"Das Theater ist mir weggerutscht"

13. August 2009, 17:31
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Starschauspieler Bruno Ganz gastiert am 16. August mit einer Lesung von Rilkes "Marienleben" beim Carinthischen Sommer. Im Interview erklärt er, warum er am Theater Unbehagen empfindet

Mit Bruno Ganz sprach Ronald Pohl.

Standard: Wer hat Sie dazu überredet, Rainer Maria Rilkes "Marien-leben" im Rahmen des Carinthischen Sommers vorzutragen?

Ganz: Wie oft bei musikalischen Sachen, läuft das über die beteiligten Personen. Ich bin mit der Pianistin Liese Klahn, die in Weimar die Reihe "Melos Logos" betreut, in Kontakt gekommen. Sie hat mich auf diesen Themenkomplex hingewiesen. Ihre Wahl hatte mit musikalischen Gesichtspunkten zu tun: mit Paul Hindemiths Vertonung des "Marienlebens" für Sopran und Klavier. Ich bin sehr glücklich darüber, weil ich auf diese Weise das großartige Gedicht von Rilke kennengelernt habe. Es schlug auf mich richtiggehend ein! Ich kann es sehr gut nachvollziehen.

Standard: Wirkt Rilkes Neufassung des Marien-Mythos nicht etwas aus der Zeit gefallen?

Ganz: Wenn man den Zyklus mit den Duineser Elegien vergleicht, hat das Werk etwas Kindliches und befindet sich vielleicht nicht auf derselben Höhe. Was mir an dem Gedicht gefällt: Die Bildbeschreibung am Beginn hat mit Venedig zu tun. Das sind richtiggehend Tintoretto-Bilder!

Standard: Bis heute rätseln die Gelehrten, warum sich Rilke 1912 mit dem Marien-Mythos beschäftigte. Er hält eine bemerkenswerte Distanz zu Glaubensinhalten ...

Ganz: Die Korrespondenz Rilkes mit seinem Verleger belegt, dass ihm die Thematik nicht gerade ein Uranliegen war. Die Dramatik wird allein über die Mutter vermittelt. Es dominiert die Sicht einer Mutter auf ihren Sohn. Sie ist die Hauptperson - bei allem Respekt vor diesem jungen Mann aus Nazareth! (lacht) Das Wunder hat sie vollbracht, indem sie diesen Menschen geboren hat. Das meine ich mit Kindlichkeit in der Haltung Rilkes.

Standard: Rilkes Verse verströmen einen betörenden Sound: Dieser war früher einmal das Narkotikum der gehobenen Stände. Welche Anforderungen stellt das an Sie?

Ganz: Da gab es Modewellen, ja. Und wie das so ist mit Wellen: Irgendwann wollte man diesen Sound nicht mehr hören.

Standard: Reißt Sie dieser Sound mit?

Ganz: Dieser spezifische Rilke-Ton ist - wie sagt man das heute: grenzwertig. Das hat aber auch viel mit Konvention zu tun. Oft aber ist das von einer stupenden Qualität und Musikalität. Schwer zu beschreiben.

Standard: Wann darf man Sie wieder auf der Theaterbühne bewundern? Gibt es Vorhaben?

Ganz: Nein.

Standard: Woran liegt das?

Ganz: Ich habe mich sehr weit vom Theater entfernt. Nach dem Ende der alten Berliner Schaubühne hatten es Leute wie ich etwas schwieriger mit Regisseuren. Als auch Klaus Michael Grüber anfing, nur noch Opern zu inszenieren, war er für uns Schauspieler nicht mehr zugänglich. Als ich zudem feststellen durfte, dass da eine neue Generation von Regisseuren heranwuchs - da hätte ich mich sehr opportunistisch verhalten müssen, um bei denen mitzumachen. Man wusste ja, wie dort gearbeitet wurde! Aber mich hinstellen und vier Wochen mit den Beteiligten streiten - ich kann mit den neuen Sachen nicht allzu viel anfangen. So ist mir das Theater vollkommen weggerutscht. Was mir leid tut, denn ich hätte schon Lust dazu.

Standard: Sie hätten Ideen?

Ganz: Man könnte sich selbst zu einem Monolog verhelfen: zum Beispiel Texte montieren. Aber auch das wäre eine Ersatzsache. Ich sehe im Moment kein Ensemble, keinen Regisseur, kein Vorhaben, auf die ich mich über längere Zeit einlassen würde. Manchmal erscheint es mir, als wären alle Sachen, die ich im Theater gerne gemacht hätte, nur noch im Kino möglich.

Standard: Wie kommt das?

Ganz: Die ganze Art, wie sich Theater heute verhalten: die gängige Auffassung von Theaterspielen berührt sich so gar nicht mit der meinen! Im Kino kann ich nach wie vor realisieren, was ich mir unter Schauspielerei vorstelle.

Standard: Aber die beiden Medien stellen doch grundverschiedene Anforderungen.

Ganz: Es wäre eine vollkommen sinnlose Quälerei mit dem Theater. Das geht im Moment nicht.

Standard: Sie haben Hitler, als einem vermeintlich Undarstellbaren, im Film "Der Untergang" Ihre darstellerischen Mittel geliehen. Wie wirkt diese Erfahrung nach?

Ganz: Jetzt liegt sie vollständig hinter mir. Es hat mich lange über Gebühr beschäftigt: als etwas, das mich verfolgt hat. Ich habe mich lange Zeit auf die Zweifel eingelassen: Darf man das überhaupt? Bis ich begriff, dass diese Einwände läppisch sind! Die Fragen vieler Leute an mich waren nicht ernsthaft oder redlich. Für mich ist das jetzt abgeschlossen. Es hat mir gutgetan; es hat mir dazu verholfen, dass mich Leute weltweit wahrgenommen haben. Vor allem auch solche, die selbst arbeiten.

Standard: Ihre nächsten Vorhaben?

Ganz: Ein weiterer Film mit Theo Angelopoulos. Dann habe ich einen Film in der Schweiz gemacht, nach einem Buch von Thomas Hürlimann. Ein politischer Stoff über seinen Vater, der in der Schweiz ein hohes Tier war. Ein eidgenössischer Stoff - mit lauter deutschen Schauspielern! Weiters habe ich eine Arbeit mit einer jungen Schweizerin abgedreht, ein sehr gutes Drehbuch mit eigenartigem Titel: "Satte Farben vor Schwarz" . Der wird sich, weil er poetisch ist, nicht lange halten. Sophie Heldman, ihr Debütfilm. Ich spiele darin mit Senta Berger.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15./16.8.2009)

 

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    Iffland-Ring-Träger Bruno Ganz (68) steht der zeitgenössischen Theaterszene ratlos gegenüber: "Nur im Kino kann ich realisieren, was ich mir vorstelle."

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