"Wir fahren eh nicht auf Urlaub"

19. August 2009, 18:40
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900 Anmeldungen gab es für die Sommer-Deutschkurse in Wien - Den Kindern macht es Spaß, Erwachsene üben leise Kritik

„He! Wem gehört der Haarreifen!“ Der Sporttrainerin merkt man an, dass ihre Stimme nicht für Telefonseelsorge geschult ist, sondern für den Hartsportplatz. In der linken Hand schwenkt sie Plastikhaarschmuck mit Blumenmuster. Ein verschwitztes Mädchen schenkt ihr eine Sekunde Aufmerksamkeit: „Der gehört sie da!“, ruft sie, und zeigt auf eine Alterskollegin im rosa T-Shirt. Die Trainerin ignoriert den Fallfehler und widmet sich der Trillerpfeife. 

Kirschbaum statt Nudelteller

Jeden Tag um die Mittagszeit ergießt sich ein 90-köpfiger Haufen buntgekleideter Kinder über das ASKÖ-Sportzentrum bei Schönbrunn. Ihr Tag ist dicht verplant: Von 9 bis 12 Uhr Deutschkurs, dann Mittagessen, um 14 Uhr beginnt das Sportprogramm. Dazwischen ist Pause. Theoretisch. Der Spaghettiteller wird meist nur flüchtig geküsst, nebenan schreit der Spielplatz. Schaukel, Kletterturm, Reckstangen und Kirschbaum biegen sich vor herabhängenden, kichernden Kindern. Nur die 13- und 14-Jährigen sitzen nach dem Essen noch unterm Sonnenschirm und sparen Energie fürs Pubertieren.

„Wir fahren eh nicht auf Urlaub“, erklären Mansura und Farida, warum sie sich Unterricht in den Ferien antun. Außerdem mache der Kurs auch irgendwie Spaß. "Ich schreibe gerne Geschichten", erzählt die 12jährige Farida. Obwohl sie erst vor zwei Jahren aus Afghanistan nach Wien kam, schreibe und lese sie nur auf Deutsch. In ihrer Muttersprache, Paschtunisch, wurde sie nie alphabetisiert: "Wo wir herkommen, gibt es keine Schule.“

900 Anmeldungen

Die zweiwöchigen Wiener Sommer-Deutschkurse namens "Sowieso!" kommen gut an: 900 Anmeldungen gab es, ein Fünftel der Kinder besuchte gleich zwei Kurse hintereinander. Je näher zum Schulbeginn, desto beliebter die Kurse: Ende August musste kurzfristig noch ein Turnus eingeschoben werden, sagt Niq Krasniqi, Bildungsbeauftragter der MA 17.

Bei der Anmeldung wird eingestuft, welcher Kurs am besten passt. Vier Stufen gibt es – je nach Alter und Vorkenntnis. Teilnehmen kann, wer in Deutsch einen 4er, 5er oder gar keine Note hat oder gerade erst nach Wien gekommen ist.

Befürchtungen, die Kinder würden hier um die verdiente Sommererholung gebracht, sind unbegründet: "Hausaufgaben? Das wäre doch gemein", sagt Pia Strauß, die für 11- bis 14-jährige Kids mit Vorkenntnissen zuständig ist. Auch Grammatik-Drill gibt es nicht. Während andere Kids im Freibad toben, sitzen die Kinder über einer Grafik namens "Im Schwimmbad" und beschreiben, was sie sehen: „Eine Frau liegt.“ Wo liegt sie? „Auf dem Rücken.“ Wo kaufen die Kinder Eis? „Im Pommes.“

Der, die, das

Insgesamt 30 Stunden haben die LehrerInnen, um die Kinder für den Schulanfang zu trimmen. Welchen Artikel hat ‚Trampolin’?“, fragt Frau Strauß. „Der Trampolin“, sagt Anton. Wie alle, die ins Deutsche nicht geboren wurden, stöhnen auch diese Kinder unter der strengen Willkür des Prinzips "Weiblich, männlich oder sächlich". „Das werden wir auch in diesen zwei Wochen nicht hinkriegen“, weiß Strauß. Sie kennt die Grenzen des Kurses - und seine Chancen: „Man merkt schon, wie die Kinder sicherer werden.“

Skeptischer sieht es die Kollegin aus dem Anfängerkurs: "Mehr als Grundkenntnisse kann ich nicht unterbringen", stöhnt Cornelia Stahl. „Wir singen Lieder und sagen Reime auf - so lernen sie Jahreszeiten und Monate.“ Und dabei bleibt es auch. „Vier Wochen Kurs wären schon besser“, glaubt Stahl.

Urlaub geht vor

Die Stadt Wien sieht das anders: Besser kürzer, dafür für möglichst viele, so die Devise. „Wir wollen den Urlaubsplänen der Familien nicht in die Quere kommen“, erklärt Krasniqi. Wer länger teilnehmen wolle, könne ja zwei Kurse hintereinander buchen. 200 Kinder besuchten diese Ein-Monats-Variante. „Drei Mal hintereinander geht aber nicht."

Drei-Staaten-Gipfel im Wohnzimmer

Was ihre Muttersprache sei? Nessie wirkt etwas ratlos. "Mein Vater kommt aus dem Libanon. Meine Mutter aus Algerien. Ich aus Österreich." Den Kurs besucht sie, "damit ich meiner Mutter zeigen kann, dass ich den Salto kann." Deutsch spricht sie jetzt schon perfekt.

Zwei Monate bei Oma

Dass "die, die es am nötigsten hätten, gar nicht mit dem Kurs in Kontakt kommen", befürchtet auch Lehrerin Strauß: In ihrer Ottakringer Hauptschule sei sie den SchülerInnen "in den Ohren gelegen, dass sie sich auch anmelden". Vergeblich. In den Sommerferien besuchen sie Oma und Opa. Und da sich die Ostanatolien-Reise mit dem Auto nur auszahlt, wenn man auch richtig lang bleibt, bekommt Wien sie zwei Monate lang nicht zu sehen. Doch Krasniqi beruhigt: „Wir erreichen immerhin 900 Kinder.“ Und für die, die im Sommer nicht da sind, werde er "eine Lösung basteln", wenn die Sowieso-Evaluierung vorliegt.

Nebenwirkung Sprache

Am Nachmittagsprogramm nimmt übrigens nur die Hälfte der Kinder teil. Obwohl es nicht primär ums Deutschlernen geht, stelle sich der Lerneffekt aber auch hier ganz von selbst ein, sagt Freizeitbetreuerin Sherif Obayeri: "Die Kinder kommen aus 50 verschiedenen Ländern. Da ist Deutsch nun einmal die einzige gemeinsame Sprache".

Wer zwei Wochen lang gemeinsam Trampolin springt, Freundschaftsbänder und Kinnhaken austauscht, bleibt oft auch danach befreundet.  Rein „serbische“ oder „türkische“ Freundschaftskreise werden so durchbrochen – und das fördert wiederum den Sprachgebrauch im Deutschen. (Maria Sterkl, derStandard.at, 19.8.2009)

Wissen

Seit heuer gibt es das Sommer-Deutschkurs-Programm "Sowieso!" für Kinder von 7 bis 14 Jahren in Wien. Im Gegensatz zum Vorgängerprojekt "sprich:sport" gibt es hier kleinere Gruppengrößen und eine stärkere Differenzierung nach Sprachkenntnissen. Heuer gab es vier zweiwöchige Kurstermine an verschiedenen Standorten (12., 15./16. und 21. Bezirk). Der Halbtagskurs kostet 20 Euro, das zweiwöchige Ganztagesangebot 50 Euro. "Sowieso!" ist ein Kooperationsprojekt von Interface, Zeit!Raum, Askö und SportUnion Wien.

Link

Sowieso!

  • Von neun bis zwölf neue Wörter lernen, ...
    derstandard.at/mas

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  • ... von zwei bis fünf neue Sprünge üben, ...
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    ... von zwei bis fünf neue Sprünge üben, ...

  • ... und in der Mittagspause gemütlich abhängen.
    derstandard.at/mas

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  • "Nicht so schwierig" finden Mansura und Farida den Kurs.
    derstandard.at/mas

    "Nicht so schwierig" finden Mansura und Farida den Kurs.

  • Bis 14 Uhr sind Buben und Mädchen zusammen, dann werden sie für die Sportstunden getrennt
    derstandard.at/mas

    Bis 14 Uhr sind Buben und Mädchen zusammen, dann werden sie für die Sportstunden getrennt

  • "Meine Mutter ist aus Algerien, mein Vater aus dem Libanon, ich bin aus Österreich": Nessie
    derstandard.at/mas

    "Meine Mutter ist aus Algerien, mein Vater aus dem Libanon, ich bin aus Österreich": Nessie

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