Puerto Rico zwischen Stolz und Scham

13. August 2009, 22:57
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Die Wahl Sotomayors in das US-Höchstgericht wurde auf der karibischen US-Insel sehr unterschiedlich aufgenommen

Während ein großer Teil der Puerto-Ricaner vom Weg der Latina Sonia Sotomayor bis ins US-Höchstgericht begeistert ist, beklagen andere Abhängigkeit von der und Bevormundung durch die Regierung in Washington.

San Juan/Wien – "Enthusiastische Begeisterung" registrierte die puerto-ricanische Zeitung El Nuevo Día nach der Aufnahme von Sonia Sotomayor ins US-Höchstgericht. Und für das Blatt El Vocero war die Ernennung der Juristin mit Wurzeln in Puerto Rico eine "Quelle des Stolzes für die mit den USA assoziierten Inseln" .

Offenbar sehen es aber nicht alle so. Die 1954 als Tochter puerto-ricanischer Eltern in Manhattan geborene und in der Bronx aufgewachsene Juristin sei eine "Nuyorican" und keine "Boricua" , wie sich Inselbewohnerinnen selbst nennen, heißt es in Postings. "Auf diese Richterin sind wir hier nicht stolz" , schreibt Posterin Sylvia Torres, Sotomayor gehöre zu "den anderen" , die, wie Babys, "nicht ohne das Saugfläschchen und das Klistier der rassistischen Gringos leben können" .

Gegen solche Ausfälle kam sogleich das Argument, dass viele Puerto-Ricaner ohne die reichlich strömende Sozialhilfe aus den USA schon längst verhungert wären. In diesen Reaktionen spiegelt sich das gesamte politische Spektrum des östlich der Dominikanischen Republik und 2000 Kilometer von der Küste Floridas liegenden Archipels, dessen Staatsoberhaupt Barack Obama heißt. Mit 9000 Quadratkilometern etwas kleiner als Kärnten, ist Puerto Rico mit knapp vier Millionen Einwohnern aber zehn Mal so dicht besiedelt.

1493 von Christoph Kolumbus für die spanische Krone erobert, ging Puerto Rico im spanisch-amerikanischen Krieg – wie Kuba – 1898 an die USA. Während Kuba (bis auf den Militärstützpunkt Guantánamo Bay) unabhängig wurde, blieb Puerto Rico im US-Besitz. Dagegen trat eine Unabhängigkeitsbewegung auf, die 1954 im Kongress in Washington bei einer Schießerei fünf Abgeordnete verletzte. Zuletzt wurde 2005 mit Filiberto Ojeda Ríos ein für die Unabhängigkeit kämpfender Rebell von US-Polizisten getötet.

Wiederkehrende Spannungen

Seit 1952 ist Puerto Rico ein mit den USA assoziierter Freistaat, ein "nichtinkorporiertes" US-Außengebiet. Die Inselbewohner, die ihren eigenen Gouverneur (nicht aber den US-Präsidenten) wählen, sind US-Bürger, ihre Währung ist der Dollar; sie zahlen aber keine US-Einkommenssteuer. Hunderttausende Puerto-Ricaner haben diese Situation genutzt, um zumindest zeitweise in New York und anderen Städten der USA zu arbeiten.

Trotzdem gab es immer wieder Spannungen mit Washington. 1999 ging es dabei um Vieques, eine Insel des Atolls, auf der die US-Marine eine Basis für Bombardierungsübungen hatte. Als bei einem Unfall ein Einheimischer starb, forderten die Insulaner die Sperre des Geländes, die sie 2003 auch erreichten.

Gewaltfreie Anhänger der puerto-ricanischen Unabhängigkeit haben schon mehrfach (1951, 1967 und 1999) in Referenden die Loslösung von den USA verlangt, blieben aber jedes Mal deutlich in der Minderheit.

Ähnlichen Status wie Puerto Rico haben in der Karibik die amerikanischen Virgin Islands und das Eiland Navassa vor Haiti. Das US-Magazin Newsweek bezeichnete solche US-Inseln, wie auch Guam im Pazifik, kürzlich als "Überbleibsel imperialer Besitzungen" .

Der seit Jänner 2009 amtierende neue Gouverneur von Puerto Rico, Luis G. Fortuño, hat einen anderen Plan: Der 49-jährige, den Republikanern nahestehende Jurist, will die Inkorporierung Puerto Ricos als 51. Bundesstaat der USA. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2009)

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    Angelobt: Sonia Sotomayor mit Bruder Juan, Mutter Celina.

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  • Wie in der Karibik, so sind auch im Pazifik zwischen den Philippinen und Hawaii etliche Inseln in verschiedener Weise den USA zugehörig. Guam, die Nördlichen Marianen und das südlich von Palmyra gelegene Samoa haben einen Status wie Puerto Rico. Die Marshall-Inseln sind souverän und mit den USA frei assoziiert. Palmyra (einst in Privatbesitz) und Wake sind US-verwaltete Territorien.
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    Wie in der Karibik, so sind auch im Pazifik zwischen den Philippinen und Hawaii etliche Inseln in verschiedener Weise den USA zugehörig. Guam, die Nördlichen Marianen und das südlich von Palmyra gelegene Samoa haben einen Status wie Puerto Rico. Die Marshall-Inseln sind souverän und mit den USA frei assoziiert. Palmyra (einst in Privatbesitz) und Wake sind US-verwaltete Territorien.

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