"Natural Reality statt Virtual Reality"

16. August 2009, 17:22
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Scheidender NHM-Generaldirektor Bernd Lötsch zur neuen Schau und etwaiger "Verstaubtheit" im Haus

Wien - Bernd Lötsch verabschiedet sich mit Jahresende als Generaldirektor des Naturhistorischen Museums (NHM) Wien: "15 Jahre sind genug", meinte der Biologe, ehemalige Galionsfigur zahlreicher Umwelt- und Naturschutzinitiativen.

Lötsch hatte bereits zu seiner Berufung vor 15 Jahren in das ehrwürdige Haus am Ring vermutet, dass er damit ruhig gestellt werden sollte. "Das ist die ehrenvollste Form der Internierung für einen Unregierbaren", sagte er damals und kann diesen Satz auch heute noch unterstreichen. Auch wenn er in Sachen Aktivismus in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten tatsächlich kürzertreten musste, seine Seele habe er auch als Museumsdirektor nicht verkauft. "Ein Sponsor Verbundkonzern (als ehemaliger "Hainburg"-Erzfeind, Anm.) wäre nie infrage gekommen", so Lötsch.

Hausoptik und Innovation

Weniger radikal ist er als Leiter des NHM. Seine Innovationen - von der Elektrifizierung bis zu Sonderausstellungen und neuen Dauerschauen - sollten stets im Einklang mit der Optik des Hauses sein, das für Lötsch zum Teil durchaus "das Museum eines Museums" ist und auch sein soll. Ein nicht unerheblicher Teil der Besucher, etwa Touristen, komme weniger wegen der Ausstellungen als vielmehr wegen des Ambientes des Hauses. Radikale Brüche, sei es auch nur ein klotziger Außen-Lift im neu renovierten Innenhof, lehnt Lötsch daher ab. Er setzt auf behutsames Vorgehen.

Wenn Kritiker ihm deswegen die "Verstaubtheit" seines Hauses vorwerfen, weist er die Vorwürfe nur zum Teil zurück. Einige Schausammlungen seien tatsächlich überarbeitungsbedürftig. Allerdings liege das nicht zuletzt an den beiden höchst unterschiedlichen Aufgaben des Museums, das im Gegensatz zu reinen Ausstellungspavillons auch wichtige wissenschaftliche Funktionen ausübt. So beherbergt das Haus zahlreiche sogenannte Typen, quasi die Belege für Erstbeschreibungen von Tier- und Pflanzenarten. In einigen Abteilungen wird exzellente Wissenschaft betrieben, während die Vitrinen in den Ausstellungsräume eher antiquiert belegt sind, Schaustück an Schaustück.

"Den Funken weitergeben wollen"

Auch liegt nicht alle Macht beim Generaldirektor: "Ich kann nicht über die einzelnen Abteilungsleiter einfach drüberfahren", sagte Lötsch. Stattdessen gelte es, mittel- und langfristig bei Neubesetzungen von wissenschaftlichen Planstellen Doppelbegabungen zu fördern, also Leute, die neben wissenschaftlichen Ambitionen auch Freude daran haben, ihre Erkenntnisse anderen Menschen mitzuteilen. Es bedürfe "beseelter Gelehrter, die den Funken auch weitergeben wollen". 

Findungskommission

Die Suche nach einem Nachfolger ist - wie berichtet - bereits angelaufen und eine Findungskommission vom Kulturministerium eingesetzt worden. Bewerbungen sind noch bis 4. September möglich. Lötsch hätte diesbezüglich auch einen Wunsch: "Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich meinen Vizedirektor Herbert Kritscher sehr schätze."

Wenn Lötsch mit Ende des Jahres als Generaldirektor nach 15 Jahren in Pension geht, war er der zweitlängst dienende Chef des Hauses an der Wiener Ringstraße. Nur Fischkundler Franz Steindachner (1834-1919) leitete das Museum länger, nämlich 21 Jahre. 

>>> Bilanz, die neue Schau und Metamorphosen Naturhistorischer Museen in Europa

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