurteilung ist nach den jüngsten Enthüllungen der Wiener Stadtzeitung "Falter" nichts hinzuzufügen. Auch bei Klagen von FPÖ-Politikern gegen Zeitungen ist festzuhalten: im Zweifel für Burschenschaften und rechte Sprüche. Noch ist keinem Richter, keiner Richterin eingefallen, einem Journalisten zuzubilligen, dass er sich mangels juristischer Ausbildung einer Gesetzesübertretung nicht bewusst sein muss. Er wird trotzdem verurteilt. Rechte Politiker nicht.

Ein viel gravierender Vergleich ist jener mit den Anklagen gegen österreichische Tierschützer. Wir wollen hier natürlich nicht ausschließen, dass einige von ihnen tatsächlich Gesetze gebrochen haben. Aber die Wiener Neustädter Kollegen der Klagenfurter Staatsanwälte haben von vornherein den "Mafia-Paragrafen" ins Spiel gebracht und damit den Verdacht genährt, dass in der österreichischen Justiz sogenannte "Linke" verfolgt, sogenannte "Rechte" geschont werden.

Im Lichte der obrigkeitsstaatlichen Tradition Österreichs ist natürlich die Wahl des FPÖ-Politikers Martin Graf zum Dritten Präsidenten des Nationalrats ein Sieg der radikalen Rechten. Dadurch wurde vor allem von der ÖVP (und in zweiter Linie von der SPÖ) eine Atmosphäre der Rehabilitierung überwunden geglaubter Anschauungen geschaffen. Vizekanzler Josef Pröll sagte mir bei einem zweistündigen Mittagessen, er habe mit Graf zwei Stunden über dessen Anschauungen gesprochen. Er habe das okay gefunden. Werch ein Illtum (Ernst Jandl).

Angesichts der Performance der Regierung und ihrer Vasallen (ÖBB, Flughafen, AUA, Zockerei, NGO-Diskriminierung) ist nicht auszuschließen, dass Heinz-Christian Strache die nächsten Nationalratswahlen gewinnt. Und Graf Nationalratspräsident wird. Schöne Aussichten. Mit sauberen Straßen, weniger Kriminellen, aber mehr Prozessen gegen Künstler und Journalisten. Ein bisserl Putin, ein bisserl Singapur.

Die Analyse der politischen Entwicklung ergibt ein ziemlich klares Bild: Wolfgang Schüssel hat vor bald zehn Jahren zwar Jörg Haider auf Bundesebene gezähmt, aber nicht jenes Gedankengut, mit dem dieser gespielt hat. Das hat sich weiter ausgebreitet, das hat Medien und Institutionen erfasst. Im Falle einer Machtergreifung der politischen Rechten würden in den Umfragen zunächst die Unentschiedenen zunehmen. Die Duckmäuser würden sich garagieren. Im Falle einer Befestigung der rechten Macht würden sie aus den Tiefgaragen herausfahren und es immer schon gewusst haben: Eine national-populistische Regierung ist das Beste für Österreich.

Noch ist es nicht so weit. Auch deshalb, weil es Rechtsinstitutionen wie den Verfassungs- und den Verwaltungsgerichtshof gibt. Nur: Die Politik nimmt deren Positionen schon längst nicht mehr ernst. Sie driftet weg vom Rechtsstaat. (Gerfried Sperl/DER STANDARD-Printausgabe, 17.8.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 150
1 2 3 4
omar chamra
23.08.2009 18:29
Viele RichterInnen, die aus einem sehr rechten Milieu kommen

wurden von Justizministern ernannt, die entweder selbst SPÖ-Mitglieder waren oder von der SPÖ nominiert wurden.
Ich will hier keine Namen nennen. Weise jedoch auf das
Buch von Alexander Mensdorf: "Im Namen der Republik / Rechtsextremismus und Justiz in Österreich" hin, das 1990 vom Löcker Verlag publiziert wurde.
Da wurden einige Urteile eines bekannten Richters publiziert und kommentiert.

eh' wurscht
17.08.2009 19:17
Dieser Artikel ist

insofern entbehrlich als die Zähmung Haiders im Widerspruch zum Aufgezeigten steht.
Leider Herr Sperl, sie wiederholen Unwahrheiten.

Dante Alighieri
24.08.2009 13:03

Zähmung Haiders? Guter Scherz. Die ÖVP ist brauner denn je und FPÖ und BZÖ sind so abstoßend wie die FPÖ zu Haiders "besten" Zeiten.

the photographer
21.08.2009 08:26
Zähmung?

Sind Sie blind?

Gesetzgeber
17.08.2009 18:24
Das Geifern der rechten Poster

in diesem Forum unterstreicht die Aussage des exzellenten Kommentars nur allzu deutlich. Tatsächlich haben wir eine Stimmung, zumindest in Österreich, wie sie Ende der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geherrscht hat. Auch damals hatten vereinzelt Journalisten vor der drohenden Gefahr der rechten Radikalisierung gewarnt, doch wähnten sich alle ob der ach so gefestigten Demokratie in trügerischer Sicherheit.

Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass die demokratischen Kräfte in jenen vergangenen Zwanziger Jahren noch bei weitem stärker und stabiler waren, als sie es heutzutage sind.

Zitgeist3000
 
20.08.2009 10:20

Hätte der größenwahnsinnige Staatsmann A.H seinerseits (ehrbare) Ideale, die heute landläufig als "rechts" zusammengefasst werden, nicht durch Krieg und Terror und Massenmorde in Verruf gebracht,könnten wir uns diese Diskussion mit voreingenommenen Beteiligten, die hinter jedem Rechten gleich einen böswilligen Diktator vermuten, sparen können.

the photographer
21.08.2009 08:28
VORWÄRTS!

Zurück ins 19te!

God_of_the_Wind
17.08.2009 17:39

"Da geh ich lieber in Häfn" als mich von einer blaubraunen regierung bedrängen zu lassen

Pepe - was IST denn eine Supratendenz..?
 
17.08.2009 17:02
Na wenn die Intellektuelleria-Ikone Gottfried (Josip) Sperl das meint...

peter marx
17.08.2009 14:34
Magendrücken

Der wesentlichste Inhalt des Artikels besteht darin, dass Herr Sperl und Herr Pröll zwei Stunden mittaggegessen haben. Hoffentlich hat es geschmeckt, obwohl der Beitrag den Eindruck erweckt, die Nahrungsaufnahme hätte sich bei Sperl auf den Magen geschlagen. Noch etwas zu den dräuenden Gefahren: Wenn die einzige Konsequenz eine extrem rechten Regierung ein bißchen weniger Selbstgerechtigkeit bei Journalisten und Künstlern und ein bißchen mehr Recht und Ordnung im Alltag sind, wird das Modell höchstens eine Minderheit schrecken, bei der überwältigenden Mehrheit aber Zustimmung finden.

Tiefseekrake
17.08.2009 18:00

unverständlich

Repariertwaseuchkaputtmacht.
17.08.2009 17:21
Der Artikel spricht das aus, was ich schon lange denke:

Wie menschenverachtend muss man in Österreich sein, damit einem jemand auf die Finger klopft?

Früher mal gabs noch sowas wie Humanismus, heute sagen alle, das rechts sein auch nur einen Meinung ist.

Alles unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit, damit ja niemand glaubt, es könnte tatsächlich schändlich sein. Wahnsinn, einfach Wahnsinn.
Wenn die an der Macht wären, wären sie die ersten, die die Meinungsfreiheit abschaffen würden.

Man DARF diese rechten Parolen nicht als Meinungsfreiheit abtun, das sind wir unserer Geschichte schuldig (oder denen, die daran glauben, dass wir aus unserer Geschichte lernen).

Und ich sag das nicht, weil ich besonders "links" wäre.

Strom
17.08.2009 22:23
Sie sprechen mir aus der Seele!

Diese unbeschreibliche Inhumanität und Brutalität, wie sie von politischer Seite vorgespielt, von Gesellschaft und Justiz toleriert wird, ist mir unbegreiflich. Es begann 2000 mit Schwarz-Blau und eskalierte mit Minister Platter und Arigona.
Seither frage ich mich: Was ist nur aus Österreich geworden?
Das war einmal ein gutes Land, mit guten Menschen, denen man vertrauen konnte, die respektvoll, tolerant und menschlich miteinander umgingen. Jetzt empfindet man nur mehr Hass, Neid, Korruption und SUMPF. In Foren rechtsextremen Psychoterror, gegen Arme, gegen Frauen, gegen Arbeitslose, gegen Alleinerzieherinnen... Das ist doch das Letzte!

Was soll das werden? Kann man hier noch Kinder aufziehen oder muss man schon flüchten?

Mucius Valerius Scapula
17.08.2009 15:11

Bisschen mehr Recht und Ordnung im Alltag? Was solld das heißen? Standrechtliche Erschießungen von Ladendieben? Videokameras und Personenkontrollen an jeder Ecke?

Noch mehr Recht und Ordung geht fast nicht mehr. Eine gewisse Kriminalität wird es immer geben. Man soll sich nicht von den Hass- und Angstparolen der Rechten anstecken lassen sondern mal rausgehen und schauen, was wirklich los ist.

Josef Obermaier
17.08.2009 14:15
Es gibt keinen Rechtsruck in Österreich, ganz im Gegenteil. Österreich driftet seit Jahrzehnten nach links. Das Gejammere der Linken ist darin begründet dass es eben keine neuen Wohltaten mehr gibt. Der Kuchen ist gegessen, sogar der der Kinder.


Österreich ist nach wie vor eines der "linkesten" Länder der westlichen Welt.

In Österreich sind mittlerweile ALLE etablierten Parteien dem linken Sektor zuzurechnen:

SPÖ klar links

Grüne am linken Anschlag

ÖVP seit Prölls Rekordschulden linker als die SPÖ unter Kreisky

LIF eine Karikatur des liberalen Gedankens, nur linke Themen.

KPÖ ohne Worte

FPÖ und BZÖ sind mit Ausnahme des Ausländerthemas ebenfalls links! Das wird verwundern weil diese Parteien ja in den Medien furchtbar rechts dargestellt werden.

Tatsächlich ist die FPÖ unter Strache aber zu einer sozialistischen Proletenpartei geworden und tritt für massiv mehr Sozialleistungen ein. Hat man von SO EINER rechten Partei schon mal gehört?

BZÖ dto

Österreich ist links.

Tiefseekrake
17.08.2009 18:02

Manche Leute meinen,
lechts und rinks könne man nicht fehlwechsern.
Werch ein Illtum!

Gregor JOHN
17.08.2009 18:48
Vielleicht ist Obermaier ein Pseudonym von Unterberger

Duke_Nukem
17.08.2009 17:18
so früh schon so voll

schauens a bissl auf Ihre Gesundheit und haltens den Drogenkonsum zurück.

cash cow1
17.08.2009 17:16

wie definieren sie dann rechts?

Demian Höllwarth
 
18.08.2009 18:25

Klassisch "Rechts" ist m.E. das was die Republikaner in den USA sind: In wirtschaftlichen und sozialen Dingen so wenig Staat wie möglich, das Betonen von gesellschaftlich tradierten Werten (allerdings aus der gewachsenen Kleingruppe, nicht vom Flächenstaat her gedacht), Legitimationszwang von Neuerung gegenüber Etabliertem, maximale Subsidiarität, zumindest Inkaufnahme der Einzementierung eines sozialen Status mit der Geburt usw.

So unrecht hat er also nicht.

Nur: Nachdem der Begriff rechts(extrem) in Österreich eindeutig mit "Nationalistisch", "Ausländerfeindlich" usw. besetzt ist, ist es relativ müßig Etymologie und Konnotation zu diskutieren...

B.Kiddo
17.08.2009 17:09
Legasthenie ist behandelbar

wenden sie sich getrost an den Legasthenie-Verband, der hat sicherlich hilfreiche Tipps für sie zum Thema "lechts u. rinks", nur zu, "illen ist menschrich"!

David Seppi
 
17.08.2009 16:55

Ihrer Definition nach wäre die NSDAP bis auf die "Ausländerfrage" auch ultralinks.

Strom
17.08.2009 22:32

Wahrscheinlich ein Freund von Graf. Der sagt in einem Falter-Interview, er er hätte kein Nationalsozialist sein können, weil er kein sozialistisch eingestellter Mensch ist.

Another human Rube Goldberg machine
17.08.2009 16:52
bei ihnen passt es ja perfekt:

lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

(Ernst Jandl)

thomaß hucksdeviehle
17.08.2009 16:36

"Lothar Höbelt"?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 150
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.