Barmherzigkeit für den Attentäter von Lockerbie

13. August 2009, 17:29
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Libyer war 2001 zu 27 Jahren Haft verurteilt worden - Zweifel an Schuld von al-Megrahi auch unter Opferangehörigen - Prostatakrebs in fortgeschrittenem Stadium

Der wegen des Bombenanschlages auf eine Pan-Am-Maschine über Lockerbie von 1988 zu lebenslanger Haft verurteilte Abdelbaset Ali al-Megrahi ist todkrank - und soll in Freiheit sterben dürfen.

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Noch ist es nicht offiziell, aber es wird erwartet, dass der schottische Justizminister es in den nächsten Tagen bestätigt: Der Lockerbie-Attentäter Abdelbaset Ali al-Megrahi kommt frei. Er war der Einzige, der wegen des Bombenanschlags von 1988 auf eine Linienmaschine der Pan Am verurteilt werden konnte. Beim größten Terrorakt, der Großbritannien je traf, explodierte am 21. Dezember 1988 ein amerikanische Passagierflugzeug über dem schottischen Ort Lockerbie. 270 Menschen kamen ums Leben, 189 davon waren Amerikaner.

2001 war al-Megrahi zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der Grund seiner erwarteten Freisetzung ist jedoch keine Begnadigung. Schottlands Justizminister Kenny MacAskill, besuchte al-Megrahi vergangene Woche im Gefängnis und wird ihn "aus Barmherzigkeit" entlassen: Der Terrorist hat nur mehr weniger als drei Monate zu leben, er leidet an Prostatakrebs im Endstadium. Darum soll der Todkranke nach Libyen zurückkehren dürfen - um im Kreise seiner Familie zu sterben.

Zurzeit wollen jedoch weder schottische noch libysche Offizielle die Entlassung bestätigen. Dennoch dürfte die Entscheidung kommende Woche getroffen werden.

Angehörige der Opfer reagierten entrüstet - vor allem in den USA. Al-Megrahi, sagte etwa Kathleen Flynn, deren Sohn auf Flug 103 starb, "sollte niemals für Barmherzigkeit berechtigt sein. Hat er Barmherzigkeit für die Leute gezeigt, die er in die Luft sprengen würde?" In Großbritannien ist die Stimmung weniger eindeutig. Viele denken, dass al-Megrahi, der für den libyschen Geheimdienst arbeitete, nur ein Handlanger war.

Tatsächlich blieben viele Fragen offen: Das Verfahren, das 2001 in den Niederlanden stattfand, konnte al-Megrahi nur aufgrund von Indizien und einer nicht eindeutigen Zeugenaussage verurteilen. Ein Ladenbesitzer hatte ihn als jenen Mann identifiziert, der Kleidungsstücke gekauft hatte, mit denen die Kofferbombe umwickelt war. Allerdings identifizierte der Händler auch einen zweiten Kunden - der einer palästinensischen Terrorgruppe angehörte.

In al-Megrahis Wohnung in Uppsala fand die schwedische Polizei jedoch auch Zünder und einen Kalender, in dem der Tag des Anschlags markiert war. Doch die Hintergründe des Attentats blieben ungeklärt - bis heute. (Jochen Wittmann aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2009)

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    Die Maschine explodierte über dem schottischen Dorf, 270 Menschen fanden den Tod.

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    2001 war der heute 57-jährige libysche Geheimdienstmitarbeiter Abdelbasset Ali al-Megrahi als Attentäter zu 27 Jahren Haft verurteilt worden. Er selbst hat stets seine Unschuld beteuert und auch britische Opferangehörige äußerten Zweifel.

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