Einzelkämpfer und andere Fantasiewesen

16. August 2009, 18:30
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Das 62. Filmfestival in Locarno bot eigentlich zwei Festivals in einem - Preis der Semaine de la Critique an österreichische Koproduktion

Neben einem Querschnitt durchs gegenwärtige Autorenkino widmete das Festival eine umfangreiche Retrospektive dem japanischen Animationsfilm.


Ein Dorf in China, dessen Alltag für die junge Mei bloß Stillstand bedeutet. Eine entlegene Gegend im Nordiran, in der den jungen Männern nicht nur ökonomische Perspektiven fehlen, sondern auch Frauen im heiratsfähigen Alter. Eine Kleinstadt in Brasilien, in der Teenager mit Einsamkeit hadern. Oder, im Westen Europas, das Ende einer Beziehung, das ein Weiterleben in den alten Räumen ganz unmöglich macht.

Wie kommen wir da bloß weiter - oder raus? Entlang dieser Frage entwickelte ein Gutteil der diesjährigen 18 Wettbewerbsbeiträge in Locarno seine Erzählungen. Mei zum Beispiel - Hauptfigur von She, A Chinese - geht in die nächstgelegene Stadt und beginnt, die Männer, die sie trifft, für ihr eigenes Fortkommen einzusetzen. Eine Strategie, die sie immerhin bis nach London bringt. Auch Alam, der in Babak Jalalis lakonischer Tragikomödie Frontier Blues einstweilen noch auf einer Hühnerfarm werkt, lernt schon einmal Englisch.

Der Blogger namens Mr. Tambourine muss in Esmir Filhos berückendem Jugenddrama Os famosos e os duendes da morte erst Heimsuchungen aus der Vergangenheit abstreifen, bevor sich eine neue Perspektive öffnet. Während sich die Heldin von Urszula Antoniaks Nothing Personal praktischerweise nach ein bisschen Gartenarbeit schon in einem pittoresken irischen Inselhäuschen ins gemachte Bett legen kann.

Der Hauptpreis des 62. Filmfestivals von Locarno wurde am Samstagabend schließlich an She, A Chinese vergeben, das Spielfilmdebüt der 1973 in Südchina geborenen und während ihres Studiums nach London ausgewanderten Filmemacherin und Schriftstellerin Xiaolu Guo. Eine verdiente Auszeichnung - zumal heuer eher kein Wettstreit formaler Erneuerungen auszumachen war.

Davon abgesehen musste man sich in diesem Jahr ohnehin fortwährend zwischen zwei Festivals entscheiden, denn mit der Retrospektive hatte man eine regelrechte Parallelveranstaltung zu den übrigen Schienen installiert. "Manga Impact" ging dem Einfluss und Einschlag der japanischen Comic-Kultur (Manga heißen die gedruckten Bildergeschichten) aufs und ins Kino nach. Über 100 Animationsfilme und TV-Serienepisoden wurden präsentiert.

Die rarsten Belege, Anime aus der "Urgeschichte" der Jahre 1917 bis 1956, wurden leider nur in den ersten Tagen des Festivals gezeigt. Aber auch ohne diesen Bezugspunkt präsentierten sich ein versatiles Medium und ebensolche Filmemacher: wie beispielsweise Eiichi Yamamoto, der als Regisseur den kindertauglichen Leinwandauftritt des weißen Löwen Kimba genau so verantwortete wie den unglaublichen Erwachsenenfilm Belladonna of Sadness aus dem Jahr 1973, eine von Jules Michelet inspirierte, psychedelisch delirierende, blutrote, frivole Moritat.

Der "Manga Impact" verzweigte sich bis hinein in die abendlichen Piazza-Grande-Aufführungen - mit dem brandneuen, vergleichsweise platten Rennfahrer-Tschinbumm Redline oder mit dem unglücklich spät angesetzten Akira, jener Arbeit von Katsuhiro Otomo, die den Anime in den späten 80er-Jahren international einen gewaltigen Popularitätsschub versetzte.

Selbst im Wettbewerbsprogramm war erstmals ein Anime platziert: Summer Wars von Mamoru Hosoda feierte seine vom Publikum bejubelte internationale Premiere - eine dynamische Erzählung, die an den humanistischen Anspruch eines Hayao Miyazaki gemahnte und die das historische Samurai-Ethos mit einem erbitterten Machtkampf in einem sozialen Netzwerk im Internet kreuzt.

Einblick in geschlossene Welt

Ungewöhnlich nahe Einblicke in eine ganz andere geschlossene Welt erlaubte Brigitte Weichs Dokumentarfilm über ehemalige Spielerinnen der nordkoreanischen Frauenfußball-Nationalmannschaft: Hana, dul, sed, entstanden in mehrjährigem Austausch mit den Protagonistinnen, beschreibt Triumph und Niederlage auf dem Spielfeld und begleitet vor diesem Hintergrund individuelle Lebenswege. Aber er handelt, ganz ohne denunzierenden Unterton, auch davon, wie man Sportlerinnen und Untertanen macht.

Die Uraufführung des österreichischen Films lief außer Konkurrenz in der Reihe "Ici & Ailleurs". In der "Semaine de la Critique" wurde hingegen der Dokumentarfilm Pianomania. Auf der Suche nach dem perfekten Klang zum besten Beitrag prämiert, eine schon bei der Diagonale ausgezeichnete österreichisch-deutsche Koproduktion von Robert Cibis und Lilian Franck, die den Klavierstimmer Stefan Knüpfer, den Cheftechniker von Steinway in Wien, porträtiert.

Insgesamt hatte man es jedoch mit einem Jahrgang zu tun, in dem die großen Highlights fehlten. Frédéric Maire, der vier Jahre lang als künstlerischer Leiter fungierte, wechselt nunmehr an die Cinemathèque suisse. Ob es seinem Nachfolger Olivier Père, der bisher die renommierte "Quinzaine des Réalisateurs" in Cannes programmierte, gelingen wird, ein entsprechendes Line-up auch für Locarno zu gewinnen und das altehrwürdige "Festival der Autoren" im anhaltend harten Konkurrenzkampf der europäischen Filmgroßveranstaltungen wieder schärfer zu profilieren, kann man 2010 überprüfen. (Isabella Reicher aus Locarno / DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2009)

 

Die Preise des 62. Filmfestivals in Locarno
1. Internationaler Wettbewerb

Goldener Leopard, 90.000 Franken (rund 59.000 Euro) : "She, a Chinese" von Xiaolu Guo (Großbritannien/Deutschland/Frankreich)

Spezialpreis der Jury, 30.000 Franken: "Buben.Baraban" von Alexei Mizgirev (Russland).

Regiepreis, 30.000 Franken: "Buben.Baraban"

Beste Darstellerin, undotiert: Lotte Verbeek in "Nothing personal" von Urszula Antoniak (Niederlande/Irland)

Bester Darsteller, undotiert: Antonis Kafetzopoulos in "Akadimia Platonos" von Filippos Tsitos (Griechenland/Deutschland).

Leopard für den besten Erstling, 30.000 Franken: "Nothing Personal".

2. Filmmakers of the Present

Goldener Leopard, 30.000 Franken: "The Anchorage" von C.W. Winter und Anders Edström (USA/Schweden).

Spezialpreis der Jury, 30.000 Franken: "Piombo Fuso" von Stefano Savona (Italien).

3. Piazza Grande

Publikumspreis (UBS) für den besten Piazza-Film, 20.000 Franken: "Giulias Verschwinden" von Christoph Schaub (Schweiz).

"Variety"-Preis für den besten Piazza-Film, undotiert: "Same Same but Different" von Detlev Buck (Deutschland).

4. Kurzfilme

Pardino d'oro, Kurzfilm international, 10.000 Franken: "Believe" von Paul Wright (Großbritannien).

Pardino d'oro, Kurzfilm national, 10.000 Franken: "Las Pelotas" von Chris Niemeyer.

Pardino d'argento (Kodak), Filmmaterial im Wert von 12.000 Franken: "Variaciok" von Krisztina Esztergalyos (Ungarn), "Nachtspaziergang" von Christoph Wagner (Schweiz).

Action Light Nachwuchs-Preis, filmtechnische Dienstleistungen für 36.000 Franken: "Connie" von Judith Kurmann (Schweiz).

Preis für Untertitelung: "No country for chicken" von Huang Huang (China).

"Kino und Jugend"-Preis, 3000 Franken: "Tuneles en el rio" von Igor Galuk (Argentinien) und "Kitsch Panorama" von Gilles Monnat (Schweiz).

5. Jugendjury

Internationaler Wettbewerb, 1. Preis, 6000 Franken: "Nothing Personal", 2. Preis, 4000 Franken: "La donation" von Bernard Emond (Kanada), 3. Preis, 2000 Franken: "Akadimia Platonos".

Internationaler Wettbewerb, Umweltpreis, 3000 Franken: "La donation".

6. Weitere Preise

Preis der ökumenischen Jury, 20.000 Franken: "Akadimia Platonos".

Preis SRG SSR idée suisse/Kritikerwoche, 8000 Franken: "Pianomania" von Robert Cibis und Lilian Franck (Österreich/ Deutschland).

FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritiker: "Nothing Personal".

Preis Kunst- und Essay-Film: "Nothing personal".

NETPAC-Preis zur Promotion des asiatischen Films: "Sham Moh" von Ho Yuhang (Malaysia/Hongkong/Südkorea).

FICC-Preis der Filmclubs: "La donation".

7. Bereits verliehene Preise

Ehrenleoparden für ihr Lebenswerk: William Friedkin und Yoshiyuki Tomino.

Goldener Leopard für seine Verdienst um das Festival: Bundesrat Pascal Couchepin.

Raimondo-Rezzonico-Preis: Martine Marignac.

Excellence Award: Toni Servillo.

www.pardo.ch

Zum Nachlesen: Weltenden und Singvögel - Neue Filme von Eugène Green und Marc Recha auf dem Filmfestival von Locarno

 

  • Hartnäckige Einzelkämpferin in eigener Sache: Mei (Huang Lu, rechts) in "She, A Chinese", dem Spielfilmdebüt von Xiaolu Guo, das mit dem Goldenen Leoparden 2009 ausgezeichnet wurde.
 
    foto: filmfestival locarno

    Hartnäckige Einzelkämpferin in eigener Sache: Mei (Huang Lu, rechts) in "She, A Chinese", dem Spielfilmdebüt von Xiaolu Guo, das mit dem Goldenen Leoparden 2009 ausgezeichnet wurde.

     

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