Du Schleifstein meiner Seele

14. August 2009, 15:58
posten

Von obsessiver Liebe und Dämonen - Brita Steinwendtner schildert als Erste die Liebesbeziehung Alfred Kubins zu Emmy Haesele

Kreis. Ellipse. Schraffuren. Das sind die Grundmuster, die das neue Buch der seit langem in Salzburg lebenden Autorin und Journalistin Brita Steinwendtner prägen und durchziehen.

Steinwendtner ist einem breiteren Publikum vor allem aufgrund ihrer Rolle als langjährige Leiterin der Rauriser Literaturtage bekannt, unverdientermaßen weniger als eigenschöpferische Prosaautorin. Auch wenn sie 2008 mit Jeder Ort hat seinen Traum einen topografisch-essayistischen Band vorlegte, in dem sie so manchen heute zu Unrecht halb oder vollständig vergessenen Autor wie etwa Wolfgang Hildesheimer mit eindringlicher Sensibilität zu porträtieren wusste.

Gespenster

In Du Engel Du Teufel umkreist sie eine bisher kaum bekannte Liebesgeschichte: die des Zeichners und Illustrators Alfred Kubin, der am 20. August vor 50 Jahren starb - zudem, eine schöne Koinzidenz, erschien sein einziger Roman Die andere Seite vor genau 100 Jahren -, zu Emmy Haesele (1894-1987), die durch ihn zur Künstlerin wurde. Die ihr Leben lang von der zweieinhalb Jahre, von August 1933 bis Jänner 1936, währenden Beziehung zehrte und deren jähes, unerbittliches Ende zugleich elementar an ihren Kräften zehrte.

In Wien als Tochter eines protestantischen Arztes geboren, lernte die Ehefrau eines in Unken im Pinzgau tätigen Landarztes, der früh schon Nationalsozialist wurde, seine Kinder damit nachhaltig affizierte und auch Emmy selber in einen nationalistischen Rausch versetzte, Alfred Kubin Ende der 1920er-Jahre kennen. Sie umkreiste nach dem für sie unvorhersehbaren bitteren Bruch das Haus des Künstlers in Zwickledt im Innkreis des Öfteren: verzweifelt, sehnsüchtig, selbstquälerisch.

Durch Kubin wie durch extensive Lektüre der Bücher des Schweizer Psychologen C. G. Jung hatte sie begonnen, unheimliche Traumgesichter und Visionen aufs Zeichenpapier zu bannen. "Dass es eine Welt jenseits der sichtbaren gibt", schrieb Haesele in einem autobiografischen Bericht, "und diese gleichsam durchweht und durchtränkt, war mir seit frühester Kindheit dunkel bewusst, denn dieselben vertrauten Personen konnten plötzlich wie fremde Dämonen und Gespenster aussehen, die alt gewohnte, heimatliche Umgebung veränderte in Sekundenschnelle ihr Antlitz und wurde kalt, starr und furchteinflößend."

Zusehends entwickelte sie eine eigene künstlerische Handschrift, die nach dem Krieg und nach ihrem Umzug nach Wien im Jahr 1956 zu einigen Ausstellungen und zu wachsender Anerkennung in Fachkreisen führte. Wie zum freundschaftlichen Austausch mit dem eine Generation jüngeren Ernst Fuchs.

Kreisbewegungen

Da war Emmy Haesele Witwe, betrauerte noch immer ihren Sohn, der 1940 in Frankreich gefallen war, und hatte ihre emotionale Abhängigkeit von Kubin, dem schwärmerisch auflodernden, so pathetischen wie egozentrischen homme à femmes, der durch von seiner Frau Hedwig geduldete zahlreiche Affären sich Vitalitäts- und Kreativitätsschübe verschaffte, nach dem Übertritt zum Katholizismus transformiert in eine tiefe Frömmigkeit. Es ist keine distanzierte sachliche biografische Skizze, auch wenn Steinwendtner recherchierte, viele Gespräche führte und umfangreiches Archivmaterial durcharbeitete. Vielmehr ist es eine flüssig erzählte, passagenweise intensiv lyrische biografische Umkreisung, in der vieles mit sicherer Hand schraffiert und atmosphärisch dicht beschrieben wird. Merkwürdig nur, wie wenig editorische Sorgfalt der Haymon-Verlag aufwandte.

Da stechen eklatante Satzfehler ins Auge, angesichts derer nicht zu übersehen ist, dass der Korrektor lächerlich wenig Zeit hatte oder vielleicht sogar ganz eingespart worden ist. Da wimmelt es von falsch geschriebenen Namen - von "Herzmanowsky-Orlando", richtig: Herzmanovsky-Orlando, bis zu "Franziska von Reventlov", die korrekt Franziska zu Reventlow hieß.

Ist das Nachschlagen in auch in Tirol verfügbaren Lexika zur anstrengenden, lästigen Pflicht geworden? Auch die Arithmetik zeugt manchmal von einer ganz erstaunlichen Nähe zur Transzendenz.

So berichtet Steinwendtner an einer Stelle von ihrem Gespräch mit der 94-jährigen Elisabeth, genannt Meisi, der Tochter Emmy Haeseles; dabei starb diese 2008 im Alter von 90 Jahren.

Zudem ist so mancher grammatikalisch schiefe Satz stehengeblieben, in dem Zeitebenen durcheinander wirbeln, sodass sich keine lakonische Kürze einstellt, sondern barocke Verwirrung. Einmal heißt es etwa: "Das Leiden an ihm war besser, als ohne ihn zu sein."

Und doch bleibt von diesen Nachlässigkeiten unberührt, dass es sich bei diesem Buch um eine erhellende, einfühlsame Neuerscheinung handelt.

Ist es aber nun ironisch, tragisch, oder ist es eine Laune des Fatums, dass heuer, im Kubin-Jahr, Emmy Haesele, wie es der Schutzumschlag mit stimmiger Fatalität zeigt, wieder bedrängt, abgeschnitten, überschattet wird von der großen, alles nährenden, ihr vieles gebenden, schließlich rigoros verweigerten Liebe ihres Lebens, von Alfred Kubin? (Alexander Kluy/DER STANDARD, Printausgabe, 14.-16. 8. 2009)

Brita Steinwendtner, "Du Engel Du Teufel. Emmy Haesele und Alfred Kubin - eine Liebesgeschichte". € 17,90 / 192 Seiten. Haymon- Verlag, Innsbruck 2009

  • Von Kubin und C. G. Jung inspirierte Visionen: Emmy Haesele Zeichnung "La belle et la bête" aus dem Jahr 1959.
    foto: harry poelman

    Von Kubin und C. G. Jung inspirierte Visionen: Emmy Haesele Zeichnung "La belle et la bête" aus dem Jahr 1959.

Share if you care.