"Vielseitig zu sein ist doch wunderbar"

13. August 2009, 18:51
4 Postings

Roland Schwarzl deckt als Zehnkämpfer prinzipiell alle Leichtathletik-Übungen ab. Fritz Neumann stellte Schwarzl mehr als zehn Fragen.

Standard: Worauf kommt es an, nicht im Leben, sondern, wenn wir die zehn Disziplinen der Reihe nach durchgehen, im 100-m-Lauf?

Schwarzl: Durch meine Länge hab ich ein Startproblem. Wenn ich in Tritt komme, bin ich sauschnell auf den letzten vierzig Metern.

Standard: Beim Weitsprung?

Schwarzl: Ich baue im Anlauf Geschwindigkeit auf, die ich dann in Weite umzusetzen versuche. Hier sind meine zwei Meter ein Vorteil, wobei man, wenn man so groß ist, erst schauen muss, dass man die Füße nach vorn bringt.

Standard: Beim Kugelstoßen?

Schwarzl: Schaut leicht aus, ist aber schwierig. Ein Kraftakt mit vielen Finessen. Man muss in einem ganz kurzen Moment explosiv sein.

Standard: Beim Hochsprung?

Schwarzl: Nicht meine stärkste Disziplin. Das Gefühl, in der Luft zu sein, taugt mir aber sehr. In der Kurve senkt man den Schwerpunkt, dann setzt man abrupt den Fuß hin und den Vorwärtsdrall in Höhe um. So wie es einen Motorradfahrer in der Kurve überschlägt, wenn sein Vorderrad greift.

Standard: 400-m-Lauf?

Schwarzl: Ist zach. Es geht um die Einteilung. Die Strategie schaut etwa so aus: erste 50 Meter Vollgas, zweite 50 Meter Rhythmus finden, zweite 100 Meter mit rund 90 Prozent, dritte 100 Meter gut durch die Kurve, vierte 100 Meter beten, dass man gut ins Ziel kommt.

Standard: Wie schwierig ist es, in der Nacht zwischen den beiden Wettkampftagen Schlaf zu finden?

Schwarzl: Ich schlaf meistens recht problemlos sechs bis sieben Stunden. Wichtig ist es nur, nach dem 400er so schnell wie möglich zu essen und massiert zu werden.

Standard: Tag zwei beginnt mit dem Hürdensprint.

Schwarzl: Der ist spaßig. Ich versuche, schnell in meinen Rhythmus zu kommen. Zwischen den Hürden links-rechts-links. Ich spring also immer links ab, wie auch im Hoch- oder Weitsprung. Hürdensprint ist wie ein Slalom erst mit der Ziel- linie vorbei. Du musst voll konzentriert bleiben, auch wenn du nach der siebenten Hürde schon das Ziel sehen kannst.

Standard: Diskuswurf?

Schwarzl: Schwierig ist die Orientierung im Ring. Auf Geschwindigkeit kommen, die Bewegung am Ende rasch abschließen, in einen bestimmten Sektor reinwerfen.

Standard: Stabhochsprung?

Schwarzl: Die schwierigste Diszi-plin überhaupt. Riskant, auch weil der Stab brechen kann. Eine gute Disziplin von mir, ich hab eine solide Technik, hab's mit 14 zum ersten Mal probiert. Wenn man den Stabhochsprung hinter sich hat, sollte nicht mehr viel passieren.

Standard: Speerwurf?

Schwarzl: Den find ich im Vergleich mit den anderen Wurfdisziplinen eher easy. Man ist halt schon recht müde, muss sehr schnell anlaufen, ganz abrupt abbremsen und gleichzeitig werfen. Das Problem: Da gibt's eine Linie, die man nicht übertreten darf.

Standard: Last, but not least: die 1500 Meter.

Schwarzl: Man schaut, was noch drinnen steckt im Körper. Wenn man fit ist, ist der 1500er eine Kopfsache. Wenn man nicht fit ist, ist er eine einzige Qual.

Standard: Spezialisten bestreiten mehr Wettkämpfe, verdienen mehr Geld. Wieso sind Sie Zehnkämpfer?

Schwarzl: Vielseitig zu sein ist doch wunderbar. Ich hab auch Basketball, Fußball und Tennis gespielt. Mit 15 war ich beim Meeting in Götzis zuschauen, das war faszinierend. Ich wär vielleicht auch für den Weitsprung oder den Hürdenlauf prädestiniert. Aber ich brauche die größere Challenge.

Standard: Auf wie viele Meetings im Jahr kommt ein Zehnkämpfer?

Schwarzl: Auf maximal fünf, aber oft sind's auch nur drei. Ein guter Athlet kann 5000 bis 10.000 Euro Preisgeld im Jahr verdienen. Aber wegen des Geldes tut man sich das sowieso nicht an. Bei den Sponsoren sieht's derzeit auch düster aus. Was ich zum Leben brauche, krieg ich vom Bundesheer, von der Sporthilfe und aus der Spitzensportförderung.

Standard: Sie waren 2004 Olympia-Zehnter, 2005 im Siebenkampf EM-Dritter. Ihr Ziel war eine Olympiamedaille 2008. Dann waren Sie oft verletzt, für Peking nicht qualifiziert. Jetzt steht auf Ihrer Home-page, Sie streben 2012 oder 2016 eine Medaille an. Realistisch?

Schwarzl: Ich glaube, ich kann 8500 Punkte schaffen, damit hat man Medaillenchancen. Das große Ziel ist es, einmal mehrere Jahre gesund durchtrainieren zu können. 2005 hab ich gedacht, ich kann alles zerreißen. Aber das Einzige, was es zerrissen hat, war mein Körper.

Standard: Wie sehr erhöht sich mit den vielen unterschiedlichen Belastungen das Verletzungsrisiko?

Schwarzl: Andere haben eine monotone Belastung, die wissen genau, warum's wann wo zwickt. Zehnkämpfer müssen die Signale erkennen, die der Körper aussendet. Und die Belastung dauert vor allem auch im Wettkampf länger. Dafür hat man mehr Abwechslung.

Standard: Wie trainiert man Zehnkampf? Doch wohl nicht jeden Tag alle zehn Disziplinen?

Schwarzl: Sicher nicht. Im Herbst, also im Aufbau, hab ich vier Krafteinheiten pro Woche, dazu jeden Tag eineinhalb Stunden Grundlagenausdauer mit Laufen oder Radfahren. Ein paar Sprünge, ein paar Stöße vielleicht, aber insgesamt sehr wenig Techniktraining. Das nimmt erst ab Dezember zu.

Standard: Und wie viele Disziplinen üben Sie an einem Tag?

Schwarzl: Meistens zwei, maximal drei. Mehr würde das zentrale Nervensystem gar nicht verarbeiten. Ich kombiniere oft zwei Disziplinen, die auch im Wettkampf aufeinander folgen, also zum Beispiel Weitsprung und Kugelstoßen.

Standard: Haben Sie Lieblingsdisziplinen, oder kategorisiert man besser gar nicht?

Schwarzl: Jeder hat Disziplinen, in denen es ihm besser geht. Ich bin im Speerwurf und im Hochsprung nicht so gut. Das heißt aber auch, dass ich dort am meisten Steigerungspotenzial hab, was ja positiv ist. Jedenfalls gibt's keine Diszi-plin, die ich gar nicht mag.

 

ZUR PERSON:

Roland Schwarzl (28), geboren in Lienz, aufgewachsen in Kärnten, wohnhaft in Hallein. 2,00 m groß, 92 kg. Verheiratet. Bestleistungen: Zehnkampf 8102 Punkte (2004), Siebenkampf 6064 (2005).

10,98 (100 m), 7,71 (Weitsprung), 15,23 (Kugel), 2,01 (Hoch), 49,76 (400 m), 14,27 (110 m Hürden), 48,92 (Diskus), 5,20 (Stabhoch), 56,32 (Speer), 4:33,56 (1500 m)

Link

www.roland-schwarzl.com

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Laufen, stoßen, hürdeln, springen. Roland Schwarzl meint, er hätte sich auch spezialisieren können, wäre vielleicht für den Weitsprung oder den Hürdensprint prädestiniert gewesen. "Aber ich brauche die größere Challenge."

Share if you care.