Zwischen Klagenfurt und Belgrad

13. August 2009, 18:44
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Das 0:2 gegen Kamerun hat den Übermut gestoppt. Die Fußballfans durften wieder ihrer gewohnten Beschäftigung, dem Pfeifen, nachgehen

Klagenfurt - "Das geht nicht so schnell aus dem Kopf", sagte Teamchef Dietmar Constantini am Tag nach dem 0:2 gegen Kamerun. Die nächtliche Autofahrt von Klagenfurt bis Innsbruck bot Gelegenheit zur Aufarbeitung. Sie zog sich wie ein Germteig, da reichten die Gedanken für die Zeit kaum aus. Das freundschaftliche Match hätte wie ein Qualifikationsspiel bestritten werden sollen. Zitat Constantini: "Eine Qualifikation für jeden Einzelnen." Herausgekommen ist eine Disqualifikation. Nicht für jeden Einzelnen, aber doch für einige (Scharner, Garics, Ortlechner usw.). Constantini lehnte diesen Wortwitz ab, "obwohl ihn andere ruhig machen können".

Bei "Willkommen in der Realität" jauchzte er auch nicht vor Vergnügen auf. "Ich habe nie behauptet, dass alles gut ist. Aber man soll nicht wieder alles umschmeißen." Als einer, der sich "niemals abputzt und zur Verantwortung steht", sei er offen für Kritik. Auch für jene an seiner Person. Die Höflichkeit gebietet, dass man zunächst sagt: "Die Überheblichkeit von Scharner ärgert mich noch immer. Dass er danach Verantwortung übernimmt, ist eine Selbstverständlichkeit, keine Kunst."

Zur Erinnerung: Kapitän Paul Scharner hatte in der 13. Minute einen Elfer auf bewundernswert klägliche Weise vergeben. Kameruns Goalie Kameni hätte schon an der Torstange lümmeln müssen, um diesen Ball nicht zu halten. Scharner gestand sein Versagen mannhaft ein. Wie auch Verteidiger Manuel Ortlechner, der vor dem 0:1 spektakulär über die eigenen Beine gestolpert war. Ortlechner: "Klar mein Fehler."

Constantini wies auf Versäumnisse seinerseits hin. "Wahrscheinlich sollte man regeln, wer einen Elfer treten soll. Vielleicht hätte ich mich eh für Scharner entschieden." Ob er nach dem 0:1 in Serbien die Lage als zu rosig beurteilt und somit den Übermut, auch jenen der Öffentlichkeit, gefördert hat? "Nein. Kann sein, dass es so rübergekommen ist. Aber die Leistung war ja gut. Gegen Kamerun war sie eindeutig schlecht. Ängstlich, schwach im Zweikampf. Ich verstehe die Pfiffe der Fans. Die Wahrheit liegt in der Mitte zwischen Klagenfurt und Belgrad. Man muss die Leute starkreden."

Constantini fügte hinzu, "dass zu viel Selbstbewusstsein genauso schlecht ist wie zu wenig". Stefan Maierhofer ist der Sondergruppe "Viel zu viel Selbstvertrauen" oder auch "Realitätsverweigerung" zuzuordnen. Doch ausgerechnet Maierhofer, der bei Rapid durch Undiszipliniertheiten und technische Grobheiten auffällt, wird vom Teamchef in Schutz genommen. "Er ist wenigstens ein Wilder."

Was noch gesagt werden muss: "Legionäre sind nicht automatisch besser, weil sie bei besseren Vereinen spielen." "Die Alten, die Junge führen sollen, machen fast mehr Patzer." Für seine Verhältnisse hat Constantini konservativ aufgestellt. Debütant Christopher Trimmel gehörte nicht der Startformation an. "Muss ich jedes Mal einen Jungen reinhauen?" Zum Positiven: Der ÖFB hat für ein Waisenprojekt in Kamerun 2000 Euro gespendet (education-obala.org).

Am 5. September kommen die Färöer nach Graz, vier Tage später lädt Rumänien nach Bukarest. Die vergeigte WM-Qualifikation wird fortgesetzt, das Team ist zehn Tage beisammen. Scharner ist gegen die Färöer gesperrt, kann sein, dass Constantini auf ihn überhaupt verzichtet. "Nicht so wichtig, wer die Schleife trägt." Die Färöer sind Außenseiter. Constantini: "Mit dieser Situation müssen wir erst umgehen können." Weil Graz doch ziemlich nahe bei Klagenfurt liegt. (Christian Hackl; DER STANDARD Printausgabe 14. August 2009)

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    Man soll sich nichts vormachen: ÖFB-Kicker verlassen oft so das Feld. Das traurige Trio wird von Prödl angeführt, ihm folgen Leitgeb, Dragovic und Maierhofer.

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