Erholung langsamer als in Europa?

14. August 2009, 15:07
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Ein Kommentar aus dem Equity Weekly der Erste Group von Hans Engel

Die Anzahl der Zwangsvollstreckungen bei Immobilen ist in den USA im Juli weiter stark gestiegen. lnsgesamt waren ca. 360.000 Immobilien im letzten Monat davon betroffen. Das ist der höchste Wert, seit diese Zahlen erfasst werden. Eine Erholung auf dem Immobilienmarkt ist also in weiter Ferne, Investoren haben in diesem US-Marktsegment wohl viel zu früh eine fundamentale Verbesserung vorweggenommen.

Die Arbeitslosenquote bleibt hoch, weshalb sich der private Konsum weiterhin sehr schwach entwickelt. Die am Donnerstag für den Juli gemeldeten US-Einzelhandelsumsätze überraschten mit einem Rückgang von 0,1% negativ, zumal ein Plus von 0,8 % "erwartet" wurde. Die Erwartungen, die zumeist aus einem Mittelwert von Schätzungen gebildet werden, waren jedoch zuvor durch stark abweichende Einzelschätzungen verzerrt. Dem aufmerksamen Investor genügt das Wissen um die Tatsache, dass auch Erwartungen manipuliert werden können und er handelt entsprechend.

Die von Wal-Mart Stores publizierten Quartalszahlen bestätigen, dass sich die US-Konsumenten stark einschränken müssen. Die einstige Wachstumsfirma meldete am Donnerstag einen Umsatz- und Gewinnrückgang. Der Nettogewinn blieb aufgrund gesunkener Einstandspreise der verkauften Waren trotzdem noch sehr hoch und betrug im abgelaufenen Quartal USD 3,44 Mrd. Die Aktie ist nach einem 10-jährigen Seitwärtstrend immer noch nicht günstig bewertet (KGV 15) und bietet daher aktuell nur ein sehr moderates Steigerungspotenzial.

Microsoft musste abermals einen rechtlichen Rückschlag hinnehmen und wurde von einem US-Gericht aufgrund einer vorsätzlichen Patentverletzung zu einer Strafzahlung von USD 290 Mio. an die kanadische Firma i4i verurteilt. Der Softwareproduzent wird jedoch voraussichtlich Berufung gegen dieses Urteil einlegen. Microsoft leidet bereits viele Jahre an Unflexibilität aufgrund seiner schieren Größe. Das im Herbst erscheinende Betriebssystem Windows 7 ist zwar (optisch) attraktiver als die Vorgängerversion, wird aber voraussichtlich die Verkauferlöse in dieser Unternehmenssparte nur unwesentlich steigern können. Die Aktie ist unter längerfristigen Gesichtspunkten schlichtweg unattraktiv, viel eher scheint eine Kombination aus einer strategischen Short-Position der Aktie und einer Long-Position der bis 2039 laufenden Unternehmensanleihe, die aktuell etwas mehr als 5,2 % Rendite bringt, interessant.

Verschrottungsprogramm zeigt Wirkung

Das Verschrottungsprogramm für Altautos zeigt jetzt auch in den USA Wirkung. Ford erhöhte seine Produktion in Nordamerika im Vergleich zum Vorjahr um 18 % auf 495.000 Fahrzeuge im Quartal und plant im nächsten Quartal eine Steigerung auf 570.000 Automobile. Auch wenn Ford kurzfristig etwas Rückenwind verspürt und vom Subventionsprogramm der Regierung profitiert, sollten Investoren die Aktie meiden.

Wir erwarten in den kommenden Wochen, dass sich die wirtschaftliche Erholung in den USA deutlich langsamer abzeichnet als in Europa. Die am Donnerstag veröffentlichten Wirtschaftsdaten signalisieren, dass es diesmal Europa früher gelingt, sich nach dem starken Abschwung zu stabilisieren. Neben der seriöseren Rechnungslegung in Europa ist auch das ein wichtiger Grund, mit dem wir unsere Präferenz für europäische Aktien gegenüber US-Titeln begründen. Die wirtschaftliche Führungsrolle der USA wird heutzutage immer häufiger infrage gestellt, zumal auch am amerikanischen Kontinent mit Brasilien ein Konkurrent entstanden ist, der mit einer Bevölkerung von knapp 200 Mio. ein schönes Wachstum aufweist (auch bei den aktuellen  Einzelhandelsumsätzen) und zudem langfristig wesentlich mehr Potential hat.

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