Licht ist Trug im Bauch des Wals

14. August 2009, 15:46
13 Postings

Als das Wünschen nicht mehr geholfen hat: Thomas Glavinic knüpft mit "Das Leben der Wünsche" an "Die Arbeit der Nacht" an

Es sei widersinnig, meinte Kant, Gott seine Wünsche "zu declariren". Er kenne sie schließlich schon. Trotzdem, wer würde die märchenhaften drei Wünsche nicht formulieren, hätte er nur die Möglichkeit dazu? Jonas, die Hauptfigur in Thomas Glavinics neuem Roman Das Leben der Wünsche, hat sie. Irritiert ist er trotzdem, denn der weißgekleidete, goldkettchenbehängte Mann samt Bierfahne, der auf ihn zutritt, scheint auch auf den zweiten Blick nicht unbedingt der Richtige, ihm die Erfüllung seiner Wünschen in Aussicht zu stellen.

Allerdings weiß der Unbekannte Dinge über Jonas, die er nicht wissen kann, etwa dass er eine geheim gehaltene Affäre mit Marie hat, die sein Familienleben mit den Kindern Tom und Chris und seiner Frau Helen destabilisiert. Um den vermeintlichen Detektiv loszuwerden, reduziert Jonas seinen anfänglichen Wunschkatalog (mehr über den Tod erfahren; knapp an einem großen Unheil vorbeischlittern; die Dinge und sein Verhältnis zu Menschen zu verstehen; in die Zukunft und die Vergangenheit schauen) auf den einen Wunsch, der alle andern überflüssig macht: "Ich wünsche mir, dass sich alle meine Wünsche erfüllen." Mit dem Hinweis, es gehe nicht darum, was Jonas wolle, sondern was er sich wünsche, geht der vermeintliche Wunscherfüller ab.

Glavinics neuer Roman startet furios, sieben Seiten braucht er nur, um die Grundproblematik zu umreißen, den Protagonisten plastisch und den Leser neugierig zu machen. Im ersten sehr gelungenen Teil des Romans wird dann die Geschichte eines Mannes zwischen zwei Frauen und verschiedenen (Un-)Möglichkeits-Räumen erzählt. Die Affäre mit der ebenfalls liierten Marie, die einen kleinen Sohn hat, beginnt Jonas aus der Bahn zu werfen. "Er wusste nicht, was er tun sollte, es gab keinen Ausweg. Er konnte sich nicht vorstellen, mit Marie zusammenzuleben, weil er damit an Vaters Stelle wäre für ihr Kind, während seine Söhne keinen Vater hätten, der bei ihnen lebte".

Jonas, 35-jährig und unpassioniert als Texter in einer Agentur beschäftigt, will seine Frau und Kinder nicht verlieren, Marie aber unbedingt haben. Die Ortslosigkeit des Dazwischen- und seines Außersichseins werden ihm, so wie die Tatsache, dass er einen Teil seines Lebens verstecken muss, immer deutlicher. Ein Doppelleben bedeutet Kommunikationsaufwand und Stress, es herrscht reger SMS- und Geschlechtsverkehr, entsprechend viel wird in dem Buch auch geschwitzt. Hätte Glavinic diesen Strang weiter ausgeführt, wäre Das Leben der Wünsche wohl ein sehr guter Roman über die Liebe, Triebe und das Ende der "Paarheit", das im Moment in der Literatur im Schwange zu sein scheint, geworden. Doch leider beginnen sich die Dinge nicht nur in Jonas' Innerem zu überschlagen. Im Fernseher sieht er den Absturz einer vollbesetzten Gondel, vor seinen Augen wird ein Fußgänger von einem Lastwagen angefahren und ein Tankstellenwächter erschossen. Ein Flugzeug, das Jonas verpasst, stürzt ab. Ein Meteorit scheint die Welt zu bedrohen - und Jonas' Frau Helen stirbt an Herzversagen.

Große Fragen

Bei ihrer Beerdigung stellt er überrascht fest, dass sie einen Geliebten hatte, der unter mysteriösen Umständen beim Pilzesammeln sterben wird. Und da auch Maries Mann, ein Russe, der als Kämpfer nach Ossetien geht, von der Bildfläche verschwindet, steht dem Glück mit Marie und der Erfüllung aller Wünsche, etwa der Genesung einer Freundin des Helden von unheilbarem Krebs, eigentlich nichts mehr im Wege. Das Ende kommt im Buch unerwartet und überraschend. Allerdings hat sich der Leser dann mit Jonas längst schon in den großen Fragen, die aufgeworfen werden, den Unschärfen und verschwimmenden Grenzen zwischen Ich und Du, Ich und Welt, Ich und Ich verloren.

Der 37-jährige Thomas Glavinic hat mit seinen sechs Romanen und der Novelle Der Kameramörder ein auch stilistisch facettenreiches Werk vorgelegt. Nach seinem letzten Roman Das bin doch ich (2007) über einen Schriftsteller Thomas Glavinic, der, während die Banken drängen und die Gasthäuser locken, mit dem Literaturbetrieb, sich selbst und seiner Hypochondrie kämpft, knüpft er nun mit Das Leben der Wünsche an die Düsternis seines Romans Die Arbeit der Nacht (2006), einer existenziellen Höllenfahrt durch eine menschenleere Welt, an.

Das Martin-Buber-Wort "Gottesfinsternis" kommt einem auch bei der Lektüre des neuen Glavinic-Romans in den Sinn, oder der Sager, dass Gott die Wünsche dessen, mit dem er es gut meint, nicht erfüllt. Denn Jonas, so scheint es, wird im Verlauf des in drei Teile und zahlreiche Kurzkapitel gegliederten, trotz gelungener Dialoge etwas zu flüssig geschriebenen Buches mit Wünschen konfrontiert, von denen er nichts weiß, lieber nichts wissen würde. Insofern geht es in Das Leben der Wünsche um ein Thema, das Glavinic von Anfang an umgetrieben hat: die Brüchigkeit der Identität.

Mario Vargas Llosa schrieb einmal, der Ausgangspunkt eines jeden Schriftstellers sei Auflehnung gegen die erlebte Welt. Daher hat Literatur mit dem "Was wäre, wenn ...", das auch Wünschen innewohnt, zu tun - und mit dem Stellen der richtigen Fragen. "Antworten auf die Fragen des Lebens, die ihn beschäftigen", meint Jonas, "hatte er immer schon in der Liebe gesucht. In jenem Mit- und Gegeneinander, in dem mal der eine stärker war und mal der andere, (...) und in dem man sich lebendiger fühlte als jemals sonst. Ob es einen Gott gab, hatte ihn weniger beschäftigt als die Frage, ob ihn eine bestimmte Frau liebte und was er für sie empfand, denn die Antwort auf jene Frage konnte für ihn in dieser enthalten sein. Da wollte er hin. Das war Heimat. Das waren die Antworten. Er wusste, er würde nicht von Jesus gerettet werden. Aber vielleicht von einer Frau".

Der Prophet Jona, der den Hauptfiguren in Glavinics Romanen Die Arbeit der Nacht und Das Leben der Wünsche seinen Namen gibt, erfuhr, nachdem er vor dem Willen Gottes floh, im Bauch des Wals tiefste Einsamkeit. Finsternis und Gottverlassenheit durchziehen auch Das Leben der Wünsche, leider tappt man auch als Leser im Halbdunkel. Licht ist eben Trug im Bauch des Wals. (Stefan Gmünder/DER STANDARD, Printausgabe, 14.-16. 8. 2009) 

Thomas Glavinic, "Das Leben der Wünsche". € 22,10 / 320 Seiten. Hanser, München 2009

  • Arbeit an den Wünschen: Thomas Glavinic.
    foto: corn

    Arbeit an den Wünschen: Thomas Glavinic.

Share if you care.