Dabei sein ist lang nicht alles

14. August 2009, 17:22
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IOC-Präsident Avery Brundage, der in Sapporo Karl Schranz ausschloss, sah das schon früh voraus.

Am 8. Februar 1972 gegen halb zwölf setzt die DC9 "Niederösterreich" der AUA mit dem Skiläufer Karl Schranz in Wien-Schwechat auf. Als "Schranz zum ersten Mal die auf ihn wartende Menge erblickt, leuchten seine Augen. Er setzt sich gerade, richtet die Krawatte", schreibt Alfred Kölbel in der AZ. "Und da blitzt auf seinem schwarzen Olympiasakko ein silbriger Stern - das Markenzeichen seiner Skier - auf." Er kommt aus Sapporo, und 200.000 Österreicher jubeln ihm zu. Wenige Tage zuvor hat ihn das IOC auf Betreiben von Präsident Avery Brundage mit 28:14 Stimmen von der Teilnahme an den Spielen ausgeschlossen.

Schranz hatte gegen den Amateurparagrafen verstoßen, der Sportlern verbot, aus ihrer Tätigkeit Gewinn zu ziehen. Brundage hatte am Morgen der entscheidenden IOC-Sitzung japanische Zeitungen erhalten, in denen Schranz für Kaffee warb.

Die Vertreibung aus dem olympischen Paradies wurde für den 33-jährigen Schranz, der mit Ausnahme einer Silbermedaille im Riesenslalom (1964 in Innsbruck) viermal erfolglos an Olympischen Spielen teilnahm, zum Lebensthema. Seither gilt der Tiroler als Opfer eines verbohrten Idealisten: Avery Brundage (1887-1975).

Der Ausschluss von Schranz wurde von den führenden österreichischen Populisten, Hans Dichand (Neue Kronen Zeitung) und Gerhard Bacher (ORF), als schreiendes Unrecht qualifiziert und zu einer Hetzkampagne gegen das IOC benützt. Schranz sei der Willkür eines greisen Vorgestrigen zum Opfer gefallen, und das lasse sich "Österreich" nicht gefallen. Schließlich seien auch alle anderen Skiläufer quasi Profis. Von den Staatsamateuren des Ostens gar nicht zu reden! Unterrichtsminister Fred Sinowatz forderte das ÖOC auf, die gesamte Mannschaft von den Spielen abzuziehen. Das ÖOC und der ÖSV weigerten sich. Die Volksseele kochte.

Das IOC-Mitglied Manfred Mautner-Markhof hatte vor dem Ausschluss Brundage in einem Brief seiner Hochachtung versichert, er wollte eine günstige Atmosphäre schaffen. Die "Schanddepesche" führte dazu, dass Mautner-Markhofs Enkel in der Schule verprügelt und sein Senf boykottiert wurde. Schwechater Bier wurde als "Judas-Bier" verunglimpft. ÖSV-Präsident Karl Heinz Klee musste seine Tochter aus der Schule nehmen, weil ihre Sicherheit infrage stand.

Schranz wurde in Sinowatz' Dienstauto zu den aufgeputschten Massen auf den Ballhausplatz chauffiert. Dort nahm ihn ein vom gesunden Volksempfinden unangenehm berührter Bundeskanzler Bruno Kreisky in Empfang. Schranz trat dreimal auf den Balkon, viele der unten Jubelnden sollen den rechten Arm erhoben haben. Kreisky soll von der medial ausgelösten Hysterie so geschreckt gewesen sein, dass er 1974 das ORF-Gesetz änderte. Die Novellierung kostete Bacher den Job.

Zwei Milliarden pro Spiele

1988 besuchte IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch Wien und hängte in einer großen Zeremonie Schranz, dem Pionier des Professionalismus, eine Olympia-Ehrenmedaille um den Hals. Samaranch, Karrierist im faschistischen Spanien Francos und IOC-Präsident von 1980 bis 2001, verkaufte die Spiele den Konzernen von Coca-Cola und McDonald's abwärts, die TV-Lizenzeinnahmen des IOC stiegen zwischen 1980 und 2000 von praktisch null auf mehr als zwei Milliarden Dollar pro Spiele.

In Schranzens Geschichte finden sich viele fundamentale Probleme des massenmedialen Spitzensports, quer durch die Sportarten, von Leichtathletik über Fußball bis zum Radsport. Der vielgeschmähte Avery Brundage hat vor den heutigen Exzessen an Vergötterung, Doping und Kommerz bereits vor mehr als 70 Jahren gewarnt. 1932 schrieb er für die Kunstbewerbe der Spiele von Los Angeles den Aufsatz Die Bedeutung des Amateursports, der ihm eine ehrenvolle Erwähnung eintrug. Darin deduziert der damals 45-jährige Unternehmer und Sportfunktionär aus einer simpel gestrickten Auslegung der Menschheitsgeschichte - die Weisheit der Muskeln wird im Laufe der Jahrtausende durch die Weisheit der sozialen und individuellen Vernunft ergänzt - die reine Idee: "Auf keinem anderen Gebiet finden wir eine solch ideale Kombination der drei großen Kräfte, physische Stärke, Intelligenz und Geist, als im Bereich wahrer Sportlichkeit."

Brundage war als Bauunternehmer reich geworden und konnte sich sein Leben als Sportler (1912 beendete er den Fünfkampf der Olympischen Spiele in Stockholm als Fünfter) und Sportfunktionär locker leisten. 1928 wurde er zum Präsidenten der American Athletic Union (AAU) und der American Olympic Association (AOA) gewählt. Seiner Überzeugung gemäß, Sport müsste sich von der Politik fernhalten, lobbyierte er heftig für eine US-Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen 1936. Brundage setzte sich durch, die USA schickten eine Mannschaft nach Deutschland. Prompt nutzte Hitler die Spiele in "seiner" Hauptstadt zu einem Propagandaspektakel für den Nationalsozialismus.

Eine (in mancher Hinsicht selbstverständlich nicht vergleichbare) Parallelaktion bildeten die Sommerspiele 2008 in Peking, die von der dort herrschenden Parteidiktatur ebenfalls zur Eigenwerbung missbraucht wurden. IOC-Präsident Jacques Rogge hatte gegen den Boykott des menschenverachtenden Regimes ganz in der Tradition von Brundage argumentiert: Die Spiele dürften sich politischem Druck nicht beugen. Motto: Der Olympismus und sein Wertesystem sind gut für die Welt, gerade dort, wo sie ganz mies beisammen ist.

Es wäre zu einfach und voreilig, Brundage (und Rogge) Naivität vorzuwerfen. Auch der Vorwurf der Starrsinnigkeit im "Fall Schranz" trifft die Sache nicht im Kern. Brundage war ein vom missionarischen Virus infizierter Geist, der die Welt von allerlei Irrungen und Fehlentwicklungen bewahren wollte. Das Schicksal der Juden, die aus dem deutsch-österreichischen Sport "gesäubert" worden waren, bedrückte ihn allerdings weniger als die Vergiftung des "wahren" Sportsgeistes durch die Gier. Auf der IOC-Session 1964 in Japan brachte er seine Überzeugung auf den Punkt: "Die Spiele sind nichtkommerziell - sie sind kein Geschäft. Und jene, deren Ziel es ist, mit dem Sport Geld zu machen, sind nicht teilnahmeberechtigt und nicht erwünscht. So einfach ist das."

Das Problem: Brundages Argumente sind nachvollziehbar, aber sein Bild der Welt ist mehr Konstruktion als Analyse der Realität. In dem erwähnten lange verschollen gewesenen Aufsatz plädiert er in rührendem Ton für den "Sportgeist", der nach den Muskeln und der Vernunft die dritte große Basis des Amateursports sei. Lässt man das Geld außer Acht und das "Amateur" weg und versteht den Sport so, wie Brundage ihn gepredigt hat, bleibt - bei aller menschlichen Unzulänglichkeit des Predigers - ein faszinierendes Konstrukt.

"Amateur-Sport lehrt, dass eine Aufgabe, welche gut erfüllt wird, die beste Belohnung ist. Er erhöht, er beflügelt, und das kommt nur dadurch, dass er um seiner selbst betrieben wird und nicht für irgendeine materielle Vergütung. Der Amateur bezieht daraus seinen Lohn, dass er ein Spiel gut spielt, und er bezieht unglaubliche Freude und Erhöhung daraus, welche niemals möglich wäre, wenn Sport zum Broterwerb betrieben würde."

Brundage erzählte von einer idealen Welt. Der französische Baron Pierre de Coubertin hatte die moderne olympische Bewegung unter dem Banner des "citius, altius, fortius" geeint und für die Austragung der ersten Spiele 1886 in Athen gesorgt. Die Kritik, Brundage lebe ideologisch tief im 19. Jahrhundert, traf 1972 wohl den Kern, der allerdings von modernen Schichten ummantelt wurde. Wenn Brundage etwa davon schwärmt, Sport sei uns aus dem Altertum überantwortet worden, "erweitert und gestärkt durch die nobelsten Anstrengungen der größten Vertreter jeder Generation". Daher umfasse der Amateursport die höchsten moralischen Gesetze. Und emphatisch: "Keine Philosophie, keine Religion predigt hehrere Gefühle." Kurz: Der Sport zeige der Welt, was gut ist und was böse.

In einer Dissertation über Brundage (Astrid Engelbrecht, Avery Brundage, The All-American Boy. Göttingen 1996) wird herausgearbeitet, in welchen Widersprüchen Brundage lebte. Er holte die UdSSR in die olympische Bewegung. Wie geht das mit dem Postulat zusammen, der Sport habe mit Politik nichts zu schaffen? Brundage war wohl bewusst, dass er ohne die Großmächte mit dem IOC nicht weit kommen würde. "Die These vom unpolitischen Sport muss somit weiterhin angezweifelt werden" schreibt Engelbrecht auch in Bezug auf das IOC-Arrangement mit der NS-Diktatur. Auch später scheiterte Brundage an den realen politischen Machtverhältnissen. Denn der vom ihm verhandelte Kompromiss einer olympischen Mannschaft aus BRD und DDR hielt nicht lange. Zu stark war das Verlangen der DDR-Diktatoren nach einer eigenen Olympia-Mannschaft.

Wie kann auch der Sport dank seiner Werte und Haltungen zum Fortschritt der Menschheit beitragen, wenn er mit "der Welt" und "der Politik" nichts zu tun haben will? Brundage, Samaranch und Rogge standen und stehen vor dem unlösbaren Dilemma, sich mit den (politischen, medialen, wirtschaftlichen) Machthabern einlassen zu müssen, aber mit ihren Interessen nichts zu tun haben zu wollen.

Brundage selbst lobt 1932 die mannigfachen Wirkungen des Sports. Industriebetriebe haben sportliche Tummelplätze eingerichtet, die zu einer größeren Zufriedenheit und höheren Effizienz der Werktätigen führen. Der italienische faschistische Diktator wolle, wie Brundage zustimmend zur Kenntnis nimmt, "ein neues Sparta erbauen". Ja sogar das kommunistische Russland habe sich ein Ministerium für Körperkultur gegönnt. Und Deutschland sei überhaupt ein einziger riesiger Sportplatz, auf dem statt des vor dem Ersten Weltkrieg üblichen Militärtrainings nun Körperübungen, Leichtathletik und Sportspiele betrieben würden.

Die Erde, so Brundage abschließend, habe also die besten Aussichten, demnächst "von einer neuen Menschenrasse bewohnt zu werden", einer Rasse, die vom Prinzip des Sportsgeistes durchdrungen, Verstöße nicht dulden werde; eine Rasse, körperlich stark, geistig wach, und moralisch gesund. Eine Rasse freier, unabhängiger Denker, gewohnt, in der Demokratie des Sports zu leben, in der der Beste gewinnt. Unabhängig von seiner sozialen Herkunft, politischen Überzeugung, Vermögenslage oder Religion. Eine Rasse, von Athleten, die das Spiel des Lebens um seiner selbst willen spielen.

Die olympische Idee gehört niemandem, das macht sie so kostbar und unersetzlich. Gleichzeitig bedienen sich ihrer die verschiedensten Interessengruppen, und zwar durchwegs aus Eigennutz. Auch wenn die flotten Sprüche auf den Werbeplakaten andere Motive behaupten. Der Sprudelkonzern Coca-Cola verdankt seinen Aufstieg und den Sieg über den Konkurrenten Pepsi dem Marketing-Deal mit dem IOC. Doch der Olympismus selbst scheint durch die zahllosen faulen Deals, die er freiwillig oder gezwungenermaßen eingeht, nicht an Glanz und Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Waren Brundages Warnungen das Ergebnis eines hysterischen Fundamentalisten? "Kunst, Musik, Architektur, Literatur, alle scheinen in diesem kommerziellen Zeitalter sich der Gier nach Geld prostituiert zu haben", schreibt er in besagtem Essay. Der Befund scheint damals wie heute nicht unplausibel zu sein. Die exorbitanten Gehälter von Sportstars wie Michael Schumacher (Formel 1), Cristiano Ronaldo (Fußball) oder der Ein-Mann-Marketing-Industrie-Konzern David Beckham, die kultische Verehrung der Menschengötter strafen Behauptungen, der Sport erziehe zu den höchsten ethischen Standards, Lügen.

In seiner Biografie (Die Herausforderung), die ausgerechnet 1972, im Moment der letzten starrsinnigen Aufwallung gegen die modernen Zeiten, auf Deutsch erschien, spielt Brundage olympische Kassandra. Wie Priamos' Tochter sieht er das kommende Unglück, und niemand glaubt ihm. Er schließt sich Coubertins Überlegung an, Mannschaftssportarten von der Teilnahme an den Spielen auszuschließen. Der Fußball habe sich sowieso, wie der Tennissport, durch krasse Kommerzialisierung von selbst disqualifiziert. (Die Willküraktionen des scheinbar allmächtigen US-Olympia-Komitees, Absurditäten wie Softball ins Programm zu drücken, machen Brundages Vorbehalt umso aktueller.) Außerdem plädiert Brundage für ein Alterslimit von 30 Jahren und will die Teilnahme eines Athleten auf maximal zwei Spiele begrenzt sehen. "Man kann einmal Pech gehabt haben und sollte die Chance bekommen, es noch einmal zu versuchen. Aber dann sollte der Weg frei sein für andere Athleten."

Auch zu Schranz äußert er sich, freilich ohne ihn beim Namen zu nennen. Die Winterspiele waren ihm und vielen anderen Olympiern ohnehin ein Dorn im Auge. Brundage wollte sie abschaffen, weil sie dem Prinzip des olympischen Universalismus widersprachen. Was soll auch an Sportarten universal sein, in denen wie im Skilauf Sportler von vielleicht zehn Nationen um die Medaillen wetteifern?

Dazu kommt die nach dem Urteil Brundages "aufdringliche Kommerzialisierung" des Skisports in Amerika und den Alpenländern, vor allem Österreich und Frankreich. Hier gesteht Brundage unumwunden ein, dass er sich vor den Winterspielen 1972 in Sapporo gegen die "Doppelzüngigkeit des Skiverbandes" - gemeint ist der internationale Verband, die FIS -, nicht durchsetzen konnte. Entgegen den olympischen Bestimmungen nannte die FIS nämlich Läufer, die "wegen kommerzieller Werbung und auf andere, weniger leicht zu beweisende Arten" gegen die IOC-Charta verstießen und im Prinzip nicht teilnahmeberechtigt waren.

"Alle die Wettkämpfer abzulehnen, die zu disqualifizieren die Skifunktionäre nicht den Mut hatten, würde die Spiele ruinieren", schreibt Brundage. "Das japanische Komitee hatte fünf Jahre lang so viel Zeit, Energie und Geld aufgewandt, sodass das IOC seine Aktion auf den Ausschluss des herausragendsten Schuldigen beschränken musste: eines österreichischen Skiläufers, der sich seit zehn Jahren seinen Lebensunterhalt damit verdient, dass er als unwürdige lebende Anzeige für Skier agierte."

Gemeint ist Schranz, der "gerade vor den Spielen einen neuen Weltrekord aufgestellt (hatte) in der Kapitalisierung von sportlichem Ruhm." Das IOC wusste, dass Schranz zum Märtyrer werden und ein Vermögen mit dieser Rolle verdienen würde. Mit der Reaktion Österreichs rechnete Brundage nicht. "Österreich ist bekannt als das Land der Komischen Oper", schreibt er. "Was konnte komischer sein als das lächerliche Schauspiel des Regierungsempfangs. Hier wurde eine Person, die jahrelang die demütigende Rolle des Plakatträgers gespielt hatte, wie ein nationaler Held empfangen, weil er ab und zu einen Berg einige Hundertstelsekunden schneller herunterfahren konnte als andere."

Überhitzung des Markts

Brundages Befund der Verfilzung von Sport, Wirtschaft, Medien und Politik in Österreich trifft den Nagel auf den Kopf. Die Skiindustrie ist eine Lebensader des Landes, daher werden Sportler wie etwa Hermann Maier über Gebühr wichtig genommen. Maier trägt als einziger Star des Skiverbandes die Hauptlast der Vermarktung, er dient dem ÖSV-Hauptsponsor Raiffeisen als wichtigster Werbeträger und muss daher der betriebswirtschaftlichen Logik zufolge so lange an Weltmeisterschaften, Weltcup und Winterspielen teilnehmen, solange er noch einen Parallelschwung zusammenbringt.

Brundage hat vor mehr als 70 Jahren vor der Überhitzung des Spieler-und-Sportler-Markts durch das Kapital gewarnt. Österreichs aufblühende Skiindustrie wurde 1972 von autoritären Figuren wie Alois Rohrmoser (Atomic) und Franz Kneissl, dem Chef, Finanzier, Freund und Skiausstatter von Karl Schranz beherrscht. In den Alpentälern Österreichs hat die Skifahrerei, vom Tourismus bis zur arbeitsintensiven und exportträchtigen Herstellung der Latten, eine existenzielle Bedeutung. Aus Rücksicht auf die 400.000 bis 500.000 Arbeitsplätze im Skikomplex wagt kaum jemand ein Wort gegen die Branchenkaiser, die sich heute in der Figur des Unternehmers und ÖSV-Präsidenten Peter Schröcksnadel konzentriert haben. In den 1970ern hatten ÖSV und Skifahrer zu parieren, wenn die Skifirmen kommandierten. Heute treibt der ÖSV-Raiffeisen-Mediaprint-Komplex den Sport vor sich her.

Folgt man der Ansicht des olympischen Querkopfs Brundage, dass der Sport autonom, aber doch Teil der Gesellschaft ist, wäre Doping ein Indiz für eine unumkehrbare Fehlentwicklung. Im Sport, in der Politik und in der Gesellschaft: Nur strahlende Sieger finden Respekt. Jene, die rücksichtslos alle verfügbaren Mittel einsetzen, um sich über den Nächsten zu erhöhen. Die Doping-Enthüllungen des Boulevards erinnern in ihrer schematischen Einteilung der Sportler in Gut (geständiger Dopingsünder) und Böse (schweigender Dopingsünder) eher an Mickey Mouse denn an Journalismus.

Der seit dem ÖSV-Doping-Skandalen bei den Spielen in Salt Lake City 2002 und Turin 2006 tobende Machtkampf zwischen ÖSV/Sportministerium und ÖOC kann auch als Kampf um die Autonomie des Sports gelesen werden. Brundage und seine Nachfolger waren pedantisch darauf bedacht, die Eigenverantwortlichkeit des Sports - bei aller realpolitischen Verflechtung - zu bewahren. In Österreich gelang dies von jeher nur unvollkommen, denn alle wichtigen Sportfunktionäre, angefangen vom Sportunion-Präsidenten Peter Haubner (VP-Sportsprecher) bis zum Präsidenten der Bundessport-Organisation und des ASKÖ, Peter Wittmann (SP-Parlamentarier), sind in erster Linie Parteisoldaten.

1972 trat der SP-Politiker Sinowatz für Schranz ein, wetterte gegen das böse Ausland und eroberte die moralische Hoheit über den Stammtischen. Er wollte das ÖOC an die Kandare nehmen und ließ die ÖOC-Subventionen "prüfen". Derzeit werden dem ÖOC-Präsidenten Leo Wallner und dem -Ex-generalsekretär Heinz Jungwirth Misswirtschaft und Bereicherung vorgeworfen. Die Agentur Deloitte & Touche prüfte das ÖOC und attestierte eine vollkommen korrekte Verwendung von öffentlichen Mitteln. Heeres- und Sportminister Norbert Darabos, der ÖOC-Funktionäre öffentlich abkanzelte, bevor die entsprechenden Untersuchungen angefangen hatten, wollte die privaten Mittel (Sponsorgelder) des ÖOC selbst "prüfen". Ein solches Unterfangen würde gegen die gesetzlich verankerte Autonomie des Sports verstoßen.

Der ÖSV freilich war Darabos (noch?) keine Untersuchung wert. Karl Schranz lässt seit Jahrzehnten unter seinem Namen Kolumnen in der Krone schreiben. Die Krone erhöhte 1972 mit Untergriffen gegen Brundage und das feindliche Ausland ihre Auflage. Zwei prominente Ex-ÖSV-Athleten, Hans Knauß und Andi Goldberger, wurden des Dopings überführt und arbeiten als Kommentatoren im ORF. Der Staatssender ist neben der Kronen Zeitung der wichtigsten Medienpartner des Verbandes. Die soziale Akzeptanz gefallener Helden zeigt die Ambivalenz einer Gesellschaft, die auf den Idealen der Höchstleistung und der Produktivität fußt. Das lässt sich niemand ruinieren, die großen (finanziellen, politischen und ideologischen) Profiteure des Systems schon gar nicht. Falls Verfehlungen passieren, werden sie als melodramatisches Einzelschicksal gedeutet.

Nur manchmal, wenn die Dinge rasch aufeinanderfolgen oder die Interessen hart aufeinanderprallen, verschwimmen die Umrisse, und die Säuberer und Moralisten erscheinen als Karrieristen und die Geschmähten als Idealisten. Möglicherweise hat Brundage genau das unterschätzt. Möglicherweise ist zu viel Bewegung, damit sich klar erkennbare Ideale im Sport halten können. Und in der Welt. (Johann Skocek, DER STANDARD Printausgabe 15.08.2009)

 

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    Massenhysterischer Moment: 1972 wurde Karl Schranz zur Skifahrer-Legende und zum "Pionier des Professionalismus" im Sportbusiness.

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    Der frühere IOC-Präsident Avery Brundage (links) spielte bereits 1932 olympische Kassandra und warnte vor der Vereinnahmung der Olympischen Spiele durch politische und wirtschaftliche Interessen. Wie Priamos' Tochter sah er das kommende Unglück, aber niemand glaubte ihm.

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