"Jetzt stehen eben die Kinder im Zentrum"

13. August 2009, 13:48

Zwillinge brauchen alles doppelt - von den Windeln bis zur Zuwendung, berichtet Brigitte Libeau-Riedl von der "Erfahrung einer neuen Liebesdimension"

Unsere Zwillinge sind jetzt 1,5 Jahre alt und wir haben mit viel Unterstützung von Dritten diese erste Zeit als wunderbar erlebt. Jedoch nicht in Österreich, sondern in Madagaskar und in Frankreich.

Meinen Beruf als UNICEF-Mitarbeiterin habe ich schon während der Schwangerschaft unterbrochen. Der Vertrag war ausgelaufen und statt eine Vertragsverlängerung anzunehmen, habe ich mich für eine ruhige Schwangerschaft und erste Jahre "bei den Kindern zu Hause" entschieden. Mein Mann hat mir diese Entscheidung völlig freigelassen, es war klar, dass, wenn ich "hauptberuflich" die Kinderbetreuung und Erziehung übernehme, er die Verantwortung für unsere finanzielle Absicherung für diese Zeit übernehmen wird.

Sechsmal stillen pro Nacht

In Madagaskar war es wunderbar, als stillende Mutter untertags Unterstützung von zwei Kindermädchen und Haushaltshilfen zu haben. Anstrengend genug war es, allein die Nächte mit sechsmal stillen zu bewältigen und ebenso die Wochenenden. Mein Mann war in der Zeit ebenso bei UNICEF engagiert und arbeitete abends bis 21/22 Uhr sowie häufig an den Wochenenden. Ein eben nicht familienfreundliches Ambiente, mit dem wir mit viel gegenseitigem Verständnis und Solidarität trotzdem gut zurechtkamen. Mein Mann hat jede freie Minute seinen Kindern gewidmet, und diese Zeit konnte er dank der Unterstützung von außen fürs Kuscheln und Spielen nützen statt beim Staubsaugen zu helfen.

In Madagaskar ebenso wie später in Frankreich hätte ich meine Karriere wieder aufnehmen können. In Frankreich ist mit Tagesmüttern und Kinderkrippen, die beide bis 20 Uhr zur Verfügung stehen, die Rückkehr ins Arbeitsleben möglich. Alle Frauen aus unserem Freundeskreis, die eine interessante Arbeit haben, freuen sich, diese nach Ablauf der Karenzzeit, also wenn das Baby 2-3 Monate alt ist, wieder aufzunehmen. Von Frauen wird in Frankreich nicht erwartet, dass diese drei Jahre warten, um ihren Beruf wieder aufzunehmen, im Gegenteil, wer länger als sechs Monate bei seinem Baby bleibt, ist schon eine Ausnahme. Ein Baby zu stillen, ist ebenso eher eine Ausnahme. Das ist eben die andre Seite der Medaille, Frau kann nicht alles tun.

Routine genießen

Und ich als Österreicherin, die in diesem Schlaraffenland an Kinderbetreuungsmöglichkeiten lebt, kette mich an die Leine oder besser gesagt an meine Kinder? Die Antwort darauf:

Ich bin sehr gern zu Hause bei den Kindern, genieße es die tägliche Routine, die ja trotzdem jeden Tag Neues hervorbringt, mit Zeit, Ruhe und Geduld zu leben. Meine Arbeit, obwohl diese sehr spannend war, fehlt mir in keiner Weise. Eher denke ich oft ans "Ausbrechen", ans Rucksackpacken und sich in den Zug setzen und verreisen, ohne eben vorher noch an Windeln, Flascherl, etc. denken zu müssen ... Das sind schöne Phantasien. 

Die Beziehung mit meinem Mann hat sich insofern verändert, dass eben jetzt die Kinder im Zentrum stehen. Uns bleiben zu zweit gemeinsame Abende, ja auch die Nächte. Seit ihrem achten Lebensmonat schlafen unsere Lieblinge im eigenen Zimmer im eigenen Bett und schlafen auch durch. 1,5 Tage die Woche gehen die beiden sehr gerne in eine öffentlich finanzierte Krabbelstube, dort spielen sie, essen und halten auch ihren Mittagsschlaf. Für mich ist das sehr entlastend, weil ich als Frau mich in dieser freien Zeit nicht um den Haushalt kümmern muss, sondern lese, Freunde treffe, Museen besuche, Musik höre oder schlafe oder was auch immer mache ...

Hilfe im Haushalt

Mein Mann arbeitet, verbringt Zeit mit seiner Familie, nimmt sich jedoch ebenso Zeit für seine Interessen. Wir haben ein normales Einkommen und leisten uns bewusst eine Putzfrau und Bügelhilfe, um in dem was alles gemacht werden muss, nicht unterzugehen. Na, ehrlich gesagt, ich erziehe gerne "hauptberuflich" unsere Kinder, hab aber nicht studiert, um die Hemden meines Mannes zu bügeln.

Ich hätte nicht gedacht, dass das Leben mit Kindern so erfüllend sein kann, ich hätte ebenso wenig gedacht, dass kurze Auszeiten von den Kindern so erholsam sein können. Ins Elternsein sind wir hineingestoßen worden. Zwei wundervoll zerknautschte Neugeborene in den Armen, die atmen, schauen, Hände, Füße haben, alles haben was einen Menschen ausmacht ... die Zeit bleibt stehen. Das Herz geht über. Und Tag für Tag wachsen wir miteinander, lernen einander kennen und einander vertrauen. Erfahrung einer neuen Liebesdimension. Beginn einer neuen Lebensphase.

Ich habe vor, bis zum dritten Lebensjahr bei den Kindern zu bleiben, und dann einer Arbeit nachzugehen, die mir erlaubt, ausreichend Zeit für die Familie zu haben. Ausreichend ist ein dehnbarer Begriff ... wenn es so weit ist, werd ich sehen, was das genau bedeutet. (Brigitte Libeau-Riedl/dieStandard.at, 13. 8. 2009)

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    Brigitte Libeau-Riedl: "Ich bin sehr gern zu Hause bei den Kindern, genieße es die tägliche Routine, die ja trotzdem jeden Tag Neues hervorbringt, mit Zeit, Ruhe und Geduld zu leben.

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