Die Sehnsucht nach schier unmenschlichen Leistungen

16. August 2009, 17:51
27 Postings

Am Anfang der WM wird über Doping diskutiert. Am Ende möglicherweise auch. Jedenfalls sollen Athleten mit fragwürdigen Blutprofilen laufen, werfen und springen.

Berlin - Bei mehreren Leichtathleten gibt es verdächtige Blutprofile, die auf Doping hindeuten könnten. Das bestätigte Gabriel Dolle, Anti-Doping-Direktor des Weltverbandes IAAF, am Auftakttag der WM in Berlin der ARD-Sportschau. "Natürlich haben wir verdächtige Blutwerte, klar. Wir testen die jeweiligen Sportler gezielt, wir folgen ihnen. Wir machen Urintests, suchen nach Epo. Die gesamte Saison über" , sagte der Franzose.

Im Vorfeld der Titelkämpfe hatte die IAAF eingestehen müssen, dass sie in vielen Regionen wie Afrika oder Russland keine Blutkontrollen vornehmen kann, weil es keine Analysemöglichkeiten gibt und der Transport in von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) akkreditierte Labore zu teuer ist. Er sei von dieser unbefriedigenden Nachricht überrascht worden, sagte IOC-Präsident Jacques Rogge.

Von "Chancenungleichheit" sprach Eike Emrich vom deutschen Verband (DLV): "Es fehlt ein verbindliches internationales Regelwerk, das dazu geeignet wäre, den Sitz der Moral in die Regeln zu verlegen." Dies müsse dann auf alle gleich angewendet werden. Über die Gründe, warum es nicht umgesetzt werde, könne man nur spekulieren. Möglicherweise habe dies finanzielle Ursachen. Doch noch etwas anderes steht aus Sicht des Soziologie-Professors Emrich dahinter: "Es ist auch der Wunsch, ab und zu Stars mit schier unmenschlichen Leistungen zu haben."

Juristisch umstritten

Blutprofile könnten künftig Blutdoper überführen, ihr Einsatz ist sowohl in der Wissenschaft als auch auf juristischer Ebene umstritten. Der Fall der wegen auffälliger Blutwerte gesperrten Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein ist dafür richtungsweisend. Er liegt beim internationalen Sport-Schiedsgericht CAS.

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg hat derweil gegen den Leichtathletik-Manager Jos Hermens Ermittlungen aufgenommen. Dies berichtet Der Spiegel. Gegen den Niederländer, der zahlreiche Topläufer wie Marathon-Weltrekordler Haile Gebrselassie managt, bestehe der Verdacht, in eine europaweite Dopingaffäre verstrickt zu sein.

Der DLV hatte vor einiger Zeit Anzeige gegen Hermens erstattet. Nach Auswertung von Dokumenten aus dem Prozess gegen den im Februar 2006 wegen Minderjährigen-Dopings verurteilten Ex-Trainer Thomas Springstein war er in den Verdacht geraten, in einem internationalen Betrugsnetzwerk mitgewirkt zu haben. Im E-Mail-Verkehr von Springstein soll der Name Hermens aufgetaucht sein.

Der Olympia-Zehnte von 1976 über 10.000 soll am Zahlungsverkehr für Dopingmittel beteiligt gewesen sein. Hermens hatte einst auch die Springstein-Läuferin und ehemalige 100-Meter-Weltmeisterin Katrin Krabbe betreut, war aber auch Manager von Österreichs Stephanie Graf am Ende ihrer Karriere. Federführend in der Dopingaffäre soll ein spanischer Arzt sein. Deshalb gaben die Ermittler das Verfahren zunächst nach Spanien weiter. Um die Ermittlungen voranzutreiben, beabsichtigen die Staatsanwälte nun, das Justizministerium von Sachsen-Anhalt einzuschalten. Hermens hatte stets bestritten, involviert zu sein. (red, DER STANDARD Printausgabe 17.08.2009))

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Schrei des Weltmeisters: Christian Cantwell aus den USA stieß die Kugel in Berlin auf 22,03 Meter.

Share if you care.