"Zwingen kann man niemanden"

16. August 2009, 18:18
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Monika Langthaler über die Welt in 20 Jahren und warum nachhaltige Veranlagung nicht der alleinige Schlüssel zum Paradies ist

STANDARD: Sie setzen sich für nachhaltiges Veranlagen ein. Ebnet die Finanzkrise den Weg dafür?

Langthaler: Leider überhaupt nicht. Ich habe das Gefühl, dass die Krise nur zu wenig Umdenken geführt hat. Man versucht, an ein paar Schrauben zu drehen, in Richtung Good Governance. Aber am Grundübel wird nichts verändert. Ich sage nicht, dass man 100 Prozent ethisch veranlagen muss, aber es gibt einen Unterschied, ob wir von Geldern sprechen, die treuhändig verwaltet werden - also Steuergelder - oder ob es um Privatgeld geht.

STANDARD: Wie der Staat mit dem Geld umgeht, hat man ja gesehen.

Langthaler: Generell sollte die Veranlagung der öffentlichen Hand, also der Republik, der Länder und Gemeinden, Vorbildcharakter haben. Dazu zähle ich auch Firmen, die mehrheitlich in öffentlicher Hand sind - etwa die ÖBB. Wenigstens ein kleiner Teil sollte nachhaltig veranlagt sein. International gibt es viele Vorbilder.

STANDARD: Wen zum Beispiel?

Langthaler: Norwegen. Die Norweger sind in der günstigen Situation, dass sie durch ihre Ölvorkommen viel Kapital zum Veranlagen haben. Dort gibt es klare Richtlinien, wie das Geld angelegt werden darf. Die Kriterien sind auf der Homepage von Norwegen nachzulesen und damit voll transparent. Die Frage ist, ob wir in Bereiche investieren wollen, wo es beispielsweise Menschenrechtsverletzungen gibt.

STANDARD: Werden diese Kriterien in Österreich gar nicht berücksichtigt?

Langthaler: In Österreich gibt es solche Kriterien nicht. Wegen der Investitionen der Bundesfinanzierungsagentur gibt es jetzt eine Expertengruppe für Veranlagungen. Daher meine Hoffnung bzw. mein Appell, dass dieses Gremium nachhaltige Veranlagung ernst nimmt.

STANDARD: Sie haben die ÖBB angesprochen, die haben auch riskante Strukturen in ihrem Portfolio. Die ÖBB sind auch ein Kunde von Ihnen. Legen die ÖBB nachhaltig an?

Langthaler: Wir empfehlen allen Kunden, einen Teil ihres Geldes ethisch zu veranlagen. Mittlerweile gibt es sehr viel Auswahl bei diesen Produkten, die auch zeigen, dass die Performance in dieser Anlageklasse nicht schlecht ist. Aber zwingen kann man niemanden.

STANDARD: Warum setzt sich dieses Thema nicht durch?

Langthaler: Das ist eine Frage, die ich leider nicht beantworten kann, weil ich es nicht verstehe, dass weder Banken noch die öffentliche Hand das nicht besser aufgreifen.

STANDARD: Wo sind die Grenzen für ethisches Veranlagen? Es gibt Unternehmen, die nicht in Nokia investieren, weil die Produktionen in Billiglohnländern haben, oder keine US-Staatsanleihen kaufen, weil es dort die Todesstrafe gibt.

Langthaler: Die Ausschlusskriterien sind je nach Ländern und Unternehmen verschieden. Wer so veranlagen will, muss entscheiden, welche Kriterien - etwa Kinderarbeit - für ihn relevant sind. Es gibt auch Nachhaltigkeits-Ratingagenturen, die Unternehmen laufend prüfen. Bis hin zum berühmten "Pickerl" für nachhaltige Fonds gibt es da sehr viel.

STANDARD: Ist der Kapitalismus mit der Finanzkrise gescheitert?

Langthaler: Nein, das würde ich nicht sagen. Das wünsche ich mir auch nicht. Die Gegenmodelle, die es bisher gegeben hat, waren bei Gott nicht überzeugend. Ich wünsche mir, dass die enorme Gier im Finanzbereich durch klare Richtlinien eingeschränkt wird. Was man immer mehr sieht, ist, dass unsere Ressourcen endend sind. Wir steuern auf eine Bevölkerungszahl von neun Milliarden Leute hin und auf ein absolutes ökologisches Desaster. Es ist noch immer den wenigsten bewusst, was in den nächsten 20 bis 30 Jahren los sein wird.

STANDARD: Was wird dann los sein?

Langthaler: Beispiel Klimawandel: Wenn wir sagen, wir wollen es bei der maximalen Erderwärmung von zwei Grad belassen, dann heißt das auf einen Verbraucher heruntergebrochen, dass wir etwa 2030 in Europa auf einen Durchschnittsverbrauch von CO2 von ca. drei Kilo je Einwohner kommen sollten. Derzeit sind wir in Europa bei zwölf, in China bei ca. drei, in Amerika bei ca. 20. Alles, was darüber hinausgeht, etwa eine Erderwärmung von drei Grad, führt neben ökologischen Katastrophen auch zu weiteren Hungersnöten. Für die Weltwirtschaft wäre das nicht mehr finanzierbar.

STANDARD: Und was könnte nachhaltige Veranlagung daran ändern?

Langthaler: Ich will nicht sagen, dass nur durch nachhaltige Veranlagungen alles gut wird. Es wird ein Bündel an Maßnahmen notwendig sein. Ein Weg wäre, in Österreich eine Klimaschutzanleihe aufzulegen oder das Geld, das durch den Emissionshandel hereinkommt, in einen speziellen Fonds zu legen, der dann für Investitionen in erneuerbare Energien eingesetzt wird. Ethische und nachhaltige Veranlagung ist nicht der alleinige Schlüssel zum Paradies.

STANDARD: Sie fordern klare Regeln, um die Gier zu beschränken. Welche? Doch die Welt-Super-Aufsicht?

Langthaler: Was wir aus der Geschichte gelernt haben, ist, dass große Revolutionen zu viele Opfer übriglassen und auch nicht funktionieren. Ich bin Pragmatikerin und wäre schon glücklich, wenn kleine Schritte in die richtige Richtung kommen würden. Im Finanzbereich wäre das zweifellos mehr Transparenz, Beiräte und Aufsichtsräte, die ihr Agieren an Vorschriften der OECD oder UNO orientieren. Das gibt es ja alles. Aber wenn man hört, dass Unternehmen Papiere kaufen, die sie selber nicht verstehen, dann ist das atemberaubend. Wenn es wenigstens einen Beirat gäbe, der Rede und Antwort stehen müsste.

STANDARD: Transparenz wird immer gefordert, wenn etwas passiert. Die Gegenseite sagt dann oft, man hätte eh immer alles einsehen können. Wo klafft da die Lücke?

Langthaler: Beispiel Corporate Governance. Da gibt es Vorschriften der OECD. In Österreich ist die gelebte Corporate Governance aber nach wie vor ein Minderheitenprogramm. Wie der Aufsichtsrat zu agieren hat, Rechenschafts- und Kontrollpflichten, welche Unvereinbarkeiten es gibt, etc. Das ist alles geregelt, gelebt wird es nicht.

STANDARD: In Krisen wird der Ruf nach dem Staat laut. Ist der Staat ein guter Partner? AUA, ÖBB - alles keine tollen Beispiele, wo der Staat gutes Wirtschaften vorzeigt.

Langthaler: In Krisen ist die Hilfe des Staates extrem wichtig. Auf der anderen Seite: Wenn man etwa die AUA anspricht, muss man fragen, ob der Staat in "normalen" Zeiten ein guter Partner ist. Und da ist meine Antwort klar: nämlich nein. Ich halte es für notwendig, dass der Staat dort Anteile hält, wo es strategisch interessant ist. Dort muss aber trotzdem marktwirtschaftlich agiert und gedacht werden.

Standard: Es heißt, jede Krise ist eine Chance. Was ist die Chance bei dieser Krise?

Langthaler: Eine Krise bietet Chancen für strukturelle Änderungen. Dass das erfolgt, sehe ich aber nicht. Ich glaube, der Hauptgrund dafür ist, weil das Bild vom smarten Hedgefondsmanager, der mit Geld "spielt", noch immer fasziniert. Das Risiko, das Gambeln, das ist cool. Die, die auf der Firmenseite veranlagen müssen, lassen sich davon oft beeindrucken. Das Letzte, was einen Hedgefondsmanager interessiert, sind endende Rohstoffe und Menschenrechte. Darum müsste die öffentliche Hand sagen: Uns ist das aber schon wichtig.

STANDARD: Ist die Chance vertan, die uns die Finanzkrise geboten hätte?

Langthaler: Im Moment schaut es so aus. Aber vielleicht sollten wir optimistisch bleiben. Noch ist die Finanzkrise ja nicht vorbei. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2009)

Zur Person

Monika Langthaler (44), ehemalige Abgeordnete der Grünen zum Nationalrat. Mit dem Unternehmen Brainbows berät die Umweltökonomin und Chemikerin Unternehmen in puncto Nachhaltigkeit und ökologisches Gewissen.

  • Monika Langthaler: "Die Veranlagung der öffentlichen Hand sollte Vorbildcharakter haben."
    foto: regine hendrich

    Monika Langthaler: "Die Veranlagung der öffentlichen Hand sollte Vorbildcharakter haben."

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