Ein Wettlauf der Eitelkeiten mit Schamgrenzen

13. August 2009, 16:59
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Automobile Veteranen wollen bewegt werden. Die Ötztal Classic führte zu Gletschern und auf den zweithöchsten Pass Österreichs

Wir stehen auf dem Timmelsjoch, mit 2473 Metern der zweithöchste Pass Österreichs. Es ist der zweite Tag der Ötztal Classic, ein Veteranenrennen der besonders alpinen Art. So führte die Route bereits am Vortag von Sölden hinauf bis zum Gletscherskigebiet Rettenbachferner. Die Ötztal Classic besteht wie bei Oldtimer Rallyes üblich, aus zahlreichen Gleichmäßigkeitswertungen. Sie zählt zur Österreichischen Staatsmeisterschaft, was sie schon einmal von x-beliebigen Altautotreffen deutlich abhebt.
Andererseits: Hier ist der Promidruck nicht so gewaltig wie bei der Ennstal Classic oder der Kitzbüheler Alpenrallye - sie ist sozusagen eine Wildbolz-freie Zone. Es herrscht eine erfrischende Überlagerung aus edlen und alten und schnellen und herzigen Gefährten, Gefährten im doppelten Sinn und einer heimeligen Atmosphäre. Der Wettlauf der Eitelkeiten hat hier noch Schamgrenzen.

Um die alpinen Dimensionen zurechtzurücken: Wir befinden uns tief in einem Seitental des Tiroler Inntales, dem Ötztal eben. Wichtige europäische Metropolen wie Zürich, Mailand oder München sind näher als Wien. Da ist viel Natur, aber keine Naivität - und in Sachen Wintertourismus hupft den Ötztalern sowieso niemand was vor.
Zurück in den Sommer, zu den Automobilen und Motorrädern. In einer männerdominierten Disziplin wie dem Sammeln alter Fahrzeuge und deren Fortbewegung in der Öffentlichkeit stechen Frauen naturgemäß besonders hervor, im konkreten Fall aber nicht deshalb, weil sie Frau sind, sondern weil sie etwas viel besser können als ihre männlichen Kollegen.

Karin Denkmayr zum Beispiel, mehrfache Staatsmeisterin bei historischen Motorrädern, unterwegs auf einer 125er Puch, dem legendären Motorrad mit Doppelkolben-Motor. Mit lächerlichen sechseinhalb PS klettert sie mit Ausdauer die Pässe hoch und stürzt sich mit Vehemenz wieder hinunter, ohne den betagten Zweitakter zu gefährden. Dabei verschenkt sie keine Sekunde, aber jede Menge von ihrem freundlichen Lächeln, und es wird dabei immer mehr. Sie bricht jede Eitelkeit im millionenschweren Feld der 356er-Porsches, 190er-SL-Mercedes und Jaguar E-Types.

Jenseits von jenen, die im Ötztal weltberühmt sind, wofür es sehr hilfreich sein kann, einmal Skirennläufer gewesen zu sein, ist Jutta Kleinschmidt zu erwähnen, oftmalige Paris-Dakar-Teilnehmerin und dortige Siegerin, also Vollprofi in Sachen Vollgas.

Baumeistergehege

Eingeladen wohl, als gute Freundin des Hauses „Ötztal", aber nicht „eingekauft", fuhr sie eine Rarität, aus dem Gehege eines örtlichen Bauunternehmers, die ja auch vor dem Verfall durch Herumstehen bewahrt werden muss: Jaguar C-Type, die Rennversion des XK 120 aus den frühen 50er-Jahren. Das Hundertstelsekunden-Klauben beim Gleichmäßigkeitsfahren ist nicht ganz ihre Domäne: „Rallyefahren ist viel einfacher, da brauchst du nur so schnell im Ziel zu sein, wie es geht."

Erstaunlich, wie positiv die Menschen am Straßenrand reagieren, wenn ein Stück Automobilgeschichte vorbeizieht. Es ist, als hätte es all die negativen Erfahrungen mit dem Auto, die wir inzwischen auch schon gemacht haben, nie gegeben. Das Automobil als Kulturgut wird gewissermaßen im Nachhinein gegenwärtig. Der Faktor „Zeitreise" wird noch stärker sichtbar, wenn man selber in einem alten Auto sitzt.

Das sichere Lenken eines historisch wertvollen Automobils fordert nachhaltig deine Geschicklichkeit, einen runden Fahrstil zu entwickelt dauerte eine Zeit - und auch das Ding wieder sicher zum Stehen zu bringen.

Motoren waren alles

Zum Beispiel Jaguar Mark 2, die viertürige Limousine, die von 1959 bis 1967 gebaut wurde. Der langhubige Motor hat enormes Drehmoment und Vierganggetriebe mit Overdrive. Dass Motorenbau damals alles war, lässt sich an der Charakteristik erkennen. Weniger beeindruckend aus heutiger Sicht das Fahrwerk, erstaunlich patschert die ergonomischen Verhältnisse. Das große dünne Lenkrad vermittelt eher das Gefühl zu peilen als zu lenken. Sentimentalität kommt endgültig auf, wenn das Dreiecksfenster aufgeht, das jede Klimaanlage ersetzt. Und schöner waren die Autos sowieso damals. (Rudolf Skarics/DER STANDARD/Automobil/14.8.2009)

  • Moretti auf Fiat-Basis mit rotem Helm.
    foto: rudolf skarics

    Moretti auf Fiat-Basis mit rotem Helm.

  • BMW V8, der "Barockengel", souverän auf der Geraden, sehr schräg in den Kurven und mit erheblichen Hitzeproblemen am Berg.
    foto: rudolf skarics

    BMW V8, der "Barockengel", souverän auf der Geraden, sehr schräg in den Kurven und mit erheblichen Hitzeproblemen am Berg.

  • Jutta Kleinschmidt im Jaguar C-Type, der Rennversion des XK 120.
    foto: rudolf skarics

    Jutta Kleinschmidt im Jaguar C-Type, der Rennversion des XK 120.

  • Mercedes-190-SL-Idylle.
    foto: rudolf skarics

    Mercedes-190-SL-Idylle.

  • Puch 250 mit obligater Zweitraktfahne.
    foto: rudolf skarics

    Puch 250 mit obligater Zweitraktfahne.

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