"Nach zwei, drei Minuten sind die dahergestürmt"

16. August 2009, 08:33
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Hunderte DDR-Bürger überquerten 19. August 1989 die ungarisch-österreichische Grenze - Zollwache-Chefinspektor Göltl erlebte den Ansturm mit

Eisenstadt - Die Flucht von Hunderten DDR-Bürgern, die am 19. August 1989 von Ungarn kommend, bei St. Margarethen die österreichische Grenze überquerten, bildete den Auftakt zu einer Massenfluchtbewegung. Johann Göltl, als Chefinspektor bei der Zollwache für die Grenzkontrolle zuständig, hat die Ereignisse damals miterlebt. Im Gespräch mit der APA erinnerte er sich an jenen Nachmittag, an dem die Flüchtenden die Grenze förmlich überrannten.

Die Zollwache war damals sowohl für die Pass- und die Zollkontrolle zuständig. Für den 19. August 1989 bekam das Zollamt Klingenbach den Auftrag, an der Grenze in St. Margarethen von 15.00 Uhr bis 18.00 eine Zoll- und Passkontrolle durchzuführen. Passieren durften laut den Anweisungen nur Österreicher und Ungarn, so Göltl.

Mit letzten Kräften

Eine halbe Stunde vorher besprach er mit seinem ungarischen Kollegen Arpad Bella die Abwicklung. Schließlich kamen beide überein, jeweils auf dem eigenen Staatsgebiet abzufertigen. Um 15 Uhr sollte Bella dann das holzumrahmte Tor im Grenzzaun öffnen, schilderte Göltl. Er selbst öffnete seinerseits den Schlagbaum auf österreichischer Seite.

"Nach zwei, drei Minuten sind sie dahergestürmt und haben die zweite Torhälfte niedergetreten und sind einfach durchgebrochen. Mit Kleinkindern, Kinderwagen, Gepäck - alles, was sie noch tragen haben können, haben sie mitgeschleppt. Mit letzten Kräften sind sie durch, volles Rohr, so schnell es gegangen ist", erzählte Göltl. Dabei sei auch seine Kappe hinuntergefallen. Er sei dann schnell zum ungarischen Kollegen und habe ihn gefragt: "Was ist da los?" Dieser habe geantwortet: "Du, Hans, ich weiß das nicht."

580 bis 600 Personen

Er habe sich getäuscht gefühlt, musste sich aber zunächst um die Flüchtlinge kümmern und ihnen sagen "sie sollen stoppen, sie sind in Österreich". "Die sind gelaufen mit den Kindern und den Kinderwagen." Einige Kinder fielen heraus, als die Wagen gegen Baumstümpfe stießen und weinten: "Das war ein totales Chaos."

Nach fünf bis sieben Minuten sei dann "der zweite Schwung" gekommen, so Göltl. "Auf drei Etappen sind sie so reingestürmt." Bis sich die Lage halbwegs beruhigte, habe es etwa eine Stunde gedauert. Dann befanden sich etwa 580 bis 600 Personen in Österreich. Einige Flüchtlinge setzten sich nieder und beruhigten die Kinder: "Die älteren Leute haben geweint, die jüngere Generation, die haben gejubelt und sich gefreut."

Er habe um Verstärkung vom Zollamt Klingenbach und von der Gendarmerie gefunkt. Gendarmen hätten die DDR-Bürger weiter nach St. Margarethen zur Sammelstelle dirigiert. "98 Prozent wollten ja sofort nach Deutschland. Die wollten ja nicht in Österreich bleiben", so Göltl.

Nach etwa einer Stunde wurde dann das Tor wieder bis auf eine Öffnung von etwa einem Meter Breite geschlossen. Der niedergetretene Flügel wurde aufgestellt. Danach durften wieder nur Österreicher und Ungarn passieren.

Soldaten mit Kalaschnikows marschierten auf

Mittlerweile seien ungarische Lkw an der Grenze eingetroffen und hätten 120 mit Kalaschnikows (russisches Sturmgewehr, Anm.) bewaffnete Soldaten abgesetzt, die die Grenze absicherten, schilderte Johann Göltl: "Da war nichts mehr zu machen. Da konnte keiner mehr durch."

Noch bevor die Soldaten anrückten, kam es zu einem Zwischenfall, berichtete der mittlerweile pensionierte Zollwachebeamte: Eltern hatten in dem Trubel, der beim Durchbruch herrschte, ihren Sohn verloren. Der etwa acht- bis zehnjährige Bub blieb schließlich jenseits der Grenze zurück. Seine Mutter habe sich an ihn gewandt und ihn gebeten: "Dort steht mein Sohn. Bringen sie mir meinen Sohn rüber. Wenn sie mir meinen Sohn nicht bringen, dann weiß ich nicht, was ich mache."

Zehn Minuten, nachdem er ihr gesagt hatte, dass er leider nichts mehr unternehmen könne, sei die weinende Mutter wieder zu ihm gekommen und habe ihm gesagt: "Ich bitte sie, bringen sie mir meinen Sohn. Wir haben den Entschluss gefasst, mein Mann und ich, wenn wir das Kind nicht bekommen, gehen wir nach Ungarn zurück. Die Kommunisten sollen mit uns machen, was sie wollen."

Gelungene Ablenkung

Die Frau habe ihm leidgetan, meinte Göltl. Schließlich sei er zu den ungarischen Beamten gegangen und habe sie in ein Gespräch verwickelt, um sie abzulenken. Ein junger Kollege von der Zollwache ging währenddessen zu dem Buben und sagte ihm, er solle ihm folgen und durch das Tor laufen. Tatsächlich funktionierte das Manöver. Die Eltern nahmen ihren Buben mit Freudentränen in Empfang.

Während sein Kollege Bella Verständnis für die Aktion gezeigt habe, sei plötzlich neben ihm der ungarische Zollchef in Zivil aufgetaucht und habe ihm gedroht, den Vorfall den österreichischen Behörden zu melden. 14 Tage später, als er privat nach Ungarn gefahren sei, habe sich der Zollchef dann bei ihm entschuldigt, so Göltl.

Auf des Messer Schneide

Um 18 Uhr wurde das Tor an der Grenze mit einer Kette geschlossen, auch auf österreichischer Seite fiel der Grenzbalken wieder. "Dann war diese Abfertigung beendet." Sein ungarischer Kollege habe ihm später von einigen schlaflosen Nächten erzählt, "weil er nicht gewusst hat, wird der Umbruch halten." Ansonsten wäre er von der Internierung bedroht gewesen.

Der Durchbruch am 19. August sei "der richtige Test" für die gesamte Massenflucht gewesen: "Wenn es da zu Schießereien gekommen wäre, dann wäre das Ganze nicht durchgegangen", meinte Göltl. "Der 'Probegalopp' war dort. Wenn das nicht funktioniert hätte, dann hätten sie das stoppen müssen." Für die ungarischen Behörden habe immer noch ein Schussbefehl bestanden für den Fall, dass beispielsweise Grenzorgane weggestoßen würden.

An den 19. August 1989 erinnert sich Göltl noch heute: "Das war schon ein sehr berührender Tag. Das ist unvergesslich." Er sehe das Geschehen noch vor sich, "wie wenn es vor einer Stunde gewesen wäre." (APA)

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    Am 19. August öffnet sich das Tor in den Westen für drei Stunden, wenn auch nicht für Ostblock-Bürger ...

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    ... Fast 700 DDR-Bürger nutzen dennoch die Chance zur Flucht.

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    Ein DDR-Bürger zerreißt ein offizielles Dokument der DDR für seine Rückfahrt aus Ungarn in die damalige Deutsche Demokratische Republik.

  • Der Bub zeigt eine Einladung zum "Paneuropaeischen Picknick" vom 19. August 1989 in Sopron, das auslösender Moment für die Massenflucht nach Österreich war.

    Der Bub zeigt eine Einladung zum "Paneuropaeischen Picknick" vom 19. August 1989 in Sopron, das auslösender Moment für die Massenflucht nach Österreich war.

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