Stillleben - eine Klärung

14. August 2009, 14:31
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Udo Kawasser über eine Lesung von Friederike Mayröcker

Ihrem Vortrag lauschend, dem ich trotz seiner Komplexität folgen kann, da sich die Bewegungen der Sätze in meinem Körper fortsetzen.

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Abgehetzt wie immer sitze ich nun in diesem fensterlosen, mit Menschen bis an die Wände und unter die niedrige Decke hinauf gefüllten, mit Köpfen, Armen und Rümpfen vollgestopften Raum und folge der Stimme jener einige Reihen vor mir an einem Tisch sitzenden Frau, die dort für alle Anwesenden und das mitlaufende Aufnahmegerät aus ihrem gerade in Arbeit befindlichen und folglich unveröffentlichten Werk mit der mir wohlbekannten ziehenden, nasal getönten Stimme vorliest, mit der sie von Wort zu Wort, von Satz zu Satz und so fort durch ihren Text gleitet und fällt, wie auch wohl die Laute in einem fort aus ihrer Nasenhöhle in den Mundraum und dort auf den hintersten Teil der Zunge, wie ich annehme, tropfen, um dann zwischen Gaumensegel und Zunge vibrierend nach vorne und nach außen zu dringen. Während ich wie alle anderen in diesem wie bei größerem Zuhörerandrang üblich, traditionellerweise stickigen Raum eingepfercht vor mich hinschwitze und der Autorin zuhöre, die mir einmal, man stelle sich das vor, völlig bewegungslos im Traum erschienen ist, und Träume mit irgendwelchen Berühmtheiten gehören beileibe nicht zu den Gewohnheiten meines Nachtlebens.

Da ich mich nun daran erinnere, wie sie statuenhaft, ich sehe sie immer nur schwarz, dastand und sich plötzlich über einen Text von mir beugte, an dem ich verzweifelte, der mich zweifeln ließ und diese alles zerfressenden Zweifel wohl kennend, an mir erkennend versicherte sie mir, als wäre sie die einzige Stimme, auf die es ankäme, dass ich weiterschreiben solle, worauf ich sofort von Zuversicht erfasst wurde, ohne eine Begründung oder Erklärung zu vermissen, denn ich war versichert, solange ich eben weiter schrieb, denke ich mir, ihrem Vortrag lauschend, dem ich trotz seiner Komplexität gut folgen kann, da sich die Bewegungen der Sätze in meinem Körper fortsetzen, die Wörter auf und unter der Haut und in allen Gliedmaßen ihren Ort finden und mich so in ein sonores Wachsein, Dasein überführen, das mich den Schweiß an den Händen und unter den Achseln spüren lässt.

Ich ziehe den Pullover aus, als Erster und Einziger, wie ich bemerke, und beginne unter dem sich verstärkenden Eindruck ihres Textes die Gesichter der anderen zu betrachten, vor allem einer mir zur Natur gewordenen Gewohnheit folgend die Gesichter der Frauen, die ich aufmerksam dem nasalen Singsang der Vorlesenden folgend mit dem ganzen Repertoire meiner üblichen Fragen bestürme, deren Gesichtswinkel ich mit meinen Blicken durchforsche, um schließlich früher oder später abzufallen oder, falls sich mein Staunen noch nicht erschöpft, sich noch nicht mit ihrem Anblick bis zur Sättigung vollgesogen hat, immer wieder zu ihnen zurückzukehren.

Während ich meinen Kopf gerade an die Glaswand lehne, die den Innenraum vom Vorraum möglichst durchlässig abtrennt, in dem alle jene stehen, die keinen Sitzplatz mehr bekommen haben und dabei die große, mit Ausdünstungen gesättigte Hitze auf mir lasten spüre und angespannt auf die Worte der Schriftstellerin horche, denke ich, dass ich die Schranken durchbrechen, die Grenzwälle überspringen, gegen die Mauer vorgehen, sie anrempeln, einrempeln und niederbrechen muss und die alles vergrauenden Raster meiner Wahrnehmung zerbrechen, die eingeschliffenen Wege meines Denkens abbrechen muss. ALLES AUFMACHEN, ÖFFNEN, ENTGRENZEN durchströmt es, überströmt es mich in diesem Augenblick in der Lesung sitzend, dem noch unveröffentlichten Text hingegeben. DAS UNVEREINBARE ZULASSEN, rufe ich mir zu, ist die einzige Möglichkeit, die letzte Rettung, um aus meiner völligen Lebensverwirrung herauszufinden, so wie ich gestern Abend, als ich mit K. nackt im Bett lag, plötzlich am Vormittag SPRING STREET entlangging und ich zu K. sagte, ich gehe jetzt gerade SPRING STREET entlang, worauf sie verlegen lächelte und mich mit fragendem Blick ansah.

Seit ich zum ersten Mal etwas von der Dichterin, die soeben das erste längere Fragment zu Ende gelesen hat und nun aus dem Manuskriptpaket, das sie mitgeschleppt hat, ein weiteres mit Heftklammern abgeheftetes Papierbüschel hervorzieht und sogleich wieder mit ihrer schleppenden Intonation zu sprechen beginnt, seit ich also den ersten Text von ihr gehört oder gelesen, wahrscheinlich gelesen habe, war sie mir seltsam fremd, fand ich ihre Literatur auch sofort anziehend, wie etwas, in das ich immer von neuem eintreten konnte, ohne je zu wissen, was ich vorfinden, wie ich daraus wieder hervorgehen würde, was mich zugleich auch davon abhielt, längere Texte von ihr zu lesen, mit einer einzigen Ausnahme, einem Reisebuch, das ich angelesen weglegen musste und später einer befreundeten Koreanerin geliehen habe, und die, obwohl wir uns schon einige Zeit kannten und sie mir auch einmal das Amulett eines koreanischen Tanzgottes geschenkt hatte, tatsächlich aus Wien abreiste, um endgültig in ihr Land zurückzukehren, und ohne sich zu verabschieden das Buch mitnahm, sodass ich seither, sobald mir die über den Text gebeugte und konzentriert lesende Autorin einfällt, sofort an mein verlorengegangenes, fast ungelesenes Lieblingsbuch denken muss, das nachzukaufen ich mich die ganzen Jahre geweigert habe, da ich immer noch hoffe, eines Tages das abgereiste oder sonst wohin gelangte Buch von der, wie schon erwähnt, befreundeten Koreanerin zurückzubekommen.

Ich habe den Band auch schon auf dem Verkaufstisch im Vorraum liegen gesehen, in den ich jetzt von der schwülen Luft ermattet, mit der Stirn an der Glasscheibe schaue und mich erneut am Anblick einer jungen, ganz in Schwarz gekleideten Frau festsauge, die kaum zwei Armlängen von mir entfernt, aber noch hinter der Glaswand steht. Meine Augen auf ihrem blonden, stark gelockten und gekräuselten Haar und immer wieder auf der hellen, als hätten meine Finger sie schon gefühlt, weichen Haut, die sich rein und blass über ihr Gesicht spannt, aus dem mir ihre Züge, wie von einer Hand vorgezeichnet, in einer Klarheit entgegentreten, die durch die ovalen, nicht allzu großen, in schmale Goldrähmchen gefassten Brillengläser verstärkt wird, die auf ihrer behutsam nach oben geschwungenen Nase sitzen. Während ich inmitten schweigender, schwitzender Zuhörer sitze und versuche dem mich weckenden, zusehends intensivierenden Text zu folgen und gleichzeitig, die Schläfe an die gläserne Trennwand gepresst, voller Neugier die junge Dame in Schwarz betrachte, wobei ich mich, wie immer, wenn mein Interesse geweckt ist, frage, was diesen Mensch wohl bewogen hat, hierher zu kommen, und darauf mein Blick auf ihre blassroten Hände fallen, die völlig schmucklos, aber, wie ich denken muss, ebenmäßig sind und sich gegenseitig auf dem schwarzen, gerippten Stoff ihres Rockes liegend halten, der sich einem biegsamen Blatt gleich um ihre Hüfte legt, schließlich in einem gespannten Schlauch den Füßen zufällt, um kurz oberhalb der von schmalen schwarzen Schnürstiefeln überdeckten Knöcheln innezuhalten. Indes ich auf das äußerste konzentriert in diesem Raum, von meiner Umgebung völlig angezogen, aufgesogen und dennoch auf eine Weise distanziert sitze und mir vorstelle, dass ich die Mauern einbreche, DIE MAUERN REISS ICH NIEDER, und sich das Gefühl dieses Ausbruchs, der ein Anbruch, ein Aufbruch ist, in mir ausbreitet und ich mir denke, dass ich von nun an in allen meinen Sprachen gleichzeitig sprechen, an allen Orten und in allen Zeiten gleichzeitig sein werde, ohne Brüche zu kitten, dass ich mich nicht mehr mit Unmöglichkeiten aufhalten, dass ich nicht mehr den Widersprüchen widersprechen werde, dass ich alles in mir in Fluss lassen werde, dass ich diese Lektion gelernt habe, da spüre ich, wie mein Denken und Empfinden in Bewegung kommen, sich die Sprache anspinnt, fortspult und fortsprudelt, weil alles möglich ist und aus dieser Gewissheit sich ein Faden formt, den ich jetzt zu fassen bekomme und dessen vorderes Ende ich bang festhalte, denn selbstverständlich habe ich kein Notizbuch bei mir und nehme deshalb die Vorderseite eines Kinoprogramms zur Hilfe, das ich eingesteckt habe und das zum Glück zur Hälfte unbedruckt ist und sich jetzt schon mit den ersten ungelenken Stichwörtern füllt, bräuchte einen Gedankendrucker, bin plötzlich voller Sorge, ob ich diesen Impuls, diesen Rhythmus und Zusammenhang ins Nachher, über das Ende der Lesung hinaus aufs Papier retten werde können.

Während in meinem Kopf die Erzählung sich verfertigend läuft und den Gehirnkörper angenehm durchpulst, GEHIRNKÖRPER hingekritzelt zwischen die beiden blauen Balken am unteren Ende des Programms, das den BLICK DES ODYSSEUS ankündigt, den ich schon in Paris in einem tief unter der Erde liegenden Kino gesehen habe, wo mich die Langsamkeit und das unbeirrte Fortströmen des Filmes erfasste und mit sich forttrug durch mir gänzlich fremde Sprachen und Länder, über jegliche Grenzen hinweg, sodass ich am Schluss nicht mehr wusste, wo ich mich und unter welchen Umständen aufhielt, ob ich diesen Raum in Wien, Sevilla, Bregenz oder New York betreten hatte oder ob ich mich am Ende mit den Schauspielern in Sarajewo befand, was aber völlig unmöglich war, da jene Vorarlberger Freundin, die seit Monaten in Paris lebte und die zu besuchen ich eigens in die französische Hauptstadt gefahren war, ja neben mir saß und ich mich dem zur Folge nicht fortbewegt, aus Paris hinausbegeben haben konnte, obwohl ich spürte, wie mich der Rhythmus der Bilder, des Bootes, des Flusses, der ausgebrannten Häuser, immer noch in einer Schwebe hielt und trug so wie die soeben verklingende Stimme der von mir so sehr geschätzten Dichterin, die nun das letzte Fragment, wie sie ankündigt, aus dem Wust an Manuskripten hervorzieht und die Klammer mit bedächtiger Hand lösend zu sprechen beginnt, als mein Blick, da ich den Kopf erneut zum Glas kippen lasse, wieder auf die junge Frau mit der schwarzen Lederjacke und dem langen schwarzen Rock fällt, die inzwischen bemerkt hat, dass ich sie genau betrachte und mir geradewegs mit einem längeren Blick begegnet, der trotz seiner scheinbaren Unbewegtheit auf halbem Weg zwischen Ablehnung, Gleichgültigkeit und Interesse pendelt und changierend immer wieder eine dieser Facetten aufleuchten lässt, schließlich aber erstarrt, was mich aber nicht davon abhält, mich zu fragen, ob sie gerne liest und ob sie einen Freund oder Liebhaber hat, dann erneut auf ihre Hände, die ebenmäßig geformten, schaue, denen etwas zu fehlen scheint, als würden sie noch etwas erwarten, und mich dieser Anblick in immer tiefere Unruhe versetzt, ich von diesem Ungewissen gepackt werde, der samtig gespannten Nähe eines ungeheuren frohen Fremden, das voran liegt und doch gewiss ist, und ich mir eingestehen muss, dass meine Konzentration auf den Text des letzten Fragments nun doch schon etwas nachgelassen hat, weshalb ich mir schweißgebadet und nach Atem ringend mit einem Fuß zwischen den beiden unter mir sitzenden Frauen einen Durchschlupf suche und mit meinem ganzen Zeug unter den Armen hinabsteige, mich mit der immer leiser und ferner klingenden Stimme der Autorin im Ohr durch die den Vorraum anfüllende Menschenansammlung schlängle und zwänge, da ich denke, dass ich die junge Frau, DIESE JUNGE FRAU MÖCHTE ICH NICHT KENNENLERNEN, und schließlich der komplett aufgebrauchten Luft entkommend in die kühle Aprilluft trete.(DER STANDARD, Printausgabe, 14.-16. 8. 2009) 

Im Rahmen der Festwochen Gmunden findet vom 20. bis 23. 8. ein "Fest für Friederike Mayröcker" statt.

Udo Kawasser, geb. 1965 am Bodensee, lebt in Wien. Dichter, Tänzer und Übersetzer lateinamerikan. Literatur. Bei Ritter erschien 2007 "Einbruch der Landschaft. Zürich - Havanna".

  • ... seit ich also den ersten Text von ihr gehört oder gelesen,
wahrscheinlich gelesen habe, war sie mir seltsam fremd, fand ich ihre
Literatur auch sofort anziehend, wie etwas, in das ich immer von neuem
eintreten konnte, ohne je zu wissen, was ich vorfinden würde ...
    bild: toppress austria

    ... seit ich also den ersten Text von ihr gehört oder gelesen, wahrscheinlich gelesen habe, war sie mir seltsam fremd, fand ich ihre Literatur auch sofort anziehend, wie etwas, in das ich immer von neuem eintreten konnte, ohne je zu wissen, was ich vorfinden würde ...

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