Der Wiener Ausstellungs-Herbst im Überblick

13. August 2009, 16:20
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Impressionismus, Boeckl, Karl der Kühne, Edvard Munch, kein Hirst

Wien - Der Wiener Ausstellungsherbst lockt einem Impressionismus-Schwerpunkt, mit einer Retrospektive zu Herbert Boeckl, mit Karl dem Kühnen und dem "unheimlichen" .

Eine geplante Herbstschau der Albertina, mit Werken auch von Damien Hirst und Georg Baselitz, fiel den Depotproblemen zum Opfer, mit "Impressionismus. Wie das Licht auf die Leinwand kam" von 11. September bis 10. Jänner 2010 steht dem Haus aber wohl trotzdem eine publikumsträchtige zweite Jahreshälfte bevor. 170 Exponate, sowohl hochkarätige Werke aus der Sammlung Albertina sowie Leihgaben aus Privatbesitz und internationalen Museen entführen in die Welt der (post)impressionistischen Malerei von Courbet und Manet, Monet und Renoir bis zu van Gogh und Cezanne. Einen genaueren Einblick in den Künstleralltag bieten Malutensilien-und Behelfe, Röntgen und Infrarotaufnahmen machen die Entstehung der Werke begreifbar. Von den Sanierungsarbeiten am Speicher unbeeinflusst soll auch die erste "art albertina" sein, die am 23. September als internationale Messe der Zeichnung mit rund 30 nationalen und internationalen Galeristen und Kunsthändlern an den Start geht (bis 27.9.).

Noch bis zum 11. Oktober beherrscht Ferdinand Georg Waldmüller das Untere Belvedere und schon ab dem 21. 10. folgt die nächste Personale zu einer der zentralen Figuren der österreichischen Kunst - nach dem Biedermeier die Moderne: Die umfassende Retrospektive zu Herbert Boeckl präsentiert rund 150 Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen und Kollagen aus den Jahren 1914 bis 1964 und will dabei die stilistische Veränderungen von einer körperbetonten, pastosen Malweise zu späteren kubistischen Arbeiten aufzeigen (bis 31. Jänner).

Nebenan verwandelt sich die Orangerie vom 23. September bis zum 24. Jänner 2010 in gleich mehrere "Wiener Musterzimmer". Sechs gleiche, schachtelförmige Elemente sind gemeinsamer Rahmen: Den Ausgangspunkt bildet die Idee eines Idealraums, in dem alle Materialien, Strukturen und Farben aufeinander abgestimmt sind. Zur Gestaltung wurden Gilbert Bretterbauer, Peter Kogler, Florian Pumhösl, Gerwald Rockenschaub, Lisa Ruyter und Esther Stocker eingeladen. Im Oberen Belvedere werden unterdessen Werke von Franz Anton Maulbertsch aus den Beständen des Hauses zutage gefördert, einer der schillerndsten Wiener Malerpersönlichkeiten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (7.10. bis 17.1.).

Vom Schloss Prinz Eugens zum Burgunderfürsten des Spätmittelalters: Im KHM wird erstmals Karl dem Kühnen (1433-1477) eine Ausstellung gewidmet. Der burgundische Herrscher war für seinen Mut und seine Ritterlichkeit bekannt, sein Machtstreben bescherte ihm jedoch einen frühen Tod auf dem Schlachtfeld. Tapisserien, Textilien, Tafelbilder und Rüstungen: Anhand von Leihgaben internationaler Sammlungen, welche in Bezug zu den eigenen Beständen des Museums gestellt werden, wird dem "burgundischen Erbe" nachgegangen (15. 9. bis 10.1.).

In die Abgründe der menschlichen Seele blickt das Leopold Museum mit dem Thema der großen Herbstausstellung: "Das Unheimliche". Mit 30 Hauptwerken von Edvard Munch, aber auch Schwerpunkten auf dem britischen "Gothic Movement" sowie dem französischen und deutschen Symbolismus fragt die 150 Werke umfassende Schau nach dem Dunklen, Erschreckenden und Unerklärlichen, das Künstlern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie Ensor oder Kubin geradezu zur Obsession geworden ist (16.10. bis 18.1.). Einem Landsmann Munchs, Aksel Waldemar Johannessen widmet das Haus außerdem einen Überblick und zeigt das Hauptwerk des nahezu vergessenen expressionistischen Malers mit 40 Gemälden (30.10. bis 11.1.).

Neben dem Unheimlichen regieren im Museumsquartier schon ab dem 16. September die "Zwischenzonen". Das MUMOK zeigt unter diesem Titel Werke aus der mexikanischen "Jumex Kollektion", einer der bedeutendsten Sammlungen gesellschaftsbezogener und konzeptioneller Kunst in Lateinamerika. Die Arbeiten von 20 internationalen Künstlern bedienen sich einer großen Vielfalt künstlerischer Medien und spüren bis zum 7. März Fragen nach Identität und Zugehörigkeit, Natur, Technik und Ökonomie nach. Vor dem Museum setzt der österreichische Künstler Peter Sandbichler die Freiluft-Reihe "Out Site" mit Arbeiten zwischen Bild und Skulptur fort.

Dem Gedenkjahr '89 schließt sich die Wiener Kunsthalle mit ihrer Ausstellung "1989. Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft?" an. Der Epochenbruch, der von dem Fall der Berliner Mauer eingeleitet wurde, aber auch die Risse, die er im sozialen Gefüge hinterließ, sind Gegenstand von Arbeiten etwa Marina Ambramovics, Sophie Calles oder Harun Farockis. Den "Chiffren und Metaphern" will die Schau nachspüren, die mit dem Verfall eines Systems und einem politischen Umbruch verbunden sind - und mit Begriffen wie Bürokratie, Verrat, Überwachung, Nostalgie, Gewalt, Manipulation und Ironie (8.10. bis 7.2.).

Auf Schatzsuche in die Kindheit geht das MAK von 7. Oktober bis zum 7. Februar 2010: In der Ausstellung "Jugendschatz und Wunderscherlein" wird der Entwicklung des Kinderbuchs in Wien vom Ausgang des 19. Jahrhunderts bis 1938 nachgegangen und diese in einen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext gesetzt. Zeitgleich untersucht der Konzeptkünstler Rainer Ganahl in der MAK Galerie die historischen Figur Lenin mit Prinzipien des Dada (7.10. bis 7.3.) und ab dem 20. Oktober geht die Reihe "Künstler im Fokus" in der Schausammlung Gegenwartskunst nach Franz Graf mit Liam Gillick weiter (bis 21.3.).

Immer auf der Spur des zeitgenössischen Kunstbooms begibt sich das Essl Museum von 2. September bis 1. November auf die Reise nach Indien: "Chalo! India. Eine neue Ära indischer Kunst" legt den Fokus auf die gegenwärtige Kunstproduktion auf dem Halbkontinent, in der die großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen des Landes in den vergangenen Jahren vielfältigsten Ausdruck finden. Bereits etablierte und am internationalen Kunstmarkt heiß begehrte Künstler wie Bharti Kher und Subodh Gupta sind unter den 100 Werken ebenso vertreten wie einige der zahlreichen, aufstrebenden Newcomer - "Chalo!" bedeutet aus dem Hindi übersetzt "Los geht's!"

Im Liechtenstein Museum, das ab 15. September mit einer breiten Biedermeier-Ausstellung im Moskauer Pushkin-Museum zu Gast ist, findet sich zwischen 23. Oktober und 12. Jänner 2010 zartes Porzellan und fragiles Glas in einer Sonderausstellung zu zwei Wiener Privatsammlungen in der klassizistischen Bibliothek. Mit Werken aus der Sammlung der Unicredit Group bestreitet das Kunstforum zwischen 16. Oktober und 10. Jänner trotz des andauernden Umbaus eine Ausstellung, die neben alten Meistern und modernen Klassikern vor allem auch auf regionale Schwerpunkte in Osteuropa setzt. Den 15 Jahren zwischen 1990 und 2005 im Leben der Fotografin Annie Leibovitz widmet sich das Kunsthaus Wien mit einer Personale von 29. Oktober bis 31. Jänner. Bilder aus dem Privatleben der starerprobten Fotografin, sowie professionelle Arbeiten und Aufträge werden in der rund 200 Werke umfassenden Schau des Brooklyn Museums zusammengetragen.

Die großen Wiener Künstlervereinigungen befassen sich im Herbst mit wissenschaftlichen Themen. Mit "Evo Evo! 200 Jahre Charles Darwin. 150 Jahre Evolutionstheorie" hält das Darwin-Gedenkjahr im Künstlerhaus Einzug und thematisiert von 4. September bis 11. Oktober die kulturellen Aspekte seines Erbes - eine Gruppe internationaler Künstler "hinterfragt, kommentiert und reflektiert die verschiedenen Theorien und herrschenden Ansichten über verborgene Entwicklungsvorgänge, seltsame Zeitabläufe, Mythenbildungen und Weltmodelle". In der Secession interessiert sich die italienische Künstlerin Micol Assael für physikalische Prinzipien wie Erdung, Schwerkraft und Elektromagnetismus in ihren minimalistischen Installationen, die von 11. September bis 8. November zu sehen sind. (APA)

 

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