Eine Insel der Naivität

16. August 2009, 19:11
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Im Tiroler Landestheater eröffnete man mit einem szenischen Haydn-Doppel

Innsbruck - Vielleicht lag's an der Schwüle, sie tut ja Instrumenten nicht gut. Was aus dem Orchestergraben bei Haydns Oper L'isola disabitata - nebst der Kantate Arianna a Naxos - tönte, erinnerte jedenfalls bisweilen an ein mittelprächtiges Orchester. Die Academia Montis Regalis unter Alessandro De Marchi frustrierte durch Patzer und ungenaue Intonation, wo sie 2008 mitreißend und überaus präzise agiert hatte! Immerhin war bei der Kantate Schönes zu hören. Für Ariannas Klage um den untreuen Theseus erfand Haydn zarteste Lyrismen, die Stella Doufexis organisch interpretierte. Das Orchester begleitete sicher, mit teils markanten Tutti-Einsätzen, teils geradezu schwebenden Figuren.

Regisseur Christoph von Bernuth schafft Atmosphäre, die schwarz gekleidete Arianna agiert mit Verzweiflungsgesten vor einer goldbraunen Wand, die wie ein abstraktes Gemälde von Tàpies wirkt. Aus der autistisch Schmachtenden wird fast eine emanzipierte Frau, die sich zur Furie entwickelt. Ihr finaler Wutschrei führt stracks auf die Insel bei Haydns L'isola disabitata, Doufexis brilliert nun als Costanza, ihr Hassobjekt heißt nun Gernando.

Mit diesem ging sie auf Hochzeitsreise, als ein Sturm das Bötchen auf die Insel verschlug. Während Costanza schläft, entführen Seeräuber den Gatten, die Erwachende vermutet eine Eheflucht und zieht in den kommenden dreizehn Jahren ihre mitgereiste Schwester groß. Klar verschlägt es den Verschollenen wieder auf die Insel, und auch fürs Schwesterchen findet sich ein Liebespartner ...

Haydn löst hier erstmals den strengen Secco-Rezitativblock (Cello, Cembalo) durch einen fülligen Orchestersatz ab. Das klingt, wie gesagt, öfters unfreiwillig schräg, immerhin kommt etwas Power in die eher matte Stimmung auf der Bühne: Das Inselpersonal delektiert sich nämlich an Allerweltsgesten, wobei ein junger Tänzer als zappelndes Reh für naive Zoten sorgt. Ferner kommt der etwas doof wirkende Mann für Costanzas nicht minder naives Schwesterchen vom Bühnenhimmel herab, und die Hauptheldin selbst schlägt beständig (mal im Spaß, mal ernsthaft) auf eine Gatten-Puppe aus Stoff ein.

Recht wenig ist das alles für einen würdigen Festwochenauftakt, zumal Jeffrey Francis Costanzas Gatten mit dünnem Timbre ausstattete. Raffaella Milanesi (das Schwesterlein) erfreute indes durch Wohlklang, Furio Zanasi konnte ihr mit Schmelz Paroli bieten. Wegen Stella Doufexis erträgt man alle szenische und musikalische Malaise, sie dürfte momentan eine der spannendsten Sängerpersönlichkeiten sein - nicht nur fürs barocke Repertoire. (Jörn Florian Fuchs / DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2009)

 

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