Traurigkeit macht Spaß

13. August 2009, 17:07
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Interpol-Sänger Paul Banks entdeckt als Julian Plenti Licht im Dunkel: "... Is Skyscraper"

Die Idee, dass sich Sänger erfolgreicher Bands absehbar solo versuchen, ist nicht neu. Sie ergibt sich entweder aus Routine oder Langeweile. Oder deshalb, weil sich ein Songschreiber aufgrund endloser basisdemokratischer Diskussionen innerhalb einer Gruppe schlicht und einfach unverstanden fühlt. Oder aber das stilistische Bandkonzept ist dank Einflussnahme der Plattenfirma und strenger Marketingvorgaben einfach zu eng, um die Musiker unter dem alten Branding einmal ausscheren zu lassen.

Für Paul Banks trifft wohl auf sämtliche Aspekte ein gezieltes Jein zu. Der bei seiner dunklen, düsteren wie eleganten und elegischen Stammformation Interpol weitgehend anonym im Bandgefüge agierende New Yorker ist nun also (mit ein klein wenig Hilfe aus der Interpol-Umgebung) unter jenem Pseudonym unterwegs, das er lange vor der Bandgründung 2001 schon 1996 verwendete.

Als Julian Plenti erfindet Banks auf den elf Stücken von Julian Plenti Is Skyscraper seinen künstlerischen Stil nicht neu. Das kann und will der mit grummeligem, lebensmüdem Bariton im Stile Ian Curtis' von Joy Division oder Ian McCulloghs vortragende Mann als Sachwalter des britischen Postpunk wahrscheinlich gar nicht. Mit Laptop und ein klein wenig Hilfe von Freunden an Streichinstrumenten, Gebläse und Bass reißt Banks die von ihm bisher bekannten Songformate allerdings etwas auf und lässt Luft hinein.

Die Sonne scheint in dieser Welt zwar weiterhin höchstens weit über einer grauen Wolkendecke und Songs wie Fun That We Have künden inhaltlich vom Gegenteil. Das Instrumental Skyscraper mit seinen Querflöten und gezupften Akustikgitarren oder die verhallte Klavierballade Madrid Song weisen in ihrer elegischen Qualität, die an den SciFi-Kitsch eines Vangelis für den Soundtrack zu Blade Runner erinnert, aber Richtung retrofuturistischer Optimismus.

Der hymnische, gut losmarschierende und mit im Barockstil frohlockender Trompete behübschte Song Unwind sorgt bis auf den Mittelteil gar für so etwas wie zarte Euphorie. All das Leid an dieser Welt war nicht sinnlos, die Fürbitten haben geholfen. Paul Banks lächelt jetzt manchmal. Schon taucht er dadurch in der Klatschpresse an der Seite des Supermodels Helena Christensen auf. Na bitte! (schach / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15./16.8.2009)

 

Julian Plenti - Julian Plenti Is Skyscraper (Matador/Edel)

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    matador/edel
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