Nein, ich war nicht bereit

14. August 2009, 18:39

Ursula Mooser empfand ihr neues Leben als Mutter zu Hause zunächst als Leben in einer Folterkammer - Ihre Geschichte hat dennoch ein gutes Ende

"Sind sie bereit, sich vierundzwanzig Stunden pro Tag der Pflege eines anderen Menschen zu widmen?" - ideologisch gefärbtes Geplappere, dachte ich mir, als ich
wenige Tage vor der Geburt meiner Tochter in einschlägiger Lektüre blätterte. Nein, ich war nicht bereit, wollte es auch nicht sein, weil ich Kindererziehung nicht bloß als Mamasache sehe, konnte es gar nicht sein, hatte ich zuvor viele Jahre kaum mit Kindern zu tun, niemals einen Säugling auch nur gehalten. Ich hatte mich an ein bequemes Leben mit Partner und Job, der viel freie Zeiteinteilung ermöglicht, gewöhnt, und auf einmal war nichts mehr wie vorher.
Zum Glück, kann ich heute sagen, konnte ich mir nicht vorstellen, was da auf mich zukommen würde: Nach einer schweren Geburt selbst mehrere Wochen pflegebedürftig, nach Stillen und Wickeln im Zwei-Stunden-Takt (als stillende Mama war ich tatsächlich vierundzwanzig Stunden pro Tag gefordert - würde ich übrigens kein zweites Mal machen), nach nicht enden wollenden Verwandtenbesuchen, permanentem Schlafentzug, völlig überfordert im Umgang mit einem Säugling, empfand ich mein neues Leben als Mutter zu Hause zunächst als Leben in einer Folterkammer. Dass ich das erste Jahr überhaupt geschafft habe, verdanke ich der Unterstützung meines Partners und einer Psychotherapeutin, die erkannt haben, dass ich, nachdem ich körperlich wieder auf den Beinen war, auch seelisch erkrankt war und Hilfe brauchte. 

Geld

Finanziell gesehen zähle ich, wenn ich mich in meinem Freundinnenkreis (v.a. unter selbständig Erwerbstätigen) so umsehe, zu jenen Frauen, die auf der Sonnenseite des Sozialsystems gelandet sind: unbefristetes Dienstverhältnis zur Stadt Wien, selbstgewählte dreimonatige Karenzzeit, danach Elternteilzeit bis zum 3. Lebensjahr meiner Tochter, Wahl der Variante18 Monate Kindergeldbezug, daneben Arbeit bis zur Zuverdienstgrenze. Nach Ende der kurzen
Karenzzeit verdiente ich genauso viel oder wenig wie früher, heute verdiene ich etwa 2/3 meines früheren Einkommens und werde von meinem Partner finanziell unterstützt. Jeder bezahlt im Verhältnis seines Einkommens, in unserem Fall übernimmt mein Partner etwa 3/5 aller Ausgaben, die unsere Tochter und den gemeinsamen Haushalt betreffen. Was die staatliche finanzielle Absicherung, rechtliche Informationen rund um Geburt und Zeit danach betrifft, fühlte ich mich insgesamt gut versorgt, empfand auch keinerlei bürokratische Hürden und konnte sogar die meisten Amtswege elektronisch erledigen.

Veränderungen

Wirklich große Überraschungen gab es - neben der gewaltigen Veränderung des sich neu etablierenden Familienlebens mit gänzlich neuen Beziehungsmustern und dem Erfordernis eines komplett neuen Zeitmanagements - auch in vielen Situationen des Alltags. Neue Erfahrungen jenseits meiner Vorstellungskraft waren etwa
- dass ein Spaziergang im Park (oder besser gesagt die Arbeit, die nötig ist, bis man es in den Park geschafft hat) mit einem Säugling tatsächlich Schwerstarbeit ist. Kommentare wie "na so lässt sich´s leben..." von PassantInnen sind da nicht unbedingt immer hilfreich.

Dass ein Papa, der ein Kind auch wickelt oder sich Urlaub nimmt, damit die Mama arbeiten kann, immer noch so oft dafür ausdrücklich gelobt wird, empfinde ich im Jahr 2009 als gesellschaftspolitischen Misserfolg oder zumindest ein bisschen unfair gegenüber daneben mindestens genauso pflegeaktiven, arbeitenden Mamas. Auch wunderte ich mich über die fehlende Solidarität von Frauen aus meiner Elterngeneration gegenüber neuen Formen der Familienorganisation, Kommentare wie "Lasst das Kind doch noch zu Hause", "Karrieremütter wollen heutzutage alles" waren eher kontraproduktiv.

Betreuung

Die Betreuung unserer inzwischen zweijährigen Tochter organisierte ich so, dass im ersten Jahr eine Babysitterin regelmäßig nach Hause kam, ab dem Alter von 13 Monaten  besuchte unsere Tochter zusätzlich an drei Vormittagen pro Woche eine Kleinkindergruppe. Das Betreuungsangebot in meiner Wohngegend (Wien Alsergrund) fand ich gut, die Qualität der Betreuung (ich sah mir 3 Krippen an) hingegen sehr unterschiedlich. Mit der Wahl der Betreuung meiner Tochter bin ich mehr als zufrieden, von den hochqualifizierten BetreuerInnen (hier gibt´s tatsächlich auch einen Betreuer) lernte und lerne ich enorm viel im Umgang mit meiner Tochter. Dass ich möglichst bald wieder arbeiten wollte, war mir immer klar. Auf der einen Seite bedeutet mir mein Beruf und finanzielle Unabhängigkeit sehr viel, ich war überglücklich, nach drei Monaten Karenzzeit wieder in bekannten Strukturen zu wirken, andererseits bin ich über jede gewonnene Stunde, die ich mit meiner Tochter erlebe, glücklich. Die Frage, ob ich das für mich geeignete Modell (18 Monate Kindergeldbezug und Elternteilzeit) meinen Freundinnen empfehlen würde, kann ich nicht wirklich beantworten, weil die beruflichen und privaten Ausgangspositionen sehr unterschiedlich sind. Da jede Geburt und jedes Kind so einzigartig sind, würde ich mich, angenommen ich müsste mich erneut entscheiden, jedenfalls erst so spät wie möglich auf eines der angebotenen Modelle
festlegen.

Dass meine Geschichte trotz meiner Erkrankung ein gutes Ende hat, liegt zum großen Teil an einem Papa, der sich bei der Baby- und Mamapflege neben seiner Arbeit sehr gut geschlagen hat, einer gewiss privilegierten sozialen und finanziellen Ausgangslage sowie guter Infrastruktur bei der Kinderbetreuung. (Ursula Mooser, dieStandard.at 14.9.2009)

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    "Dass meine Geschichte trotz meiner Erkrankung ein gutes Ende hat, liegt zum großen Teil an einem Papa, der sich bei der Baby- und Mamapflege neben seiner Arbeit sehr gut geschlagen hat", so Ursula Mooser.

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