"Wir hätten keine Hemmschwellen mehr"

13. August 2009, 19:06
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Die Autorin Eva Rossmann und Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) über Emanzipation, das Verbot von Kopftüchern und die Frage, was beim Thema Asyl "wehtut"

STANDARD: Haben Sie schon einen Krimi von Frau Rossmann gelesen?

Fekter: Krimis nicht, aber ihr Buch über den Umgang der Männer im Parlament mit weiblichen Kolleginnen. Das hat für viel Aufsehen gesorgt, aber auch einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass dieser Umgang jetzt sehr sachlich ist.

STANDARD: Haben Sie 1997 ihr Frauenvolksbegehren unterzeichnet?

Fekter: Nein, habe ich nicht. Die Zielrichtung war zwar wünschenswert, aber einzelne Forderungen waren nicht durchsetzbar.

Rossmann: Es sollten zum Beispiel nur jene Unternehmen öffentliche Förderungen bekommen, die sich wirklich real um die Gleichstellung der Frauen kümmern.

Fekter: Das ist schwierig. Denken Sie an die Bauwirtschaft. Gott sei Dank muss dort die schwere Arbeit nicht von Frauen gemacht werden. Daran haben sich die Geister geschieden, ob man die Vorschläge pragmatisch umsetzen kann.

Rossmann: Genau. Uns war es wichtig, dass die Firmen zumindest versuchen, Frauen zu fördern. Aber wenn es Gründe gibt, warum es in einer Branche weniger Frauen gibt, soll das nicht zum Nachteil der Firma werden. Aber das sieht man natürlich im Abstand von zehn Jahren auch schon ein bissl anders.

STANDARD: Ist Frauenpolitik eher ein linkes als konservatives Thema?

Fekter: Glaub ich nicht, nur ist der Zugang manchmal ein anderer. Die meisten Führungspersönlichkeiten und die geringsten Probleme mit der gläsernen Decke gibt es im Gewerbe und in der mittelständischen Wirtschaft. Mir ist dieser unterschiedliche Zugang - Männernetzwerke, Frauennetzwerke - in der Wirtschaft auch gar nicht aufgefallen. Das habe ich erst in der Politik gelernt.

Rossmann: Wann hat sich das zum ersten Mal geäußert?

Fekter: Als ich Staatssekretärin war. Da habe ich registriert: Ich habe zwar ein hohes Amt inne, bin aber nicht automatisch in den Informationsfluss eingebunden ...

Rossmann: Das ist ein Klassiker.

Fekter: ... gar nicht bösartig und bewusst, sondern rein zufällig.

Rossmann: War halt so.

Fekter: War halt so, dass Arbeitsgruppen eingesetzt wurden, wo keine einzige Frau drinnen war.

STANDARD: Hat sich das geändert?

Fekter: Massiv. Das hängt damit zusammen, dass mehr Frauen nach oben gekommen sind, diese Positionen verteidigen und ausbauen.

Rossmann: Wäre es nicht langsam Zeit für eine Bundeskanzlerin?

Fekter: Ich glaube, wir hätten keine Hemmschwellen mehr. Das ist eine Persönlichkeitsfrage. Da hat Angela Merkel einen Bann gebrochen.

Rossmann: Das war sicher wichtig, Merkel macht das sehr gut. Aber ich kenne einige in der ÖVP, die schon sagen würden: eine Frau?

Fekter: Was mir noch fehlt in der ÖVP ist: Wir haben tolle und patente Frauen im politischen Umfeld - aber doch sehr auf das Soziale und Familiäre fokusiert. Wir haben einzelne Persönlichkeiten, denken Sie an Ulrike Baumgartner, die im Energiebereich ein Experte ist. Aber in technischen und männerdominierten Bereichen wird es dünn.

Rossmann: Ulrike Baumgartner ist kein Experte, sondern Expertin.

Fekter: Ja, auch die Sprache ist wichtig. Sehr bedauerlich ist: Wenn Männer Karriere machen, haben sie ein gutes Familienleben mit einer Kinderschar. Wenn Frauen Karriere machen, sind sie Single und haben keine Kinder. Das ist keine gute Entwicklung.

Rossmann: Weil es anders nicht geht. Weil Frauen ständig gefragt werden, wie sie das mit ihren Kindern machen.

STANDARD: Wie lange waren Sie damals in Karenz?

Fekter: In einem Betrieb, wo man selbst die Chefin ist, stellt sich diese Frage nicht. Ich hatte im Krankenhaus das Telefon am Nachtkästchen, habe dort die Entscheidungen getroffen. Ich war nur die Mutterschutzwochen weg. Dann bin ich nicht in Karenz, sondern in den Betrieb zurückgekehrt. Die Familie hat das so organisiert, dass ich auf weniger Stunden gekommen bin. Wenn die Tochter zu stillen war, bin ich schnell heim. Ich bin aber kein kopierbares Beispiel.

STANDARD: Warum war Ihr Mann nicht in Karenz?

Fekter: Diese Frage hat sich nicht gestellt, weil Omi und Tante diese Aufgabe mitübernommen haben.

STANDARD: Ist es ein Zeichen von Emanzipation, wenn man nur kurz oder gar nicht in Karenz geht?

Rossmann: Es ist ein Zeichen von Emanzipation, wenn man es sich aussucht, wie es einem am besten passt. Es muss wählbar sein.

Fekter: Das ist ein sehr konservativer Ansatz von Frau Rossmann.

Rossmann: Die Wahlfreiheit bedingt aber auch die Rahmenbedingungen. Viele können nicht wählen.

Fekter: Mit dem einkommensabhängigen Kindergeld schaffen wir jetzt die Rahmenbedingungen. Es geht darum, dass man die Karriereläufe nicht zwangsunterbricht.

STANDARD: Sowohl von linken als auch konservativen Vertretern gibt es die Forderung nach einem Kopftuchverbot. Wie ist da Ihr Zugang?

Fekter: Sehr pragmatisch. Ein Kopftuchverbot könnte juristisch nur für alle gelten, die aus religiösen Gründen Kopfbedeckung tragen. Nachdem ich in einer Klosterschule großgeworden bin und ich diese katholischen Einrichtungen sehr schätze, würde ich es für entsetzlich halten, wenn man Nonnen das Tragen einer Kopfbedeckung verbieten würde.

Rossmann: Da sind wir ziemlich einer Meinung.

STANDARD: Ist das Kopftuch kein Zeichen der Unterdrückung?

Rossmann: Es kann ein Zeichen der Unterdrückung sein, aber man darf es deswegen nicht verbieten. Kleidungsvorschriften sind ein Schwachsinn. Man muss die Frauen stärken, damit sie das Kopftuch nur tragen, wenn es ihnen passt.

Fekter: Wir registrieren, dass der Druck auf die liberalen Musliminnen enorm wächst. Das war vor zehn Jahren noch nicht so. Wir müssen den gemäßigten Muslimen den Rücken stärken. Wir können nicht tolerieren, dass Männer mit fundamentalistischen Ansichten Zwang ausüben, damit Frauen sich in ihrem Sinne verhalten.

STANDARD: Asylwerber werden in der öffentlichen Wahrnehmung oft mit Kriminalität verbunden. Würden Sie in einem Ihrer Krimis einen Asylwerber als Verbrecher darstellen?

Rossmann: Das ist eine schwierige Frage. Ich versuche, keine Schwarz-Weiß-Krimis zu schreiben. Ich glaube nicht, dass alle Ausländer gut und alle Polizisten böse sind.

STANDARD: Aber warum ist das Image von Asylwerbern so, wie es ist? Spiegelt das die realen Statistiken wider, oder gibt es nicht Vorurteile?

Fekter: Das Problem ist, dass in der Bevölkerung bei Fremden nicht differenziert wird, ob das ein Österreicher mit Migrationshintergrund ist, ob es ein illegal Aufhältiger ist oder jemand, der um Asyl angesucht hat. Das Zweite ist: Die Statistik zeigt sehr wohl, dass wir in der Kriminalität überproportional Fremde haben.

STANDARD: Ist es nicht auch eine Frage, wie die ÖVP das Thema Asyl kommuniziert?

Fekter: Tatsache ist: Eine der größten Gruppen, die Asyl beantragen, sind Serben. Die größte ausländische Tätergruppe sind auch wieder Serben. Wenn man so signifikant statistische Zahlen hat, erfährt das die Bevölkerung, weil es in den Zeitungen steht. Man muss einfach klar trennen: Es gibt die Verfolgten. Dann haben wir diejenigen, die wirtschaftsmotiviert geflüchtet sind, denen die Arbeitsbewilligung abgelaufen ist oder die am Schwarzmarkt erwischt wurden, dann aber trotzdem Asyl sagen.

Rossmann: Denen es zu Hause aber auch dreckig geht.

Fekter: Keine Frage. Aber es geht der Mehrheit der Milliarden-Bevölkerung dieses Erdballs schlechter als uns. Wir können aber nicht alle nehmen. Und das Dritte sind dann die Kriminellen. Der Punkt ist: Die Kriminellen brauchen wir überhaupt nicht bei uns. Aber auch die Wirtschaftsmigranten müssen eine andere Schiene fahren, nicht über das Asylsystem.

Rossmann: Tut uns das weh, wenn das tüchtige Leute sind?

Fekter: Es tut uns dann weh, wenn sie über Illegalität das erzwingen wollen. Der Arbeitsmarkt ist eine sehr sensible Angelegenheit. DieGefahr ist, dass durch billige Neuhereindrängende etablierte Beschäftigte ihren Job verlieren.

STANDARD: Das Thema bringt uns zum Fall Arigona Zogaj.

Fekter: Zu einem Einzelfall sage ich überhaupt nichts.

STANDARD: Stört es Sie, dass der Fall noch immer Thema ist? Franzobel hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Haben Sie es gelesen?

Fekter: Nein, aber ich werde es lesen. Ich kenne Franzobel persönlich. Der ist ja von uns zu Hause. Er hat sich immer mit Ereignissen im regionalen Nahbereich beschäftigt. Das halte ich für gut. Daher gehe ich schon davon aus, dass er weiß, wie die Stimmung in unserer Region zu diesem Fall ist.

STANDARD: Nicht zuletzt wegen der Asylfrage haben Sie das Image der Eisernen Lady. Stolz darauf?

Fekter: Die Eiserne Lady Margaret Thatcher war eine sehr erfolgreiche Politikerin. Daher stört mich dieses Attribut nicht. Die Bevölkerung erwartet von einer Innenministerin, dass sie Gesetze vollzieht.

Rossmann: Thatcher ist ein schlimmes Beispiel. Sie hat Großbritannien in den Abgrund getrieben. Da werden wir uns nicht einig. Aber was mich noch interessieren würde: Wo werden Sie eigentlich weich, wo geht Ihnen das Herz auf?

Fekter: Diese klassischen Herz-Schmerz-Filme: Ich heule immer. Mir sind auch die Tränen gekommen, als die Netrebko in Salzburg bei der La Traviata dahingestorben ist. Das war herzzerreißend schön. (Günther Oswald/DER STANDARD-Printausgabe, 14.8.2009)

Zu den Personen:

Maria Fekter wurde 1956 in Attnang-Puchheim geboren. Nach dem Jus-Studium stieg sie in den elterlichen Betrieb ein. 1990 wurde sie Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium. Nach einem Jahr in der Volksanwaltschaft wurde sie im Juli 2008 Innenministerin. Fekter ist verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter.

Eva Rossmann wurde 1962 in Graz geboren. Sie arbeitete zunächst als Verfassungsjuristin im Kanzleramt, dann als Journalistin. Seit 1994 verfasste sie als freiberufliche Autorin zahlreiche Sachbücher und Krimis. 1997 war sie eine der Initiatorinnen des Frauenvolksbegehrens. Rossmann ist mit Ö1-Redakteur Ernest Hauer verheiratet.

  • Innenministerin Fekter: "Ich bin nicht in Karenz, sondern in den Betrieb zurückgekehrt. Wenn die Tochter zu stillen war, bin ich schnell heim."
    foto: andy urban, der standard
    Foto: Urban, Der Standard

    Innenministerin Fekter: "Ich bin nicht in Karenz, sondern in den Betrieb zurückgekehrt. Wenn die Tochter zu stillen war, bin ich schnell heim."

  • Krimi-Autorin Rossmann: "Es ist ein Zeichen von Emanzipation, wenn man es sich aussucht, wie es einem am besten passt."
    foto: andy urban, der standard
    Foto: Urban, Der Standard

    Krimi-Autorin Rossmann: "Es ist ein Zeichen von Emanzipation, wenn man es sich aussucht, wie es einem am besten passt."

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