Schmatzender Kanzlerkandidat der Herzen

13. August 2009, 17:57
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Kunst- und Kultfigur Horst Schlämmer will Kanzler werden

"Prost, Schätzelein!" Keine Frage, an diesem Wochenende wird sich Horst Schlämmer einen Schnaps genehmigen - oder gleich mehrere. Es gibt was zu Feiern in Grevenbroich - jener rheinischen Kleinstadt, die tatsächlich existiert, aber bloß wegen dieser von Komiker Hape Kerkeling ersonnenen und bis in die ungepflegten Zähne liebevoll in Szene gesetzten Kunst- und Kultfigur bekanntgeworden ist.

Aber Fakt und Fiktion können viele Deutsche ja manchmal nicht auseinanderhalten. Im Moment sind es 18 Prozent. So viele geben bei einer wahrhaft ernst gemeinten Forsa-Umfrage an, sie könnten sich vorstellen, Horst Schlämmer und seine Partei "HSP" bei der Wahl zu wählen.

Was wird erst passieren, wenn Kerkelings Film Isch kandidiere, der den Wahlkampf aufs Korn nimmt, am 20. August anläuft? Schickt die SPD Frank-Walter Steinmeier in die Wüste und kürt Schlämmer zum Spitzenkandidaten? Ganz unpassend wäre das nicht, denn Schlämmer ist einer, mit dem sich jede Menge Deutsche offenbar problemlos identifizieren können.

Auf jeden Fall hätte das (fiktive) Grevenbroicher Tageblatt seinen Aufmacher. Dort war der 51-jährige Schlämmer ja bis vor kurzem stellvertretender Chefredakteur. Bis ganz nach oben hat er es leider nicht geschafft. Der Alkohol. Die Herrenhandtasche. Der speckige Trenchcoat. Die Krankenkassa-Brille. Die ungepflegte Vokuhila-Frisur. Und natürlich:das Gebiss, das so schlecht sitzt, dass es nach jedem zweiten Satz laut schmatzt. All das war irgendwie nicht karriereförderlich.

Zu dick ist er auch, weshalb sich sein Schöpfer Kerkeling sogar eine Zeit lang von ihm abwandte und bekannte, er sei es leid, stundenlang in der Maske zu sitzen, um Schlämmer zu werden. Aber die Sehnsucht der Deutschen war zu groß. Also vergisst Schlämmer seine vielen Wehwehchen ("Isch hab Rücken, isch hab Füße") und setzt jetzt zum ganz großen Karrieresprung an. Eine "Fango-Koalition" will seine orange Partei mit den Grünen eingehen.

Das Wahlprogramm muss teuer bezahlten Strategen Tränen der Verzweiflung in die Augen treiben. Warum erst muss Schlämmer kommen, um zu erkennen, was die Deutschen wollen:Gratis-Solarium, Schönheitsoperationen auf Kassenkosten, Abschaffung der Verkehrssünder-Datei. Ein klares Profil hat er auch: "Konservativ, liberal und links." Warum man ihn (und seinen Film) trotz der gigantischen PR-Maschinerie wählen soll, ist klar: "Schlechter als die anderen bin ich auch nicht." (Birgit Baumann /DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2009)

 

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