Abgeordneter unter Mordverdacht sieht sich als Opfer

16. August 2009, 17:29

Mordauftrag für die Mittagsshow: TV-Moderator Souza soll für Einschaltquoten Verbrechen in Auftrag gegeben haben

In der Amazonasmetropole Manaus soll ein TV-Moderator und Politiker Morde für seine Fernsehsendung in Auftrag gegeben haben. Seine Reporter waren immer auffallend schnell an Tatorten.

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Es wird eng für Wallace Souza. Nach unzähligen Berichten in der Weltpresse steht der 51-jährige Politiker und Sensationsjournalist aus dem brasilianischen Manaus am Pranger: Ermittlern zufolge soll er mindestens fünf Morde in Auftrag gegeben haben, um seine Mittagsshow Canal Livre noch populärer zu machen. Souza weist die Vorwürfe zurück, er selbst sieht es so: "Wenn Christus wieder ans Kreuz geschlagen würde, schuld wäre der Abgeordnete Wallace Souza."

Bei der Regionalwahl vor drei Jahren war Souza erneut mit der höchsten Stimmenzahl ins Parlament des Bundesstaates Amazonas eingezogen. Seine Wähler hofften, dass sich der ehemalige Polizist mit den markigen Sprüchen dort für Recht und Ordnung einsetzen würde - so wie in seiner Sendung. Dass Souza nicht zimperlich vorging, hat er in seiner 20-jährigen Rundfunk- und TV-Karriere oft demonstriert. Etwa so: "Es riecht nach Gegrilltem", sagt ein Reporter und hält sich die Nase mit seinem Hemd zu. Anschließend schwenkt die Kamera auf eine verkohlte, rauchende Leiche.

Für Nervenkitzel sorgte auch exklusives Filmmaterial von Schießereien. Auffallend häufig waren Souzas Reporter früher am Tatort als die Polizei. Man habe ein Netzwerk mit guten Quellen aufgebaut, verteidigt sich der Abgeordnete, seine Mitarbeiter bei Canal Livre hätten sich in Polizeistationen und im örtlichen Leichenschauhaus getummelt.

Todesschwadrone

Souza habe so etwas wie Todesschwadrone organisiert, um rivalisierende Drogenhändler aus dem Weg zu räumen, vermutet hingegen Thomas Vasconcelos, der für die Geheimdienste zuständige Staatssekretär: "Anschließend berichtete er in seiner Sendung über die Morde."

In der früheren Kautschuk-Hochburg Manaus haben sich wegen großzügiger Steuerbefreiungen viele Großbetriebe angesiedelt. Wie ein Magnet ziehen sie die verarmte Landbevölkerung aus dem größten Regenwald der Welt an. In den ausufernden Armenvierteln blüht die Drogenkriminalität, wie in allen Großstädten Brasiliens. Obwohl Manaus in den Gewaltstatistiken auf den hinteren Rängen liegt, fühlen sich seine zwei Millionen Einwohner immer unsicherer - auch wegen Stimmungsmache wie in Souzas Fernsehshow. Dieses Phänomen ist in ganz Lateinamerika zu beobachten.

Politische Immunität

Wallace, der sich vor einiger Zeit noch Hoffnungen auf den Job des Sicherheitsministers von Amazonas gemacht hatte, ist noch durch seine Immunität als Parlamentarier geschützt. Sohn Rafael ist wegen Mord, Drogenhandel und illegalem Waffenbesitz angeklagt und sitzt wie weitere 14 Männer des "Falls Wallace" in U-Haft.

Zum Verhängnis wurden Souza ausgerechnet seine Kollegen: Den ersten größeren Medienrummel hatte im April José Luis Datena in Brasil Urgente ausgelöst. Anfang August berichtete die Unterhaltungssendung Fantástico von TV Globo, die jeden Sonntagabend mehrere Dutzend Millionen Brasilianer erreicht, über die Ermittlungen in Manaus.

Vergangene Woche zogen der britische Guardian und internationale Agenturen nach, anschließend große brasilianische Zeitungen. Die Untersuchung gegen Souza soll in zwei bis drei Wochen abgeschlossen sein, erklärte Staatsanwalt Ronaldo Andrade. (Gerhard Dilger aus Porto Alegre/DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2009)

 

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10 Postings
Peperino Vampiro
 
02
18.8.2009, 10:20

Es ist immer wieder schön zu lesen, dass solche Menschen nicht bestraft werden können, weil sie ja politische Immunität besitzen. Mit dieser Immunität wird nichts erreicht, außer dass die Menschen (glauben) alles tun können ohne Konsequenzen.
Wohin soll so etwas den führen?

Rudolf Ratte
00
17.8.2009, 11:47

Wow... So was nennt man Vorortberichterstattung!
Gerhard Dilger ist in Porto Alegre ungefaehr genauso nahe am Geschehen dran, wie wenn jemand aus Lissabon Ereignisse aus Moskau kommentiert...

Aendert natuerlich nichts an der Unfassbarkeit dieser Nachricht.

Harald Blauzehe
00
17.8.2009, 10:32

Aber brave Katholos sinds schon die Brasilaner.

Hamit_Hatemi
10
10.11.2009, 18:48
Aha...

Und was ist daran jetzt schon wieder so schlecht?

Besser als Atheisten allemal.

Schneeglöckchen
 
11
17.8.2009, 08:43
Täter sieht sich als Opfer ?

Souza würde sich bei uns sehr heimisch fühlen.

Warentester
00
17.8.2009, 23:49

Ja, nur bei uns hätte er vmtl. kein Problem weil unsere talentierten Staatsanwälte schon eine Begründung zusammenzimmern würden, warum gg. den Hrn. Politiker nicht Anklage erhoben wird. Da sind sie ja echt gut drin.

reservoir dog
11
16.8.2009, 21:19

da erinnere ich mich an den fall, wo ein schuldirektor in fortaleza, gut erhaltene gebrauchte und neue (!) schulbücher, als altpapier verkauft hat.

Nick Tameer
13
16.8.2009, 21:47

Oder an den Finanzbeamten aus Rio, der über 10 Jahre Dutzende von Kugelschreibern, darunter teilweise hochwertige Markenprodukte, gestohlen hat?

reservoir dog
07
17.8.2009, 05:58

ja, das ist an skrupellosigkeit kaum zu überbieten

Nick Tameer
03
16.8.2009, 21:38

Man sollte ihm eine dieser Unternehmer-Auszeichnungen wegen seines Talents für Innovationen verleihen. Der Mann hat bewiesen, dass man Leichen, die im Rahmen der Geschäftstätigkeit anfallen, und die bisher als lästige Abfallstoffe galten, nachhaltig weiterverwerten kann.

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