Wiedersehen mit dem Landhaus der Triebe

13. August 2009, 18:03
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Ein Glanzstück: Wiederaufnahme von Claus Guths düster-poetischer Inszenierung

Salzburg - Vorbei die Phase der Opernpremieren - Salzburg überlässt quasi seiner stattlichen Konzertleiste ein wenig den Vortritt (am Montag hat auch die Netrebko ihren Abend) und sucht mit Wiederaufnahmen über die Opernrunden zu kommen. Von nachlassendem Niveau mag man allerdings nicht sprechen - im Gegenteil: Ist Claus Guths Version von "Le nozze di Figaro" zwar ein Überbleibsel aus dem Mozart-Jahr 2006, das auch schon 2007 wiederkam, so erwies sich diese düster-poetische Inszenierung nun bei ihrem dritten Salzburger Auftritt - im Vergleich zu einigen Neuproduktionen - als wahres Glanzstück des Festspielsommers 2009.

Natürlich hat man sich ein wenig sattgesehen an der Engelsfigur (elegant und verspielt Uli Kirsch), die hier ein Landhaus heimsucht und den Figuren reichlich Triebstau einhaucht, der mitunter zu chaotischen Jede(r)-will-jeden-Szenen führt. Schließlich hat Guth auch für seine diesjährige, halb gelungene Così-Premiere das Engelsmotiv wiedererweckt; wie er auch jene Fähigkeit Don Alfonsos, das Così-Geschehen anzuhalten oder zu lenken, bewusst vom Figaro-Engel geliehen hat.

Die Zwangshandlungen

Dennoch entfaltet diese präzise und ins Unbewusste der Figuren dringende Arbeit nach wie vor eine wundersame Sogwirkung. Klar: In der Personenführung hat sich keine Schlamperei eingeschlichen; immer noch ist etwa der Graf (grandios Gerald Finley) ein von Schuldgefühlen und Machtverlustängsten gebeutelter Unsteter, dessen erotomane Zwangshandlungen auch für komische Momente bürgen. Immer noch gibt Figaro (in jeder Hinsicht blendend Luca Pisaroni) - der kühl planende, mitunter aggressive Stratege - als Graf-Kontrast eine Menge her.

Auch den anderen Figuren kann man indes Lebendigkeit nicht absprechen, da sie Guth in ziemlich markante Situationen verwickelt. Da wäre jene hitzige Szene zwischen Gräfin (intensiv, aber etwas schrill Dorothea Röschmann), Susanna (solide Marlis Peterson) und Cherubino (klangschön Katija Dragojevic), bei der man meint, das Trio agiere schon ziemlich nahe an einem flotten Dreier. Und auch jener Moment, in dem Figaro und Graf den armen Cherubino traktieren (gar mit seinem eigenen Blut beschmieren), zeigt durch den plötzlichen Ausbruch des Archaisch-Brutalen Guths Talent, eigenwillige Ideen elegant zu implantieren, ohne den Fluss einer Geschichte zu beschädigen.

Schließlich die orchestrale Seite: Daniel Harding kommuniziert mit herb-drastischen Mitteln mit den schlüpfrigen Vorgängen der Bühne, schenkt ihnen Energie und setzt auf prägnante, kurz angebundene Phrasierung wie auch auf scharf gesetzte Akkorde. Das Verweilen im Drastischen wirkt natürlich ein bisschen einseitig und lässt erst zum Schluss hin nach; erst dort scheint der philharmonische Klang aufzutauen.

Etwas mehr Elastizität des Ausdrucks hätte denn auch gutgetan; so wirkte nur der humorige Teil der Inszenierung musikalisch beflügelt. Man kann Harding allerdings nicht absprechen, hier immerhin konsequent ein Statement abgegeben zu haben. Und dies ist in diesem Sommer der schmusig-unverbindlichen Mozart-Zugänge immerhin etwas. (Ljubiša Tosić / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15./16.8.2009)

 

16., 19., 22., 24., 29. August

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