19. August 1989

Das welthistorische Picknick an der Grenze

16. August 2009, 18:18
  • Artikelbild
    foto: apa/votava

    Das Tor zur Freiheit wird geöffnet – hunderte DDR-Bürger nutzen das Paneuropäische Picknick an der ungarischen Grenze zur Flucht nach Österreich.

  • Artikelbild
    foto: apa/epa/kisbedenek

    Otto von Habsburg und Imre Pozsgay sprachen sich ab.

Vor 20 Jahren trug ein Paneuropäisches Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze zum Zusammenbruch der DDR bei. Welche Rolle spielte dabei Otto von Habsburg?

Erich Honecker, der letzte Diktator der DDR, wusste genau, wer schuld war an seinem Unglück: "Habsburg verteilte Flugblätter (...), auf denen die ostdeutschen Urlauber zu einem Picknick geladen wurden. Man gab ihnen Geschenke, zu essen und Deutsche Mark, dann hat man sie überredet, in den Westen zu kommen" (Interview mit dem Daily Mirror).

Habsburg? Ein Angriff "reaktionärer monarchistischer Kräfte" auf den "Sozialismus"? Honeckers Paranoia war nicht ganz unberechtigt. Vor 20 Jahren, am 19.August 1989, fand an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron die erste Massenflucht von DDR-Bürgern in den Westen seit dem Bau der Mauer statt. DDR-Bürger, die sich zum Teil seit Wochen auf Urlaub in Ungarn befanden und sich weigerten, in die DDR zurückzukehren, waren von Otto von Habsburgs Paneuropäischer Union mit deutschsprachigen Flugblättern auf das "Picknick" am Grenzzaun hingewiesen worden. Ungewöhnlich daran: Auf dem Flugblatt stand neben Habsburgs Namen der des ungarischen Staatsministers in der reformkommunistischen Regierung, Imre Pozsgay.

Offiziell war "in Form eines Volksfestes eine Art Fraternisierung mit Österreich" (Pozsgay) geplant. Als dafür ein Holztor im Grenzzaun geöffnet wurde, stürmten über 600 Ostdeutsche unter den Augen der ungarischen Grenzbeamten nach Österreich.

"Es war ein Dammbruch. So einer fängt mit einem kleinen Leck an, am Ende sind die Wassermassen nicht zu halten" , sagt der Historiker und Osteuropa-Experte Arnold Suppan. Die Bilder von der Flucht der DDR-Bürger gingen um die Welt und wurden in der DDR selbst gesehen. Weitere Hunderte kampierten später auf dem Gelände der deutschen Botschaft in Prag und wurden von Außenminister Genscher herausgebracht. Die DDR drohte auszurinnen. Das wiederum ermutigte die Daheimgebliebenen, die in immer größeren Massendemonstrationen ("Wir sind das Volk") schließlich im Herbst den Sturz des Regimes und den Fall der Mauer erreichten.

Das Paneuropäische Picknick hat also eine gewisse Bedeutung in jenem oder "Annus mirabilis" 1989. Was aber waren die Hintergründe? Welche Rolle spielte Otto von Habsburg? Der 96-jährige Habsburg, seit einem Sturz vor einigen Wochen rekonvaleszent, konnte für diesen Artikel nicht befragt werden. Aus früheren Äußerungen der Beteiligten und anderen Informationen ergibt sich aber das Bild eines verdeckten Zusammenspiels mit der ungarischen Regierung.

Habsburg wollte die "Rückkehr Osteuropas nach Europa" und hatte schon seit Jahren den Zusammenbruch des Sowjetreiches vorhergesagt. Das Picknick war ein "symbolischer Anlass" - mit der Möglichkeit auf mehr. Die ungarischen Reformkommunisten wollten nach Westen, letztlich in die EU. Sie hatten schon mit dem Abbau des alten Drahtverhaus begonnen.

Am 27. Juni 1989 elektrisierte das Foto der Außenminister Mock und Gyula Horn, die den Stacheldraht durchschnitten, auch jene DDR-Bürger, die ihren Urlaub in Ungarn verbringen wollten. Mitte August saßen dann 60.000 in Ungarn und wollten nicht zurück. Die DDR übte Druck auf Ungarn aus, sie heimzuschicken.

Imre Pozsgay behauptete in einem späteren Interview, er habe Ende Juli, als er die Mit-Schirmherrschaft über das Picknick übernahm, schon "das Problem der ostdeutschen Flüchtlinge im Hinterkopf" gehabt. "Ich hatte die Idee, dass man einen Präzedenzfall schaffen könne, wenn dort das Tor für einige Stunden offen wäre und ostdeutsche Flüchtlinge an diesem Grenzabschnitt Ungarn verlassen könnten." Habsburg (der fließend Ungarisch spricht) und Pozsgay trafen zusammen und verständigten sich offenbar darauf, dass unter den DDR-Bürgern Werbung für das Picknick gemacht werden sollte. Der Rest lief von alleine. Weder Habsburg noch Pozsgay waren übrigens beim Picknick anwesend.

Historiker Suppan sagt allerdings, dass die eigentliche Initiative vom ungarischen Premier Miklós Németh ausging, der geheime Kontakte zum deutschen Kanzler Kohl unterhielt: "Das war ein Versuchsballon der Ungarn. Sie wussten, dass das der Auftakt zur großen Fluchtbewegung sein konnte. Németh hat sich auch grünes Licht in Moskau geholt. Gorbatschow hatte das Regime Honecker schon aufgegeben." Am 11. September öffnete Ungarn offiziell die Grenzen für DDR-Bürger.

Und die österreichische Regierung ? Sie wurde, laut Suppan, von den Ungarn "sehr spät informiert". Botschafter Martin Eichtinger, damals Mocks Sekretär, weiß nichts von einer frühen Einbindung Österreichs, etwa durch Habsburg. Mock selbst kann wegen seines Gesundheitszustandes auch nicht befragt werden. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
1 2
andré melun
00
17.8.2009, 15:22
Revolution in Krähwinkel

Die "Kaiserliche Hoheit" wegzulassen war wohl schon der Gipfel an Aufmüpfigkeit, da konnte man auf das "von" nicht auch noch verzichten. Österreichischer Republikanismus, wie er leibt und lebt.

Harry Meier
 
42
17.8.2009, 11:54
Dafür daß der Otto aus einem jahrehundertelangem

.. Inzuchtgeschlecht stammt, ist er doch recht alt geworden.

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
13
16.8.2009, 21:54
"die erste Massenflucht"

Hans Rauscher ist eigentlich alt genug sich zu erinnern.
DDR-Buerger fluechteten schon waehrend der Wochen davor in grosser Zahl ueber die Grenze. In der ZIB war das damals schon so normal das nur mehr die taeglichen Gesamtzahle erwaehnt wurde. -- Allerdings natuerlich nicht in grossen Gruppen. Aber die Summe belief sich auch auf 100 und mehr pro Tag.
Das besondere am Paneuropa Picknick war, dass es vor laufender Kamera geschah und man es den Menschen noch einfacher gemacht hatte. Die mussten nicht einmal mehr ueber die gruene Grenze sondern hatten einen Grenzuebergang.
Die Weigerung der DDR Buerger zurueckzukehren wurde wiederum im September akut und endete in der legale Ausreise.

argonaut74
00
17.8.2009, 14:53

Der Beginn der Massenflucht war es wohl nicht, aber der Beginn des Legalisierungsprozesses, meine ich. Schließlich war die Öffnung des provisorischen Grenzübergangs von den ungarischen Behörden genehmigt. Entscheidend ist, wie Sie auch feststellen, der Symbolcharakter der Massenflucht in Anwesenheit von Grenzorganen, die nolens volens nicht eingriffen.

Heinz Anderle
 
26
16.8.2009, 18:36
Dr. Otto Habsburg, bitteschön,...

... denn Adelstitel sind hierzulande seit dem 3. April 1919 abgeschafft, und so zählen nur noch die persönlichen Verdienste, wie sie bei Dr. Habsburg diesbezüglich nicht hoch genug bewertet werden können.

Wie stellte doch "Honi" in seiner Ostzone, pardon, "DDR", richtig fest: "Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf", oder so...

Dr. Heinz Anderle, europäischer Freigeist

Jürgen Rembremerding
00
18.8.2009, 17:33
Er ist aber deutscher Staatsbürger und da ist dies Teil

des Familiennamens!

anton-aus-tyrol
 
00
17.8.2009, 15:37

Nachdem VON Habsburg einen österreichischen Pass mit dem stempel "Gültig in allen Ländern, außer Bundesrepublik Österreich" hatte, ist er deutscher Staatsbürger. Er saß auch als solcher im eruopäischen Parlament, etc. Dort wird dieses kleine Silbchen, mit dem großen Aufreger in Österreich noch angeschrieben. Bringt nichts, kostet nichts, gehört aber zum Namen!

byron sully
00
17.8.2009, 14:54
aus meiner sicht eigentlich unnötig,

denn da der adel (zum glück) juridisch abgeschaff ist, handelt es sich beim "von" ja nicht mehr um einen adelstitel, sondern um einen harmlosen nachnamensteil. und darin sehe ich kein problem. sollen sich die karajans, einems und habsburgs "von" nennen dürfen...
so wie ich generell - obwohl überzeugter antimonarchist - teilen der habsburgergesetze recht kritisch gegenüberstehe, weil sie von einer sippenhaftung ausgehen, die ich menschenrechtlich für problematisch halte.

Stephen Covey
10
17.8.2009, 17:11

Interessant ! Sie sind überzeugter Antimonarchist ?
Das es sowas noch gibt. Kommunisten und Nationalsozialisten waren das auch.
Ich bin ja überzeugter Prodemokrat.
Da muss sich nicht soviel Gedanken machen, wogegen man ist.

BRS
11
17.8.2009, 13:01
Kleingeist !!!!!

schmeiser
03
17.8.2009, 08:24

der herr ist deutscher staatsbürger, und in deutschland sind die komischen prädikate nicht abgeschafft.

Kelborn
11
17.8.2009, 12:41

und jetzt? Ist das eine Österreichische Seite oder was?

Jürgen Rembremerding
00
18.8.2009, 17:36
Schon, aber das "von" ist auch in Deutschland

kein Adelspräsikat, sondern ein Namensbestandteil. Der Außenstürmer der Borussia in den 70ern hieß auch nich Kalle Haye, sondern Kalle Del'Haye.

blochin
00
17.8.2009, 11:55
das tut nix zur sache...

das öst. gesetz ist so streng, dass er den titel hier nicht verwenden darf, und andere ihn auch nicht verwenden dürfen. nicht öffentlich, und nicht mal in privater korrespondenz.

anton-aus-tyrol
 
00
17.8.2009, 15:38

Er verwendet ihn auch nicht! Der Standard schreibt ihn genauso, wie den Finanzminister von Gutenberg, den Hitler Attentäter von Stauffenberg und wie den König von Mallorca...

alles Deutsche, dort Teil des Namens und somit korrekt!

rubbberduck
94
16.8.2009, 21:03

ja einen Fehler finde ich da auch, aber einen anderen. Nämlich den Namen seiner Majestät schreibt man wie folgt:Kaiserliche Hoheit Otto von Habsburg. Mögen die Unrechtgesetzte von 1919 nicht mehr lange währen und in Österreich wieder der einzig rechtmässige Herrscher an die Macht kommen

Tethys
00
17.8.2009, 16:07

Österreich hat seinen rechtmäßigen Souverän:
das Volk!

anton-aus-tyrol
 
00
17.8.2009, 15:39

Wenn schon Otto von Österreich und Gott sei Dank ist die Monarchie ad acta gelegt worden! Die Demokratie hat zwar einige Fehler, aber weniger als die Monarchie...

Loup Garou
11
17.8.2009, 12:03
da hat anscheinend wieder mal

jemand das Tor offen gelassen...

Tethys
00
17.8.2009, 11:50

Wo sind die Ironietags???

kerihuelo
00
17.8.2009, 10:53

amen!

Benzino Napoloni
11
17.8.2009, 09:10
gibt's das eigentlich auch bei McDonalds:

Häbsbörger?

star observer
01
17.8.2009, 15:44

ja, doppeladler in kaisersemmel!

Paul Kat
10
17.8.2009, 06:17
Amen

David Seppi
 
02
16.8.2009, 22:50

Sie müssen sich schon entscheiden:
"Seine Majestät" (Kaiser) ODER "Seine kaiserliche Hoheit" (Prinz).
Letzteren Titel hatte er tatsächlich, er war ja ab 1916 sogar Kronprinz. Kaiser war er aber nie.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.